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Angeborene Herzfehler : Darios schwaches Herz wird stark

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6000 Kinder kommen jedes Jahr in Deutschland mit einem Herzfehler zur Welt. Die Heilungschancen werden immer besser - wie das Beispiel vom kleinen Dario zeigt.

Neumünster | Dario hat keine Angst. Die Klebeplättchen auf seiner Brust, die seine Herzströme messen, bringen ihn nicht aus der Ruhe. Das Abhorchen von Brust und Rücken mit dem Stethoskop - für den Zweieinhalbjährigen ist es Routine. Ein zaghaftes "Aua" entfährt ihm erst, als Dr. Johannes Kandzora das kühle Gel für die Ultraschalluntersuchung - die "Zaubercreme" - auf seiner Brust verteilt. "Wir machen nicht mehr Aua", beruhigt der Kinderkardiologe.
Das große Aua hat der kleine Dario Sven Lüdtke hinter sich. Mit acht Monaten muss der Junge aus Neumünster am Herzen operiert werden. Er leidet an der Fallot-Tetralogie, einer Kombination von vier angeborenen Herzfehlern: einer Verengung der Arterie, die zur Lunge führt, und einem Wanddefekt der Herzkammer. Außerdem ist, als Folge der ersten beiden Defekte, die Körperschlagader verrutscht, der Herzmuskel vergrößert. Die Leistungsfähigkeit des Herzens ist stark eingeschränkt - ohne Operation droht Kindern, die mit einer Fallot-Tetralogie geboren werden, Lebensgefahr. Benannt wurde die Erkrankung nach dem französischen Pathologen Etienne-Louis Fallot, der sie 1888 erstmals beschrieb.

Plötzlich läuft nichts mehr problemlos

Etwa 6000 Kinder, knapp ein Prozent, kommen jedes Jahr in Deutschland mit einem Herzfehler zur Welt, sagt Kinderarzt Kandzora aus Neumünster. Jedes zehnte von ihnen mit einer Fallot-Tetralogie. Eine Diagnose, von der sich seine Mutter Sandra Lüdtke "völlig überrollt" fühlte. "In der Schwangerschaft wurde nichts Ungewöhnliches festgestellt. Ich war überzeugt, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.“ Doch als die damals 30-Jährige am 21. September 2010 mit Wehen in die Klinik kommt, läuft plötzlich nichts mehr problemlos: Die Herztöne des Ungeborenen klingen Besorgnis erregend: Zu laut. Und viel zu schnell.
Dario wird per Notkaiserschnitt geholt - und direkt auf die Intensivstation gebracht. Seine Haut schimmert bläulich, weil das kranke Herz sauerstoffarmes - blaues - Blut in die Hauptschlagader pumpt, ohne dass es in der Lunge ausreichend mit Sauerstoff angereichert werden konnte. Die Blausucht (Zyanose) ist ein typisches Symptom der Fallot-Tetralogie, erklärt Kandzora, tritt jedoch nicht bei allen Säuglingen auf. "Dann ist die Krankheit an den ungewöhnlichen Herzgeräuschen erkennbar."

Ungewissheit und Angst bestimmt die erste Zeit

Die Diagnose der Ärzte ist für die Eltern ein Schock. "Wir haben nur begriffen, dass unser Sohn herzkrank ist", erinnert sich Sandra Lüdtke. "Und dass er in die Uniklinik nach Kiel gebracht werden soll." Ungewissheit und Angst bestimmen die kommenden Tage, Wochen und Monate. Sieben Wochen bleiben Mutter und Baby im Krankenhaus. "Einmal hatte er drei Nächte nacheinander zyanotische Anfälle, lief blau an und wurde bewusstlos", erzählt Sandra Lüdtke. Bei nur 55 Prozent liegt die Sauerstoffsättigung seines Blutes in diesen beängstigenden Momenten. Optimal ist ein Wert zwischen 95 und 98 Prozent, ab 70 besteht Lebensgefahr.
Dass Dario operiert werden muss, steht fest. Unklar ist nur, wann. "Um das Komplikationsrisiko gering zu halten, sollten die ersten drei Lebensmonate abgewartet werden", sagt Kandzora. "Ist der Herzfehler schwerwiegender, ist eine OP schon kurz nach der Geburt oft aber unumgänglich." Dario darf erst einmal nach Hause; Medikamente und Besuche in Kandzoras Praxis gehören für Familie Lüdtke zum Alltag. Er schläft ruhig und und wirkt "wie ein ganz normales Kind", erzählt seine Mutter. Doch die Sorge bleibt. "Wir haben immer geguckt: Ist er zu müde? Läuft er blau an?" Als Dario mit sieben Monaten nach einem Schreianfall für einige Sekunden bewusstlos wird, ist Eltern und Kinderarzt klar: Die OP sollte nicht länger hinausgezögert werden.

"Eine segensreiche Entwicklung"

Warum Kinder mit einem Herzfehler geboren werden, sei weitgehend unklar, sagt Johannes Kandzora. "Einige sind genetisch bedingt; in anderen Fällen spielt Alkoholkonsum in der Frühschwangerschaft eine Rolle." Doch während Fehlbildungen früher meist das Todesurteil bedeuteten, ist die Sterblichkeit in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. "Die Diagnostik, auch die pränatale, und die Behandlungsmethoden sind immer besser geworden", sagt der Kardiologe. "Eine segensreiche Entwicklung."
Am 12. Mai 2011 ist es soweit. "Panik, aber auch Erleichterung, dass es endlich losgeht" bestimmen die Seelenlage von Sandra Lüdtke, bevor ihr Sohn in der Kieler Uniklinik im Operationssaal verschwindet. Auf 18 Grad Celsius wird sein kleiner Körper heruntergekühlt, das Herz für den Eingriff künstlich zum Stillstand gebracht. Fünfeinhalb Stunden bleibt Dario im OP. Fünfeinhalb Stunden, in denen sein Leben an der Herz-Lungen-Maschine hängt. Die Chirurgen erweitern die zu enge Lungenarterie; das Loch in der Scheidewand zwischen den beiden Herzkammern wird mit einem Flicken verschlossen. Ein kleines Stück Kunststoff, das auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts in Kandzoras Praxis als heller Streifen zu erkennen ist. Und dafür sorgt, dass nur noch sauerstoffreiches Blut den Weg in die Hauptschlagader findet.
"Sensationell gut" sei die Operation verlaufen, sagt der Kinderarzt, der Dario nur noch alle sechs Monate routinemäßig untersucht. Mit dem Gedanken, dass ihr Sohn eventuell in der Pubertät noch einmal operiert werden muss, kann Sandra Lüdtke "gut leben". Angst und Unruhe bestimmen heute nicht mehr ihr Leben, Dario ist "fit wie ein normales Kind. Wenn man ihn beim Toben auf dem Spielplatz sieht, glaubt man nicht, dass er herzkrank ist."

Die Serie: Kinderkrankheiten
An jedem ersten Donnerstag im Monat dreht sich auf der Nordisch-gesund-Seite alles um die Gesundheit der Kinder. Zusammen mit niedergelassenen Kinderarztpraxen und -kliniken stellen wir Krankheitsbilder, Therapiemöglichkeiten und persönliche Geschichten vor. Die Serie wird fachlich beraten durch Prof. Dr. Frank-Michael Müller.

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erstellt am 05.Jun.2013 | 02:55 Uhr

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