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Diako Flensburg : Damit Kinderseelen gesund bleiben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Flensburger Diako führt im Februar ein neues Behandlungsangebot für psychisch kranke Frauen und ihre Kinder ein

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Gunnar Rau verzieht das Gesicht. Mit tapsigen Bewegungen seiner Hände und Arme will er Petra Vienhues auf sich aufmerksam machen. Doch ihr Blick bleibt starr. Zusehends rutscht Rau auf seinem Stuhl hin und her, quengelt. Würde die frostige Haltung seiner Mutter, gespielt von Petra Vienhues, Wochen, Monate, Jahre andauern, nähme seine kleine Seele auch Schaden. Doch Rau ist kein Kleinkind und Vienhues nicht seine Mutter. Die beiden Ärzte arbeiten im Diakonissenkrankenhaus Flensburg und zählen zum Team, das zum Februar 2014 ein neues Angebot in der Diako einrichtet, das die Akteure für längst überfällig halten – und das im Land äußerst rar gesät ist (siehe Info-Kasten).

Zum Februar 2014 führt das Krankenhaus zwei stationäre Mutter-Kind-Behandlungseinheiten für psychisch erkrankte Frauen ein, die auch die Aufnahme ihrer Kinder (bis ein Jahr alt) einschließt. Gerade psychische Erkrankungen beinhalteten „Interaktionsstörungen“, erklärt Dr. Frank Helmig, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Konsequenterweise werden Mutter (oder auch Vater) und Kind während der Behandlung eben nicht voneinander getrennt.

Mit ihrer Spielszene – nach dem Vorbild des Still-face-Experiments des Wissenschaftlers Dr. Edward Tronick von der amerikanischen Harvard Universität – wollen die Oberärztin der psychiatrischen Klinik, Petra Vienhues, und der leitende Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Gunnar Rau, verdeutlichen, was passiert, wenn eine Mutter die Signale ihres Kindes vernachlässigt und es auflaufen lässt. Geschehe dies über längere Zeit, „wissen die Kinder gar nicht, was normale Reaktionen sind“, erläutert Rau. Er erinnert sich an ein Schlüssel-Ereignis, das ihm Gänsehaut verursacht. „Ich habe noch nie einen schönen Augenblick mit meinem Kind gehabt“, zitiert er einen schockierenden Satz einer Patientin. Sie bedürfe dringend einer Behandlung.

„Die Zeit um Schwangerschaft und Geburt ist die Zeit im Leben einer Frau, in der sie am gefährdetsten ist, eine psychische Erkrankung zu bekommen“, sagt Petra Vienhues. Doch der Bedarf an Mutter-Kind-Einheiten sei in Deutschland erst zu einem guten Fünftel gesichert. Dabei sei die Bereitschaft, sich ausbehandeln zu lassen, bei Müttern wesentlich höher, wenn auch das Kind aufgenommen werde.

Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie warnt vor einem „Drehtür-Mechanismus“, der bewirke, dass die nicht zu Ende therapierte Mutter zügig wieder in Behandlung muss, wenn sie instabil entlassen werde. Studien hätten zudem ergeben, dass mehr als die Hälfte der Kinder, deren Mütter nach der Geburt an Depressionen litten, mit 19 Jahren psychisch auffällig werden.

Psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche und die Gabe von Medikamenten zählen zu den Modulen der Behandlung. „Oft hört man den Satz: ,Mein Kind mag mich nicht‘“, berichtet Vienhues von Ängsten ihrer Patientinnen. Doch anhand von Video-Sequenzen kann sie die Mütter meist vom Gegenteil überzeugen, ihnen zeigen, „wie gut sie sind“. Spiel-, Ergo- und Musiktherapie sind weitere Behandlungsmöglichkeiten. Das Kind sei ja gesund, warum müsse es dann ins Krankenhaus – diese Frage stellten sich die Krankenkassen, mit denen gerade über die Finanzierung des neuen Angebots verhandelt werde, erzählt Frank Helmig. Doch ist er wie seine Kollegen von der Nachhaltigkeit überzeugt und hofft, das Höchstalter der Kinder hinaufzusetzen, „wenn es gut läuft“.

Überzeugt sind auch die Förderer des „innovativen Ansatzes, der unserem Menschenbild entspricht“, sagt Peter Pioch, Meister vom Stuhl der Flensburger Freimaurer-Loge „Leuchte im Norden“. Die Loge spendet 1500 Euro für karitative Zwecke für die Mutter-Kinder-Behandlungseinheiten und gewann zudem die Krause-Stiftung und das Freimaurerische Hilfswerk in Berlin, jeweils den gleichen Betrag einzubringen. Von den 4500 Euro soll die Erstausstattung, darunter Wärmelampen, Kindersitz und Wickelkommode, angeschafft werden.

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