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Bewegung wirkt oft besser als Medizin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aktiv-Tag der Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf soll Lust aufs Radfahren, Wandern und Walken machen

Es war knapp für Sigrid Brohr. Denkbar knapp. Immer wieder hatte die 67-jährige Flensburgerin schon bei leichter körperlicher Anstrengung Probleme mit dem Luftholen gehabt. Sie schob es auf ihr Asthma und ihren erhöhten Blutdruck – bis bei einem Spaziergang durch den Wald plötzlich nichts mehr ging. „Es fühlte sich an, als ob der Atem an eine Sperre gekommen sei.“ Sigrid Brohr konnte den Notarzt alarmieren. Eine Katheter-Untersuchung im Krankenhaus ergab: Eines ihrer drei Herzkranzgefäße war zu 97 Prozent verengt, auch in den beiden anderen hatten sich Ablagerungen gebildet. Diagnose: Koronare Herzkrankheit. Eine aufwendige Operation, bei der der Brustkorb geöffnet und drei Bypässe gelegt werden mussten, rettete ihr Leben.

„Die Kranzgefäße versorgen das Herz über das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen“, erklärt Horst Theede. „Bei der Koronaren Herzkrankheit sind sie durch eine Gefäßverkalkung verengt. Kommt es zu einem Verschluss, ist ein Herzinfarkt die Folge.“ Oft werde die Krankheit lange nicht erkannt – bis es zu spät sei. „Hätte Sigrid Brohr nicht den Notarzt gerufen, hätte es übel ausgehen können“, sagt der Flensburger Kardiologe (Herzspezialist).

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems führen weltweit am häufigsten zum Tode – und wären doch in vielen Fällen vermeidbar. Denn Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes sind Risikofaktoren, die sich verhindern oder abmildern ließen: mit bewusster Ernährung, wenig Alkohol und dem Verzicht auf Zigaretten. Und ausreichend Bewegung, wie Heidemarie Berke betont, Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf in Schleswig-Holstein (LAG). „Sie hilft nicht nur, die Gesundheit zu erhalten. Bei vielen Krankheiten wirkt Bewegung als Heilmittel sogar besser als Medikamente.“

Erkenntnisse, die allerdings kaum in die Praxis umgesetzt werden. Es herrsche ein „dramatischer Bewegungsmangel“, beklagt Berke. 10 000 Schritte sollte ein durchschnittlich belastbarer Mensch täglich zurücklegen, laute die Empfehlung. Tatsächlich seien es bei der Mehrzahl der Deutschen nur 2000 bis 3000. Tendenz abnehmend. Appetit auf Bewegung will die LAG darum auch in diesem Jahr wieder mit ihrem Herz-Aktiv-Tag am 17. Mai machen (siehe Hinweis am Ende des Textes).

Sigrid Brohr hat nach dem „Schreckschuss“ ihren Lebensstil umgestellt. Sie versucht, mit dem familiären Stress, der sie schon lange belastet, anders umzugehen. Sich auch mal eine Auszeit zu nehmen. Und sie treibt regelmäßig Sport – unter anderem einmal pro Woche in einer Flensburger Herzsportgruppe, die die LAG landesweit anbietet. Zwar sei bei vielen Herzpatienten die Angst groß, sich zu überfordern, weiß der langjährige Herzsportarzt Horst Theede. Doch gerade für sie sei Bewegung wichtig, um die Gesundheit zu stärken – allerdings unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle.

Auch Thomas Herrmann-Grull besucht die Flensburger Gruppe regelmäßig. 2011 erlitt der Krankenpfleger einen Infarkt. Und fand sich als Patient an seinem Arbeitsplatz plötzlich „auf der anderen Seite“ wieder. „Erst da habe ich wirklich begriffen, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“ Eine Erfahrung, die er lange nicht verarbeiten konnte. Die sportliche Aktivität gebe ihm neues Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit, die mit dem Herzanfall verloren gegangen sei, sagt der 59-Jährige. Für seelischen Auftrieb sorgt aber auch die freundliche Atmosphäre unter den Mitsportlern. „Anders als im Job gibt es keinen Leistungsdruck. Da zählt nur der Mensch.“

Diese „psychosoziale Komponente“ der Herzsportgruppen betont auch Heidemarie Berke. Viele Herzpatienten neigten dazu, Belastungen zu verdrängen und eine Rolle zu spielen, um Anerkennung zu bekommen. „Sie müssen erstmal die Erfahrung machen, dass sie geschätzt werden. Auch wenn sie nicht in ihrer Funktion als Kollege, Chef oder Familienvorstand auftreten.“


Der Herz-Aktiv-Tag der Landesarbeitsgemeinschaft Herz und Kreislauf findet am Sonnabend, 17. Mai, erstmals an mehreren Orten statt. In Zusammenarbeit mit regionalen Partnern werden Wanderungen, Fahrradtouren und Nordic Walking angeboten. Die Angebote sind auch für Ungeübte jeden Alters geeignet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen: www.herzintakt.net; Telefon: 0431 - 530 31 38; E-Mail: info@herzintakt.net.

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erstellt am 07.Mai.2014 | 09:50 Uhr

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