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Ernährung & Gesundheit

22. Oktober 2017 | 04:00 Uhr

Operationen : Avatar auf medizinisch

vom

Als erste Klinik in Deutschland verwendet die Diakonissenanstalt in Flensburg das neue Verfahren der 3D-Operation, das so manche Arbeit erleichtert.

shz.de von
erstellt am 25.Jan.2013 | 12:35 Uhr

Flensburg | Die Situation wirkt etwas surreal. Auf den ersten Blick ähneln die Männer den "Men in Black". Von Science-Fiction ist die Szenerie allerdings weit entfernt, auch wenn sie futuristisch anmutet. Denn der Ort, an dem sich die Ärzte aufhalten, ist der Operationssaal der Diakonissenanstalt in Flensburg. Die Mediziner, die große schwarze Brillen tragen, befreien eine Patientin von einem Nierentumor - und das in einer Art und Weise, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat: in einer 3D-Operation.
Als erstes deutsches Krankenhaus verwendet das Team um den Chefarzt der Urologischen Klinik, Prof. Dr. Tillmann Loch, die neueste Entwicklung von der Firma Olympus in der Routine. Die Operation wirkt wie eine Reise durch den Körper. Durch vier kleine Schnitte, gerade einmal kleinfingergroß, werden Kamera und Instrumente bei der so genannten Schlüssellochchirurgie eingeführt. Die Nieren liegen hinter dem Bauchfell. Sie sind durch ein schützendes Fettpolster eingepackt, das der durchführende Operateur Dr. Udo Paul erst entfernen muss.

Neue OP-Technik soll zur Normalität werden

Durch die 3D-Ansicht auf dem Bildschirm, der neben dem OP-Tisch steht, können die Ärzte tief in den Körper hineinschauen. Die Strukturen des Gewebes sind genau zu erkennen. Auf dem Weg zur Niere sieht man schon die Milz im Hintergrund. "Ein Wunderwerk der Technik", meint Loch. Ein bisschen ähnelt es dem 3D-Animationsfilm "Avatar". Und dann sagt Loch zwei Sätze, die durch ein euphorisches Lächeln unterstützt werden. "Ich bin vollkommen begeistert. Wir wollen den Begriff der 3D-Operation bundesweit prägen." Loch, der seit sechs Jahren im Organisationskommitee für die europäischen urologischen Leitlinien vertreten ist, will die Urologische Klinik der Diako zu einem Zentrum für minimalinvasive urologisch-operative Krebstherapie machen. Er hat ehrgeizige Pläne.
Bisher waren solche Operationen nur durch einen Roboter mit dem Namen "Da Vinci" möglich, direkt am Patienten konnte der operierende Arzt dabei aber nicht sein. Von der neuen Technik gibt es in Europa nur einen Prototypen. In den ersten Monaten des kommenden Jahres soll die neue Technik dann dauerhaft in den Arbeitsalltag der Urologischen Klinik integriert werden. Die Diakonissenanstalt wird das erste Krankenhaus in Deutschland sein. Kostenpunkt für die Anschaffung: etwa 150.000 Euro.

Präziseres und leichteres Arbeiten

Der 25 Mal 30 Millimeter große Tumor, der an diesem Tag entfernt werden muss, ist quer durch die linke Niere gewachsen. Das macht die Sache für die Mediziner schwierig. Zu Beginn der Operation wissen sie nicht, ob es klappt, einen Teil der Niere zu retten. Gespannt gehen die Blicke der Anwesenden auf einen HD-Bildschirm.
Udo Paul ist leitender Oberarzt. Er ist ein erfahrener Chirurg und Urologe, hat schon viele Nierenteilentfernungen vorgenommen. Bisher aber immer im 2D-Videosystem, auf das die neue Technik aufbaut. Die dritte Ebene mussten sich die Operateure dazu denken. Für erfahrene Mediziner wie Paul ist das kein Problem. Allerdings betont Chefarzt Loch: "Durch die neue Entwicklung bekommen wir eine exaktere Art der Darstellung, die uns eine bessere Orientierung ermöglicht und so vor allem bei komplexen Eingriffen die Arbeit erleichtert." Durch zwei kleine Linsen an der Spitze der 10 Millimeter breiten Optik können selbst Details in High Definition sichtbar gemacht werden. Die Spitze der Kamera lässt sich um 100 Grad abwinkeln. Gerade bei Operationen mit viel Nahtarbeit sei die neue Technik von Vorteil. Loch erklärt es so: "Das ist, als ob man von einem alten Auto auf ein neues mit Servolenkung umsteigt."

Ein gelungener Abschluss

Die Operation läuft nach Plan. Nach etwa zwei Stunden kommt die entscheidende Phase. Der Tumor wird entfernt und direkt an die Pathologie im Hause geschickt, die ihn untersucht. Ist der Tumor gutartig, kann die Operation beendet werden, ist er bösartig, muss Oberarzt Paul die ganze Niere rausnehmen. Der Anrufer aus der Pathologie hat gute Nachrichten. "Alles ist so gelaufen, wie wir es uns gewünscht haben", sagt Loch. Nach wenigen Tagen kann die Patientin das Krankenhaus schon wieder verlassen. Sie, aber auch das Team von Prof. Loch, können in eine spannende, aber beruhigende Zukunft schauen.

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