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Ernährung & Gesundheit

17. Dezember 2017 | 19:30 Uhr

Marokko : Aus Flensburg in die Oase

vom

Der ehemalige Chefarzt der Flensburger Diako, Abderrahman Machraoui, belebt eine Partnerschaft mit seiner marokkanischen Heimatstadt.

shz.de von
erstellt am 21.Jun.2013 | 05:49 Uhr

Roter Staub bedeckt die weißen Waschbecken im Sozialzentrum für Nomaden. Wenig später muss ein guter Geist durch die Toiletten gewirbelt sein. Oder ein guter Gast. Seife liegt bereit, und der Schmutz ist verschwunden. Hand angelegt hat Professor Abderrahman Machraoui. Er ist Kardiologe und Angiologe und hat also ein Gespür für sanitäre Sauberkeit. Außerdem trägt Machraoui eine kleine Kamera mit sich, die er bei Gelegenheiten wie diesen zückt und dokumentiert, wo es hapert mit der Hygiene.
Das Centre Social des Nomades in Elhallouf befindet sich zwischen der Oasenstadt Figuig und dem 40 Kilometer entfernten Sffeissif-Staudamm im Osten Marokkos. Das lichte flache Gebäude mit Wänden noch rötlicher als der Wüstensand ist recht neu und vor allem auf eine gemeinsame Initiative zweier französischer Organisationen gebaut (der Fédération des Associations de Figuig Maroc en France und der Association Khamsa Solidaire Ici et Ailleurs) mit finanzieller Unterstützung vieler Partner.

Themenabend war Keimzelle zum Arabischen Frühling

Das Nomadenzentrum dient diversen Zwecken, darunter der Sensibilisierung für Umweltbildung, der Alphabetisierung, der Erleichterung medizinischer Kampagnen, Aufklärung zum Thema Überschwemmung, Bildung für Frauen. Auch Drogenabhängige werden hier resozialisiert. Das Zentrum ist eine Perle, die sich einreiht in die Kette von Orten, die der Arzt Abderrahman Machraoui mit Kollegen aus Flensburg, mit Lehrern und anderen Engagierten gerade besucht hat. Der medizinische, kulturelle, ökonomische Austausch, die Partnerschaft Flensburgs mit Machraouis marokkanischer Geburtsstadt Figuig gedeiht.
Keimzelle war ein Themenabend an der Diako zum Arabischen Frühling, den der ehemalige Arzt für Nephrologie der Diako, Dr. Peter Lorenzen, initiiert hatte. Seiner Idee ist der stete Fortschritt des Vorhabens zu verdanken. Aus dem Themenabend erwuchsen Figuig-Workshops. Der dritte folgt im Herbst und ist auch mit einer Reise in die Oasenstadt mit rund 13000 Einwohnern verbunden - für die Mediziner, Musiker, Unternehmer, die im Mai keine Zeit hatten.

Machraoui nutzt Wissen für sein Heimatland

Der 65-jährige Machraoui ist Mitte März als Chefarzt der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt zu Flensburg in den Ruhestand gegangen. Seit 1999 - so lange wie König Mohammed VI inzwischen Marokko regiert - hat er die Medizinische Klinik geleitet. Er ist ein Oasenkind und zählt offenbar zur siebenköpfigen Gruppe der ersten marokkanischen Abiturienten, die ein DAAD-Stipendium für das Studium in Deutschland erhielten. Gerade mal 18 Jahre alt war er, als er am 30. November 1966 in Casablanca in den Flieger von Royal Air Maroc stieg, um in Hannover zu landen. Vor dem Studium in Marburg und Heidelberg absolvierte er vier Monate lang einen Sprachkurs im Goethe-Institut in Lüneburg - auf Deutsch, in der Sprache, in der er inzwischen zu Hause ist. Nach dem "schlimmsten ersten Jahr" ging es über die Stationen Heidelberg, Kassel, Lille, Bochum, Kiel und Flensburg für den Überflieger nur noch aufwärts: Staatsexamen, Promotion, Habilitation. 
Machraouis Wissen und seine Erfahrung gehen nicht in Rente. Er nutzt sie, um entlang vielfältiger Netzwerke weiterhin etwas für sein Heimatland zu tun. Das Gründungsmitglied des C3M (Réseau des Compétences Médicales des Marocains du Monde) und der AG-Leiter "Medizin und Gesundheit" des Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerks weiß, dass das Sozialzentrum für Nomaden in Lhallouf ursprünglich mit Wind elektrischen Strom erzeugt hat, bis die Anlage - wegen Windes - kaputt gegangen sei. Nun wird Sonnenenergie genutzt. Dies habe die EU mit 200000 Euro gefördert. Ein paar Meter neben dem Gebäude wird eine Ziege im Ganzen gegrillt - für die Gäste nur das Beste. So schmeckt wahre Gastfreundschaft. Kinder laufen herum, setzen sich auf eine Bank, scheuen die Kameras - der 96-jährige Mann auf der daneben nicht.

"Marokko ist offen"

 Beinahe beiläufig, schon im Hinausgehen, kehrt Machraoui nochmal in ein Untersuchungszimmer ein. Er misst den Blutdruck bei mehreren Männern im Zentrum und gibt ärztlichen Rat. Die internationale Gruppe muss sich gedulden, das Team vom marokkanischen Fernsehsender 2M, das die Delegation auf dieser Etappe begleitet, auch - und die Kinder. Denn sie werden essen dürfen, was von der gegrillten Ziege übrig ist, sobald die Gäste weg sind. Endlich machen sich die Besucher auf den holprigen Weg zum Staudamm. Der liegt ruhig, ist fast fertig, kann aber noch nicht an den Start gehen, sagt der 71-jährige Arabi Hilali, der Bergbau in Deutschland studiert hat und jahrzehntelang in Rabat ein geologisches Institut geleitet hat. Wasser ist das Elixier für die Landwirtschaft in der Region Figuig, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige, wenn nicht der wichtigste.
Um Defizite wettzumachen, hat das Landwirtschaftsministerium eine Strategie im Jahr 2010 ausgerufen, "Maroc Vert", Grünes Marokko. Hilali sagt, das Land brauche Investoren und Zusammenarbeit, um das Feld voranzubringen. "Produzieren kann jeder, aber weitermachen" - das klingt ganz modern nach Nachhaltigkeit. "Wir sind dabei, Figuig als Bio-Region zu etablieren", kündigt Hilali an und spricht auch von Deutschen als Wunschpartnern; die Sympathie für das Land beschreibt er als historisch. "Marokko ist offen."

1001 Palmen sollen entstehen

Die besten Dattel(palme)n sollen aus Figuig kommen. In der Tat sind sie köstlich, nicht zu süß, die Häute zart. Sowohl Machraouis Weggefährte und bester Freund Abdeljebbar Khiati, Mathematik-Professor und Berater des Finanzministeriums in Paris, als auch die Stadt Figuig haben einen Plan: Für die Stadt kommt hier das Wasser aus dem Staudamm ins Spiel, die Reaktivierung einer Genossenschaft und 254 Hektar eines Palmenhains.
Khiati schwebt vor, unterstützt von mehreren Vereinen, die Zahl der Palmen bis 2020 auf 240000 zu verdoppeln - zu erstaunlich günstigen Kosten. "Noch in diesem Jahr sollen 1001 Palmen entstehen, die in vier bis fünf Jahren tragen sollen - die Arbeiten haben schon begonnen", berichtet Machraoui vom Vorhaben seines Freundes. Von "nur den besten Sorten" ist in Arabi Hilalis Zukunftsvisionen die Rede; gemeint sind "Aziza" (die "Blaue") und "Almajhoul" (der "Unbekannte)", konkretisiert der Flensburger Machraoui. 

Partnerschaft fruchtet in Medizin und Schule

Die Konferenz im neuen Kulturzentrum mitten in Figuig, wo am Abend das Oasenfestival zum siebten Mal über die Bühnen geht, widmet sich weiteren Feldern, auf denen die Partnerschaft fruchten könnte. In der Medizin zum Beispiel gelingt das bereits: Schon mehrfach hospitierte etwa medizinischer Nachwuchs aus Marokko in der Flensburger Diako. Dr. El-houcine Sabbar vom Figuig Health Centre sagt aber auch, dass ein Mediziner auf 6000 Leute komme und folgert: "Das Hauptproblem ist der Personalmangel." Das ist nicht das einzige Defizit. Der Krankenhaus-Chef präsentiert eine Mängelliste und bedauert auch: "Bei Infarkten kann man hier nichts machen." Abderrahman Machraoui entgegnet: "Die Liste ist geschrieben - wir nehmen sie mit und gucken, wo wir helfen können."
Auf großes Interesse trifft auch Dr. Ulrich Schröder, Radiologe und ehemals Ärztlicher Direktor der Diako in Flensburg, der seine Erfahrungen mit der Telemedizin auf Sylt teilt. Sehr konkret und von überzeugten Beteiligten getragen wirkt schon der künftige Schüleraustausch zwischen dem Flensburger Alten Gymnasium und Machraouis ehemaliger Schule, dem Lycée Ennahda.

Viel Dank und Lob für die Mission

Ein Flensburger Notfallkoffer wird telegen überreicht, der Flensburger erhält Urkunde, Applaus mit Blitzlichtgewitter und Dattelpalme. Bei diesen Ehrungen bleibt es nicht. Der Oasensohn erfährt noch mehr Würdigung bei einer eigens für ihn einberufenen Festveranstaltung im Hof einer weiteren früheren Schule, der Ecole El Hassania, die heute Kooperative ist. Wegbegleiter, Freunde von früher geben Anekdoten aus der Kindheit und Laudationen auf Hocharabisch zum Besten - damit alle die Sprache verstehen.
Seit kurzem ist übrigens auch Berberisch (Tamazight) offiziell anerkannt. So sei Abderrahman Machraoui als Schulkind stets von Schlägen verschont geblieben - sicher nicht nur, weil er so zart war, sondern auch weil er keinen Anlass zum Tadel bot. Mit gurgelndem Gejubel goutieren die angereisten Schwestern und Cousinen die Leistungen ihres erfolgreichen Verwandten. Dieser bedankt sich schließlich herzlich, lenkt jedoch alsbald von seiner Person auf seine Mission. Er adressiert die Jugend und ermutigt sie, sich insbesondere den Naturwissenschaften zuzuwenden, plädiert für gute Bildung, bleibt bescheiden und unaufgeregt.

Viele gebildete Kinder am Nordrand der Sahara

Die Botschaft kommt an. Die Oase am Nordrand der Sahara bringt überdurchschnittlich viele gebildete Kinder hervor, die in der Welt ihr Glück finden. Irgendwann am Gendarmerie-Posten der von drei Seiten durch die geschlossene algerische Grenze umgebenen Oasen-Stadt plaudert ein Polizist mit den ausländischen Besuchern und betont, das Ziel der Marokkaner sei, Gutes in der Welt zu tun. Machraoui korrigiert mit einem Lachen: "Das Beste!"

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