Patient Mayer oder Meier? : Aus Fehlern in der Arztpraxis lernen

Armin Wunder, Facharzt für Allgemeinmedizin in Frankfurt am Main, nimmt an dem Modellprojekt CIRSforte zum systematischen Fehlermanagement in Arztpraxen teil.
Armin Wunder, Facharzt für Allgemeinmedizin in Frankfurt am Main, nimmt an dem Modellprojekt CIRSforte zum systematischen Fehlermanagement in Arztpraxen teil.

Was in Krankenhäusern Standard ist, gibt es in Arztpraxen noch kaum: ein systematisches Fehlermanagement. Das soll sich jetzt ändern. Ein Online-Portal kürt sogar den «Fehler des Monats».

shz.de von
06. August 2018, 15:10 Uhr

«Mein Name ist Armin Wunder, ich bin Hausarztund ich mache Fehler», sagt der Allgemeinmediziner und schiebt gleichhinterher: «Das ist ein Statement, klar.»

In seiner Praxis inFrankfurt am Main gehört es zum guten Ton, zuzugeben, wenn etwasschief lief. Da muss der Chef mit gutem Beispiel vorangehen.

Dass das nicht überall so ist, kann wohl jeder Patient aus eigenerErfahrung berichten. Der Gegenentwurf heißt: Ich bin Arzt und habeimmer Recht, Fehler machen nur die anderen. Eine Einstellung, dienicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich ist. Das Institut fürAllgemeinmedizin der Universität Frankfurt, das AktionsbündnisPatientensicherheit und die Techniker Krankenkasse wollen jetztanschieben, dass in Arztpraxen ein Kulturwandel beginnt.

400 Praxen können deutschlandweit an einem Programm teilnehmen, dassich CIRSforte nennt. CIRS steht für «Critial Incident ReportingSystem», also ein Berichtssystem für kritische Ereignisse. InKrankenhäusern sind CIRS-Systeme seit langem gang und gäbe. Nunsollen sie auch im ambulanten Sektor etabliert werden.

Die Projektverantwortlichen sehen großen Nachholbedarf: «DieMöglichkeiten, die das Lernen aus Fehlern bietet, werden imambulanten Bereich noch deutlich zu wenig genutzt», steht in demFlyer, mit dem um Studienteilnehmer geworben wird.

Die Gemeinschaftspraxis von Dr. Wunder und seinen Kollegen war eineder ersten, die sich angemeldet haben. Für sie ist Fehlermanagementein alter Hut. Schon seit Jahren treffen sich die fünf Ärzte und diefünf medizinischen Fachangestellten regelmäßig, um in gemeinsamenTeamgesprächen durchzugehen, welche Pannen passiert sind. MitCIRSforte hoffen sie, «dass wir noch mehr sensibilisiert werden, aufFehler zu achten und über Fehler zu sprechen», sagt der 57-Jährige.

Vielleicht sind Fehler beim Hausarzt nicht immer so schwerwiegend wieim Krankenhaus, aber auch hier sind sie vermeidbar. Oft ist es nureine Kleinigkeit, die die Behandlung für den Patienten sicherermacht, etwa ein zweiter Blick auf das Rezept. Stimmt dieWirkstoffmenge, stimmt die Packungsgröße? Die Angestellten prüfen,was der Arzt aufschreibt, und der Arzt unterschreibt nichts, ohne esnoch einmal zu lesen. Um zu vermeiden, dass Patienten mit ähnlichenNamen verwechselt werden, werden Herr Mayer und Herr Meier immer nachdem Geburtsdatum gefragt.

Besonders krasse Fälle veröffentlicht die Praxis auf dem Portal «Jeder Fehler zählt» . Das Fehlerberichts- und Lernsystem fürHausarztpraxen wirbt mit dem Slogan: «Man muss nicht jeden Fehlerselber machen, um daraus zu lernen». Praxen können dort anonymBerichte einstellen und darüber diskutieren. Es gibt praktische Tippszur Fehlervermeidung und einen Fahrplan für die Fallanalyse.

Alle vier Wochen gibt es auf «Jeder Fehler zählt» den «Fehler desMonats». Ausgewählt wird nicht etwa der schlimmste Fehler, wie dasProjektteam am Institut für Allgemeinmedizin erklärt, sondernbesonders typische oder häufige Irrtümer «und auch solche, von denenwir glauben, dass man anhand dieses Berichtes besonders viel und gutlernen kann».

Wie zum Beispiel aus dem Fall mit dem Blutzuckermessgerät: EineMitarbeiterin hatte das Gerät falsch herum gehalten und einenaberwitzig hohen Wert abgelesen, die Patientin kam ohne Not insKrankenhaus. In den meisten Praxen würde es bei Erklärung undErmahnung bleiben, aber Dr. Wunder sagt: «Der Satz «Pass halt besserauf» bringt überhaupt nichts.» Man müsse «ent-emotionalisiert»darüber sprechen, was passiert sei und wie man es vermeiden könne. Indiesem Fall wurde beschlossen, Anfänger besser einzuweisen, dieErgebnisse gegenzuchecken und am Gerät zu markieren, wo oben ist.

«Jeder Fehler ist ein Schatz», sagt Prof. Ferdinand Gerlach, Direktordes Instituts für Allgemeinmedizin: Fehler böten die Chance,«gemeinsam aus kritischen Ereignissen in der Praxis zu lernen und sodie zukünftige Versorgung der Patienten in der Hausarztpraxis nochsicherer zu machen.» Damit sich eine «Fehlerkultur» entwickeln kann,brauche es einen offenen Umgang mit Pannen. Die richtige Frage seinicht «Wer war schuld», sondern «Was war schuld».

In Krankenhäusern hätten sich solche Fehlerberichts- und Lernsystemeschon lange etabliert, sagt Barbara Voß, Leiterin derLandesvertretung Hessen der Techniker Krankenkasse (TK). Sie seien«wichtige Instrumente des klinischen Risikomanagements». Inambulanten Praxen habe man eine solche «Sicherheitskultur» nicht,zumindest nicht flächendeckend. Nötig wäre das durchaus, glaubt Voß:Jeder dritte Ärztepfusch-Vorwurf von TK-Versicherten betreffe eineambulante Behandlung.

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