Ärztemangel : Auf dem Weg zum Land ohne Hausärzte

Die Zahl der Hausärzte in Schleswig-Holstein sinkt. Experten fordern die Kommunen auf, sofort gegenzusteuern. Foto: nnn
Die Zahl der Hausärzte in Schleswig-Holstein sinkt. Experten fordern die Kommunen auf, sofort gegenzusteuern. Foto: nnn

Mindestens 600 Mediziner geben bis 2018 ihre Praxen auf - nur 40 rücken nach. "Wir haben zu lange gepennt", sagt ein Professor freimütig.

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21. April 2013, 08:58 Uhr

Sankelmark | Der Patient "Landarzt" kämpft in Schleswig-Holstein ums Überleben. Mindestens 600 niedergelassene Hausärzte verabschieden sich in den kommenden fünf Jahren in den Ruhestand. Im schlimmsten Fall gehen bis zu 900 der derzeit 1900 Hausärzte in Rente. Dem stehen laut Kassenärztlicher Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) derzeit nur acht Mediziner gegenüber, die pro Jahr nach bestandener Facharztprüfung eine Hausarztpraxis eröffnen oder übernehmen - Tendenz weiter fallend. "Wir haben zu lange gepennt. Es wird zu einer drastischen Verschlechterung der ärztlichen Versorgung kommen, besonders auf dem Land", sagte Prof. Heiner Dunckel von der Universität Flensburg bei einer Podiums-Diskussion der Hermann-Ehlers-Akademie in Sankelmark (Kreis Schleswig-Flensburg).

Noch dramatischer wird die Lage dadurch, dass die Arbeit für die Hausärzte deutlich zunehmen wird. "Weil immer mehr ältere Menschen in unserem Land immer älter werden", sagt der Mediziner und langjährige Rektor der Uni Flensburg. 2025 sind eine Million Schleswig-Holsteiner älter als 60, die Zahl der Schlaganfälle und Demenzen wird sich verdoppelt haben.

Flächendeckende Katastrophe droht - "ab sofort"

"Viele Kommunen meinen, Ärztemangel ist nicht ihr Problem. Doch ohne punktuelle Hilfe vor Ort droht eine flächendeckende Katastrophe - nicht irgendwann, sondern ab sofort", sagte Walter Behrens, Geschäftsführer der Sozialstation in Handewitt bei Flensburg. Günstige Kauf- oder Mietangebote für Praxis und Wohnraum, Betreuungsplätze für Kinder, Jobangebot für den Partner und weitere Lockmittel sind gefordert, um Mediziner aufs Land zu holen. "Zumal zwei Drittel der Medizinstudenten heute Frauen sind. Für die ist es wichtiger als für Männer, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen", sagte Behrens.

Die Senkung des hohen Numerus Clausus, die Aufwertung der Fachrichtung Hausarzt durch weitere Lehrstühle an den Unis, günstige Kredite für die Praxis-Finanzierung, ein Honorierungssystem mit Planungssicherheit, Abbau der Praxisbürokratie sowie Stipendien und Stiftungsgelder für Studenten, die Hausärzte werden wollen, lauteten weitere Vorschläge gegen den bevorstehenden Notstand. "Alles, was hilft, ist gut", sagte der Handewitter Hausarzt Stefan Jost (63), der auch keinen Nachfolger findet. Greifen könnten alle Punkte aber erst in 15 Jahren - so lange dauert im Schnitt die Ausbildung zum Hausarzt.

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