Auswirkungen auf die Psyche : "Armut kann die Seele krank machen"

Wenn der Druck zu groß wird: Auch immer mehr jüngere Menschen sind von Armut betroffen. Foto: Michael Staudt
Wenn der Druck zu groß wird: Auch immer mehr jüngere Menschen sind von Armut betroffen. Foto: Michael Staudt

Die neue Chefärztin der Psychiatrie an der Imland-Klinik, Dr. Anna Christina Schulz-Du Bois, erklärt, wie sich Armut auf die Psyche auswirken kann.

shz.de von
26. Januar 2013, 02:06 Uhr

Rendsburg | Keine Arbeit, kein Geld, keine Perspektive: Wer in die soziale Abwärtsspirale gerät, kämpft nicht selten mit Minderwertigkeitsgefühlen und gesellschaftlicher Isolation. Kurze düstere Stimmungen können sich verfestigen - und sich zur Depression auswachsen. Über die möglichen Auswirkungen von Armut auf die Psyche sprach die Landeszeitung mit der neuen Chefin der Psychiatrie der Imland-Klinik, Dr. Anna Christina Schulz-Du Bois (47).

Frau Dr. Schulz-Du Bois, wie definieren Sie Armut?
Armut wird ja zuallererst immer an einer finanziellen Grenze festgemacht. Wer Hartz IV bekommt, gilt allgemein als arm oder von Armut gefährdet. Armut bedeutet für mich auch einen Mangel an Lebensqualität - wenn also nur Grundbedürfnisse befriedigt werden können, keine weiteren Wünsche wie einfach mal ins Kino zu gehen. Das setzt Menschen stark unter Druck. Die Kinderarmut nimmt zu, Sozialmaßnahmen werden abgebaut. Arbeitslosigkeit gehört ebenso dazu, soziale Isolation. Deutlich weniger Möglichkeiten als andere zu haben - das ist ein Stigma.

Haben Sie selbst schon mal, in der Studienzeit etwa, erfahren, was es heißt, kaum Geld zu haben?
Stimmt, während meines Studiums habe ich nicht wahnsinnig viel Geld gehabt. Ich musste immer etwas dazuverdienen. Mit vielen Nachtwachen im Krankenhaus habe ich mir das Studium finanziert. Aber für mich gab es natürlich immer die Perspektive, dass es sich verändert. Viele haben diese Perspektive nicht.
Inwiefern kann sich Armut auf die Gesundheit der Seele auswirken?
Der Druck ist es, der die Psyche oft stark belastet. Für immer mehr Menschen nimmt der Druck stetig zu. Druck durch Geldmangel, Unsicherheiten und Verdichtung in der Arbeitswelt und im privaten Umfeld lösen erheblichen Stress aus. Das wiederum kann krank machen - sich beispielsweise psychisch auswirken, als Depression, in Süchten, Panikstörungen oder auch Psychosen. Der Druck erhöht sich noch, wenn dadurch ein Arbeitsplatz gefährdet wird oder sogar eine Arbeitsunfähigkeit entsteht. Genauso kann es Stress bedeuten, wenn man den ganzen Tag nur rumsitzt, nicht gebraucht wird und keine Struktur im Alltag hat. Das vermindert das Selbstwertgefühl, verstärkt Einsamkeit. Solche Krisen, die mit Verzweiflung und Perspektivlosigkeit einhergehen, können bis zu Suizidgedanken führen, die eine stationäre Behandlung erfordern. Andererseits gibt es auch eine Gruppe von Menschen, die durch eine psychische Erkrankung gar nicht erst die Chance bekommen, eine Ausbildung abzuschließen oder in die Arbeitswelt einzusteigen - und so gesellschaftlich nicht aufsteigen können. Wenn Sie als junger Mensch erkranken, fallen Sie durchs Netz. Solche Patienten betreuen wir hier in Rendsburg auch.

Nicht jeder, der in Armut lebt oder langfristig arbeitslos ist, wird psychisch krank. Warum erkrankt der eine und der andere nicht?
Jeder wird mit einer bestimmten genetischen Prädisposition geboren. Dazu kommen die Wurzeln. Hat man eine gute Bindung zu den Eltern oder nicht. Hat ein Kind die Chance, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Stresssituationen im Leben können das Fass zum Überlaufen bringen. Brüche im Leben: Eine Trennung, ein Kind, Todesfälle, Verrentung oder auch ein Arbeitsplatz-Verlust. All das kann bei Menschen mit bestimmten Vorbelastungen psychische Erkrankungen auslösen. Andere wiederum weisen eine hohe Resilienz auf - eine hohe psychische Widerstandsfähigkeit - und erkranken nicht. Auf jeden Fall gilt: Je stärker der Stress im Umfeld, desto höher die Gefahr. Das erklärt, warum immer mehr Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen psychisch erkranken.

Woran kann ein Mensch merken, dem es nicht gut geht, dass er ärztliche Hilfe braucht - und nicht einfach nur "schlecht drauf" ist?
Wenn Symptome wie Traurigkeit, Antriebsminderung und Interessenverlust über mindestens 14 Tage vorhanden sind, spricht dies für eine Depression. Hinzu können Schlafstörungen, Grübelneigung, Appetitminderung und manchmal sogar lebensmüde Gedanken kommen. Manche Menschen leiden an Angsterkrankungen. Ohne erkennbare Ursache kommt es zu Panikattacken mit schweren körperlichen Symptomen, die für den Betroffenen lebensbedrohlich wirken.
Wo können Sie in Rendsburg in der Unterstützung ansetzen?
Meist wenden sich die Betroffenen zunächst an den Hausarzt, der eine diagnostische Einschätzung vornimmt und gemeinsam mit dem Betroffenen überlegt, welche Hilfsmaßnahmen sinnvoll sein könnten. Die Auswahl der Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und den Wünschen und Bedürfnissen des Patienten. Schwere psychiatrische Erkrankungen sollten durch einen Psychiater oder Nervenarzt behandelt werden. Manchmal ist auch eine teilstationäre oder stationäre Behandlung an den Klinikstandorten in Rendsburg und Eckernförde sinnvoll. Auch die Angehörigen des Erkrankten sollten in eine Behandlung einbezogen werden. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Kinder psychisch kranker Eltern gerichtet werden. Diese haben ein hohes Risiko, später selbst seelisch zu erkranken, weil sie eine genetische Sollbruchstelle haben und beispielsweise depressives Verhalten schon früh lernen. Menschen in sozialen Einrichtungen, Kindergärten, Schulen müssen für diese Problematik sensibilisiert werden.

Zur Person
Dr. Anna Christina Schulz-Du Bois (47). Die Ärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und für Neurologie ist gebürtige Schleswig-Holsteinerin und war nach ihrem Medizin-Studium in Kiel sowie Zwischenstationen in Bad Bramstedt und Damp lange Zeit am Uniklinikum in Kiel als leitende Oberärztin und stellvertretende Direktorin tätig. Sie hat sich auf affektive Störungen spezialisiert - unter anderem Depressionen, bipolare Störungen sowie Angst- und Zwangsproblematiken.

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