Früher den Krebs erkennen : "Anna" rettet Leben

Weltweit einmalig in Flensburg: Urologe Prof. Tillmann Loch  mit seiner 'Anna'. Foto: Staudt
Weltweit einmalig in Flensburg: Urologe Prof. Tillmann Loch mit seiner "Anna". Foto: Staudt

Einmalig genau diagnostiziert eine von Tillmann Loch entwickelte Software Prostata-Tumore. Patienten aus ganz Europa kommen wegen "Anna" nach Flensburg.

shz.de von
07. April 2010, 05:56 Uhr

"Ich habe einen Traum", sagt Tillmann Loch, einer der renommiertesten Urologen Europas. "Ein Arzt aus China schickt Ultraschallbilder zu uns, wir werten sie aus, danach wird der Patient in China bestmöglich behandelt oder operiert." Diesem Traum ist der Chefarzt der Urologie an der Flensburger Diako einen großen Schritt näher gekommen. Denn seine "Anna", die schon hunderte Leben gerettet hat, geht jetzt ans Netz.
"Anna" - die Artifizielle Neuronale Netzwerkanalyse - ist Tillmann Lochs Kind, weltweit einmalig und von der internationalen Urologie-Fachschaft aufs höchste ausgezeichnet. Der Privatdozent hat dafür eine spezielle Software - basierend auf Daten von unzähligen Krebs-Operationen - entwickelt und mit einem Ultraschallgerät vernetzt. Ergebnis: Auf dem Ultraschallbild werden durch rote Punkte für die Augen unerkennbare Bereiche der Prostata markiert, an denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Tumore sitzen oder an denen aussagekräftige Gewebeproben entnommen werden können.
Diese Entnahmen erfolgen ohne "Anna" nach dem Zufallsprinzip. 20, oft mehr als 100 Gewebeproben müssen dann entnommen werden. Durch das von Prof. Tillmann Loch entwickelte Analyseverfahren sind nur noch wenige, zielgenaue Biopsien nötig. Bei den mehr als 4000 Patienten, die wegen "Anna" in den vergangenen Jahren aus ganz Deutschland und Europa nach Flensburg pilgerten, wurden hunderte Krebstumore frühzeitig erkannt, dadurch zahlreiche Leben gerettet.
Erfolgreiche Testphase
Da es "Anna" weltweit nur in Flensburg gibt, müssen bisher alle Patienten, die ihre wertvollen Dienste nutzen wollen, in die Diako kommen. Dort werden auch die Gewebeproben entnommen. Mit einem industriellen Partner hat Tillmann Loch das Unikat jetzt zu einem netzwerkfähigen Modul weiterentwickelt. Aus ganz Deutschland können nun Bilder an das Analyse-Referenzzentrum von "C-TRUS/Anna" gesandt und nach der Auswertung mit den markierten, krebsverdächtigen Stellen an den Absender zurückgeschickt werden. Gewebeproben und Operationen erfolgen vor Ort.
Die Testphase verlief erfolgreich. Rund 90 Prozent der deutschen Urologen verfügen laut Loch bereits über ein "Anna"-kompatibles Ultraschallgerät. Viele von ihnen hospitierten bereits im Flensburger Krankenhaus, um sich die Grundlagen der erfolgreichen Krebsdiagnostik vermitteln zu lassen.
Das Land fördert das "Netzwerk innovative urologische Tumordiagnostik Flensburg" als Leitprojekt der Gesundheitsinitiative mit insgesamt 460.000 Euro. Eine finanzielle Unterstützung, die für das zwar stetig wachsende, aber immer noch kleine Team von Tillmann Loch immens wichtig ist.
Universitäres Niveau erreicht
Denn in Flensburg gibt es bisher nicht eine einzige wissenschaftliche Stelle. "Dennoch haben wir universitäres Niveau erreicht - ohne ein echt motiviertes Team und die tolle Kooperation mit den Urologen der Region wäre das nicht möglich gewesen", betont Tillmann Loch, den der "Focus" in seiner Liste der bundesweit besten Mediziner für Krebsleiden auf Platz vier setzte.
Sicher auch für die Erfolge der innovativen Entfernung von Geschwülsten und Steinen durch Laser oder Stoßwellen - also ohne Hautschnitt -, die onkologische Behandlung aller urologischen Organtumore und die Erfolge der minimal-invasiven Knopflochchirurgie an der Diako.
"Anna" wurde bei voller Fahrt - mitten im turbulenten Klinikalltag - bis zur Produktreife erforscht. Für Deutschlands einziges Mitglied in der "European Association of Urology" kein Grund, nun nur noch zufrieden am OP-Tisch zu stehen. Denn die lernfähige "Anna" könnte auch auf anderen Gebieten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den häufigsten Männerkrebs leisten, der bei frühzeitiger Erkennung zu 85 Prozent heilbar ist. So könnte sie laut Loch nach der Fütterung mit genügend Daten eine Art Kataster für die Kriterien von gutartigen Tumoren erstellen.
Und dann ist da ja noch der Wunsch nach der weltweiten Vernetzung, die für den erfolgreichen Urologen nicht mehr lange ein Traum bleiben soll.

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