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Seltene Krankheiten : Agnosie – Blind für Geräusche oder Gesichter

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Es ist für die meisten selbstverständlich: Ein Treffen mit Freunden oder der Weg zum Supermarkt. Für Agnosie-Erkrankte sind diese Situationen problematisch.

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2013 | 06:57 Uhr

Manchmal erkennen sie die eigene Familie nicht wieder. Agnosie-Erkrankte können Stimmen, Gesichter oder an sich bekannte Räumlichkeiten nicht erkennen. Eine Agnosie kann erworben werden (etwa durch einen Schlaganfall) oder angeboren sein. Da die angeborene Form der Erkrankung noch nicht lange bekannt ist, hat die Erforschung gerade erst begonnen. Über die Zahl der Betroffenen lässt sich nichts Eindeutiges sagen. In Schleswig-Holstein gab es 2012 laut der Barmer GEK nur 96 Patienten mit der Diagnose. Möglicherweise wird bei vielen Schlaganfall-Erkrankten die Diagnose Agnosie häufig zwar bemerkt, aber nicht offiziell gestellt, weil andere Symptome vorrangig sind.

Agnosien kommen häufig nach Schlaganfällen vor

Dr. Henning Stolze, Chefarzt der Neurologie des Flensburger Diakonissenkrankenhauses erklärt: "In der Neurologie sind bestimmte Formen der Agnosie relativ häufig." In vielen Fällen können Patienten nach einem Schlaganfall nicht mehr lesen oder rechnen. Doch auch andere Formen der Agnosie sind zu beobachten: "Das Nicht-Erkennen der eigenen Erkrankung (Anosognosie) kommt vor. Häufig gibt es Patienten, die nicht wahrnehmen, dass sie nichts oder nur eingeschränkt sehen können." Es ist wichtig, diese Einschränkung zu erkennen, um Unfällen vorzubeugen. Doch die Ursachen sind auch hier unklar: "Warum das so ist, weiß man nicht", sagt Stolze. Bei einer Agnosie ist das betroffene Sinnesorgan intakt. Das Problem liegt im Gehirn.

Bei den Therapiemöglichkeiten äußert sich Stolze ganz klar: "Man muss diese Personen fördern, um den Defiziten entgegenzuwirken." Um das Gesichtsfeld zu trainieren, gibt es Programme. Das Schreiben und Rechnen muss auch geübt werden. " Dann können sich die Einschränkungen verbessern", sagt Stolze.

Probleme, sich in bekannten Räumen zurechtzufinden

Weniger häufig ist laut Stolze bei Schlaganfallpatienten die Tastblindheit (Astereognosie). Bei dieser Form der Agnosie funktioniert zwar der Tastsinn, aber trotzdem können Gegenstände oder Personen durch das Ertasten nicht wahrgenommen werden. Dies ist auch bei Demenzerkrankten zu beobachten. Ebenso ist es mit der Topographagnosie. Wer betroffen ist, hat Probleme sich in eigentlich bekannten Räumlichkeiten zu orientieren. So können bereits kurze Wege, auch in den eigenen Räumen, zum Problem werden.

Der Experte gibt zu bedenken, dass die Agnosie-Therapie bei diesen erworbenen Formen sehr anstrengend für die Betroffenen ist: "Alles, was wir automatisch machen, darauf müssen diese Menschen sich sehr stark konzentrieren." Aber dann könnten sie die meisten Dinge auch schaffen.

Gesichtsblinde Menschen orientieren sich an Haarfarbe

Die Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) ist die am meisten erforschte Form der Agnosie. Die angeborene Variante wird häufig als Begleiterkrankung bei Autismus beobachtet, ist aber nicht mit diesem zu verwechseln. Stolze vermutet, dass diese Form der Agnosie häufig bei Demenzkranken vorkommt, aber nicht diagnostiziert wird. Betroffene nehmen die Gesichter anderer Menschen zwar wahr, haben aber Schwierigkeiten, sie wiederzuerkennen. Ähnlich geht es Europäern, wenn sie in ein asiatisches Land kommen und versuchen die Menschen auseinanderzuhalten. Es fällt schwer, jemanden wiederzuerkennen, ohne sich an anderen Merkmalen (wie Kleidung) zu orientieren. Genauso machen es auch gesichtsblinde Menschen: Sie orientieren sich häufig an der Haarfarbe, der Kleidung oder dem Gang ihres Gegenübers. Viele haben gute Erfahrungen mit einem offenen Umgang (z.B. im Freundeskreis) mit ihrer Beeinträchtigung gemacht, denn so können Freunde sich beispielsweise sofort mit Namen vorstellen.

Die Seelentaubheit (Phonagnosie) ist eine seltene Form der Agnosie. Betroffene haben Probleme mit dem Wiedererkennen von Stimmen. Sie erkennen auch ihre engsten Verwandten nicht anhand der Stimme wieder. Auch diese Form der Agnosie kann angeboren sein. Betroffene haben die meisten Probleme am Telefon. Dafür lassen sich aber Strategien entwickeln, um im Alltag zurechtzukommen. In der heutigen Zeit gibt es zudem die Rufnummernanzeige, so dass in den meisten Fällen klar ist, wer gerade anruft.

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