Der Veggie-Burger, der sogar blutet : Beyond Meat: Sieht aus wie Fleisch, riecht wie Fleisch – aber schmeckt es auch?

Sieht aus wie Fleisch, ist aber keins: Eine Frikadelle von 'Beyond Meat'. Foto: Jakob Boerner
Sieht aus wie Fleisch, ist aber keins: Eine Frikadelle von "Beyond Meat". Foto: Jakob Boerner

Der erste Burger, der nach Fleisch schmeckt, ohne dass Fleisch drin ist. Kann das stimmen? Ein Selbsttest.

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20. März 2019, 05:02 Uhr

Hamburg | Ja, ich esse Fleisch. Wenig. Sehr wenig sogar. Aber ich esse es. Trotz der Geschichten über vermeintlich schlechte Tierhaltung, Schlachthaus-Skandale und Ähnliches, die ich teils selbst recherchiere. Trotz des schlechten ökologischen Fußabdrucks, den Fleisch hat. Trotz der Meldungen, das Fleisch nicht allzu gut für die Gesundheit sein soll. Warum esse ich es also? Weil es schmeckt.

Ein Start-up mit dem Namen „Beyond Meat“ will Flexitariern wie mir auch dieses letzte Argument nehmen. Das Unternehmen aus Kalifornien entwickelt Fleischersatz aus pflanzlichen Proteinen, der genauso schmecken soll, wie das Original. In den USA bereits ein ziemlicher Erfolg.

Demnächst soll der „Beyond Burger“ auch in deutschen Supermärkten zu kaufen sein – mit Unterstützung von PHW, dem Mutterkonzern des deutschen Geflügelfleisch-Produzenten Wiesenhof. Jetzt wurde zum Testessen nach Hamburg geladen. Zeit für einen Selbstversuch!

„Hören Sie sich das an“, frohlockt Seth Goldman, leicht über die Bratpfanne gebeugt. Er trägt den Titel "Executive Chairman" von Beyond Meat, Typ: US-Amerikanischer Start-up-Unternehmer. Also die irritierende Mischung zwischen kalkulierendem Geschäftsmann und überzeugtem Missionar.

Foto: Jakob Börner
Jakob Boerner
Foto: Jakob Börner

Von Mission spricht er bei diesem Mittagessen des Öfteren. Doch zurück zum Herd: Vor Goldman in der Pfanne liegt das Patty. Es brutzelt vor sich hin:

Klingt tatsächlich so, als wäre es aus echtem Fleisch. Ist es aber nicht, sondern aus Erbsen, Bambus, Kokosnuss, Kartoffeln und rote Beete. Letztere wohl vor allem aus optischen Gründen, denn der Patty soll „bluten“.

Im Labor ist diese Rezeptur entstanden, die den klassischen Bratlingen aus Hack den Garaus machen soll, weil das pflanzenbasierte Produkt so schmeckt wie echtes Fleisch. Ganz wichtig: „Beyond Meat“ kommt ohne Gentechnik und Soja aus. Und ist glutenfrei. Nur „Bio“ fehlt noch, um alle Mega-Ernährungstrends der vergangenen Jahre in einem Produkt zu vereinen.

Natürlich – es gibt in Supermärkten und Restaurants bereits jetzt Fleischersatz für den Hamburger. Gemüsebratlinge beispielsweise. Aber mal ehrlich: Gaumenfreuden sind das beim besten Willen nicht. Mit viel Ketchup geht es irgendwie.

Goldman weiß das. Er zeigt ein Bild, das am Rande eines Hurricanes in einem Supermarkt in Texas entstanden sein soll: Alle Regale leer, nur das mit vegetarischen und veganen Produkten ist noch rappelvoll:

Goldmans Fazit: Selbst in großer Not meiden viele offenbar diese Produkte.

Die Zielgruppe für den Unternehmer sind nicht diejenigen, die Fleisch ohnehin meiden, sondern diejenigen, die es manchmal essen, weil es schmeckt. Man nennt sie auch Flexitarier. Sie machen einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus und damit einen interessanten Kundenkreis. Wohingegen Vegetarier und erst recht Veganer nach wie vor eine ziemliche Minderheit sind.

Das Argument: Taste is King

Auch ich würde mich als Flexitarier bezeichnen. Goldman – selbst Vegetarier – hat die Schwachstelle dieser Bevölkerungsgruppe erkannt: „Taste is king“ – Geschmack ist König. Niemand wolle einen Burger essen, der wie Holz schmeckt, sagt er. Stimmt. Und weil der „Beyond Burger“ eben besser sein soll, als der herkömmliche Fleischersatz, liegt er in den USA zwischen dem regulären Fleisch im Supermarktregal.

Zu recht? Zeit für die Verkostung: Nach fünf bis sechs Minuten ist der Patty durch. Optisch kommt er sehr nah an das Original heran. „Auf dem Grill hätten sie sogar die Grillstreifen“, betont Goldman. Optik also okay. Ein bisschen Druck auf den Patty und es zeigt sich, wie saftig er ist.

Foto: Dirk Fisser
Foto: Dirk Fisser

Auch von der Struktur her ist im Mund kaum ein Unterschied auszumachen.

Und der Geschmack? Nah dran, sehr nah dran. Aber nicht ganz. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein? Vielleicht wäre es mir bei einer Blindverkostung gar nicht aufgefallen? In den USA zumindest schwören viele Prominente auf „Beyond Meat“. Der Rapper Snoop Dogg beispielsweise. Für folgende Lobhudelei in sozialen Netzwerken bekam er angeblich kein Geld:

Große Fastfood-Ketten haben den „Beyond Burger“ mittlerweile im Angebot. Anders als Snoop Dogg finde ich nach meinem persönlichen Geschmackstest: Geschmackssache.

Und für viele wohl auch eine Frage des Preises. Bis zum Sommer will „Beyond Meat“ mit seinem fleischfreien Burger in deutschen Supermärkten sein. Dafür hat man sich mit PHW zusammengeschlossen, dem Wiesenhof-Mutterkonzern. Er bringt die Ware in die deutschen Regale.

Eigentlich sollte „Beyond Meat“ dort schon liegen. Importiert aus den USA. Weil die Nachfrage in den USA selbst aber so groß war, fehlte es an Kapazitäten, auch noch für den europäischen Markt zu produzieren. Über den Großhandel sind die Pattys aber zu haben.

Vier Euro Preisaufschlag

Mehrere Hamburger-Ketten in Hamburg und anderen Großstädten bieten sie an. Der Blick auf die Speisekarten verrät: Wer sich für den „Beyond Meat“-Burger entscheidet, muss einen Preisaufschlag von vier Euro im Vergleich zur Alternative aus Fleisch zahlen.

Ob das dem als preissensibel bekannten deutschen Publikum zu vermitteln ist? Goldman und PHW sind überzeugt davon, dass das klappt. Aufgrund der guten Argumente: Goldman legt Untersuchungen vor, wonach sein Produkt 99 Prozent weniger Wasser, 93 Prozent weniger Land und 43 Prozent weniger Energie verbraucht, als der herkömmliche Fleisch-Burger. Die Treibhausgas-Emissionen sollen um 90 Prozent geringer ausfallen – Export nach Deutschland nicht berücksichtigt.

„Wir überspringen mit unserer Produktion die Kuh und den Schlachthof“, sagt Goldman. Sein Patty kommt aus der Fabrik. Und weil sich so eine Produktion fast beliebig ausweiten lässt, glaubt er daran, dass der „Beyond Burger“ mittelfristig billiger sein wird als die fleischliche Konkurrenz. Goldman spricht von einer Mission.

Bald Fabrik in Deutschland?

Beim familiengeführten PHW-Konzern aus Niedersachsen ist man da etwas zurückhaltender. „Letztlich entscheidet das der Kunde“, sagt PHW-Manager Marcus Keitzer.

Foto: Jakob Börner
Jakob Boerner
Foto: Jakob Börner

Er leitet den Geschäftsbereich alternative Proteinquellen, also Alternativen zum Wiesenhof-Hähnchen. Wenn es gut liefe, könnte er sich vorstellen, dass sein Konzern bald keinen neuen Schlachthof baut, sondern eine Veggie-Burger-Fabrik.

Noch hätten die ungewöhnlichen Geschäftspartner ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal im Supermarkt. Aber auch die Konkurrenz hat dieses Wachstumsfeld entdeckt. Der Lebensmittelgigant Nestlé will beispielsweise den Patty "Incredible Burger" an den deutschen Kunden bringen – ebenfalls eine Fleischalternative basierend auf pflanzlichen Proteinen. Und PHW selbst hat in das israelische Startup „Supermeat“ investiert, das im Labor echtes Fleisch wachsen lässt. Vielleicht der nächste große Trend.

Einstweilen bleibt den Flexitariern nur, auf den Burger aus pflanzlichen Proteinen zu warten. Ich werde ihm noch eine zweite Chance geben. Goldman verspricht, man werde das Produkt weiterentwickeln. Und die Produktpalette erweitern: um Würstchen und Rinderhack - ohne Rind natürlich.


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