Chef-Bademeister im Interview : "Eltern sollten ihr Smartphone im Freibad auch mal zur Seite legen"

Der Expertenrat: Nichtschwimmer dürften nur mit Schwimmhilfen ins Schwimmbecken und müssen auch dann ständig beobachtet werden. Foto: Jan Woitas/dpa
Der Expertenrat: Nichtschwimmer dürften nur mit Schwimmhilfen ins Schwimmbecken und müssen auch dann ständig beobachtet werden. Foto: Jan Woitas/dpa

Immer wieder ertrinken Kleinkinder in Seen oder Freibädern. Doch solch tragischen Unglücke können vermieden werden.

shz.de von
21. Juli 2018, 05:00 Uhr

Hamburg | Ein fünf Jahre alter Junge ist am Donnerstag in einem Bremer Freibad ums Leben gekommen. Das Kind ertrank im Nichtschwimmerbecken. Dort, wo der Junge im Wasser gefunden wurde, hatte das Becken eine Tiefe von etwa 80 Zentimetern. Eine weitere tragische Meldung eines Kindes, das bei einem fröhlichen Ausflug ins Freibad um Leben kam. Wie können grundsätzlich solche Unglücke vermieden werden? Für Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Schwimmmeister, steht fest: Vor allem die Eltern sind hier gefragt.

Herr Harzheim, warum kommt es immer wieder zu tragischen Unglücken in Schwimmbädern?

Peter Harzheim: Das hat nach unseren Beobachtungen mehrere Gründe. Vor allem aber hat eines nachgelassen: die Aufsichtspflicht der Erziehungsberechtigten. Früher haben Eltern, Großeltern viel öfter zusammen mit den Kindern im Becken Zeit verbracht, um die Kleinen zu beschäftigen.

Was ist anders geworden?

Immer mehr Eltern schauen auf ihr Smartphone und nicht mehr nach links oder rechts – und schon gar nicht nach ihren Kindern. Heute hat man - ich sag es mal ganz krass - das Gefühl, dass die Kinder abgeschoben werden sollen, damit Mama und Papa ihre Ruhe haben.

Ablenkung durch Mediennutzung gab es früher aber auch schon.

Das stimmt, ja. Ich bin selbst seit 43 Jahren im operativen Geschäft – und früher haben Eltern auch Zeitungen oder Bücher gelesen, aber nach meinem Empfinden viel öfter auch mal nach ihren Kindern geschaut. Es ist traurig, dass die Eltern sich heute so nachlässig benehmen.


BDS-Präsident Peter Harzheim. Foto: privat
BDS-Präsident Peter Harzheim. Foto: privat


Sie sprachen von weiteren Gründen. Welche Beobachtungen machen sie noch?

Ein anderer Punkt ist das Verhalten von Familien mit Migrationshintergrund: Wir erleben es immer wieder, dass mehrere Väter mit ihren zwei, drei, vier Kleinkindern in die Bäder kommen und sich dann in eine Ecke zurückziehen, um ihr Bier zu trinken – die Kleinen müssen sich dann alleine beschäftigen und werden von den Vätern nicht beaufsichtigt. Wenn wir dann als Bademeister die Aufsichtspersonen ermahnen, werden wir bloß angemacht, weil wir uns nicht einmischen sollen.

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Was muss sich ändern?

Kinder müssen so früh wie möglich Schwimmen lernen. Das gerät aber in den Hintergrund, wenn Familien einfach ihre Kinder nicht in Schwimmkurse schicken oder sich solche Kurse nicht leisten können. Beispielsweise kann knapp die Hälfte der Fünftklässler nicht sicher oder gar nicht schwimmen. Diese Entwicklung wird verstärkt durch die vielen Flüchtlingsfamilien, die zahlreich zum baden kommen – aber oftmals nicht schwimmen können.



Gibt es auch bei Bädern oder beim Aufsichtspersonal selbst Nachholbedarf?

Nein, denn Schwimmbad-Betreiber und die Kollegen geben ihr bestes, um Schäden zu vermeiden. Mehr Personal in den Bädern würden wir natürlich grundsätzlich begrüßen, aber das ist wieder mit Kosten verbunden, die viele Betreiber ja lieber runterfahren wollen.

Welchen Rat haben Sie an die Eltern?

Melden Sie Ihre Kinder in Schwimmkursen an! Kinder können das ab dem vierten oder fünften Lebensjahr. Wer mit den Kindern im Wasser ist, kann zusammen Schwimmbewegungen üben. Auf jeden Fall sollten Kinder, die noch gar nicht Schwimmen können, aus Sicherheitsgründen auch außerhalb des Wassers Schwimmflügel tragen. Falls sie dann mal vom Beckenrand ins Wasser fallen, gehen sie nicht sofort unter. Damit das alles erst gar nicht passiert, sollten Eltern ihr Smartphone im Freibad auch mal zur Seite legen und ihrer Aufsichtspflicht nachkommen.

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