Versicherungen : Der nächste Orkan kommt bestimmt

Auch an diesem Hof auf Nordstrand hat der Orkan große Schäden angerichtet.
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Auch an diesem Hof auf Nordstrand hat der Orkan große Schäden angerichtet.

Sturm „Christian“ hat etliche Schäden hinterlassen. Versicherer empfehlen, die Policen für Gebäude- und Hausratversicherungen im Wert regelmäßig anzupassen.

shz.de von
08. November 2013, 16:46 Uhr

Orkan „Christian “ pfeift über das Land und beschädigt Hunderte von Dächern. „Ärgerlich – aber die Versicherung zahlt ja“, denken auch in Schleswig-Holstein viele Bürger. Doch das ist nicht immer der Fall – etwa wenn die Betroffenen unterversichert sind. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass eine Unterversicherung nur dann Auswirkungen hat, wenn der entstandene Schaden tatsächlich höher als die Versicherungssumme ist. Richtig ist vielmehr: Wenn bei Sachversicherungen wie der Hausratversicherung oder der Gebäudeversicherung die vereinbarte Versicherungssumme und der Wert der versicherten Gegenstände nicht übereinstimmen, müssen im Schadensfall oft empfindliche Kürzungen in Kauf genommen werden. Beispiel: Eine Familie hatte eine Hausratversicherung über 30.000 Euro abgeschlossen. Beim Sturm fliegt das Dach weg und der eindringende Regen zerstört Mobiliar im Wert von 10.000 Euro. Der Sachverständige stellt aber fest, dass der tatsächliche Wert des gesamten Hausrats doppelt so hoch war, der Kunde also unterversichert ist. Deshalb kommt die Versicherung nur für die Hälfte des Schadens auf – also für 5000 Euro.

„Unser Rat ist, dass sowohl die Hausrat- als auch die Wohngebäudeversicherungssummen zumindest nach jeder größeren Neuanschaffung oder nach Umbaumaßnahmen überprüft und gegebenenfalls erhöht werden sollten“, heißt es beim Bund der Versicherten (BdV) in Henstedt-Ulzburg. Auch beim Hauskauf sollten die neuen Besitzer nicht leichtfertig einfach die alte Versicherungssumme übernehmen. Steigerungen des Gebäudewertes ergeben sich zum Beispiel, wenn ein Wintergarten angebaut, das Dachgeschoss ausgebaut oder eine Solaranlagen aufs Dach montiert wird.

Die Itzehoer Versicherungen haben derzeit infolge von Sturm „Christian“ mehr als 2000 Gebäudeschäden in Schleswig-Holstein zu bearbeiten. Unterversicherung ist auch hier ein Thema. „Wir haben diese Situation in etwa fünf Prozent aller Fälle“, sagt Pressesprecher Thiess Johannssen. Das gelte aber meist nur für landwirtschaftliche und gewerbliche Gebäude, die für den Betrieb keine nennenswerte Bedeutung mehr haben. Hier haben sich die Eigentümer häufig bewusst aus Kostengründen für eine geringere Absicherung entschieden. Privathäuser seinen kaum betroffen, weil sich die allermeisten Kunden darauf festlegen, ihre Gebäude „auf Basis unserer Wertermittlung zum gleitenden Neuwert zu versichern, was ihnen einen Unterversicherungsschutz garantiert“.

Ähnlich verfährt auch die Provinzial-Versicherung in Kiel, die in Folge von „Christian“ 55.000 Schäden abwickeln muss. „Nahezu jedes Gebäude ist vorher von uns geschätzt worden – oder wir haben die Schätzung des Vorversicherers herangezogen. Für diese Schätzwerte steht die Provinzial als Versicherer im Schadensfall gerade“, erklärt Sprecher Heiko Wischer. Nicht automatisch in der Wohngebäudeversicherung enthalten seien jedoch „Nebengebäude“ wie Gartenschuppen oder Carports. Wer hier mit dem Versicherer keine Vereinbarungen getroffen hat, bekomme im Schadensfall kein Geld. Auch bei der Hausratversicherung ist „in den meisten Fällen ein so genannter Unterversicherungsverzicht mit drin. So gesehen ist der Kunde also immer auf der sicheren Seite“.

Bei der Unterversicherungsverzichtklausel wird die Versicherungssumme meist pauschal nach der Wohnfläche festgelegt. Oftmals werden 600 bis 700 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angesetzt. Bei einer Wohnung mit einer Fläche von 80 Quadratmetern beträgt die Versicherungssumme also 52.000 Euro. Der Unterversicherungsverzicht ist aber nicht in allen Pauschalverträgen verankert. Daher sollte der Vertrag besonders auf diese Klausel hin überprüft werden, rät der BdV. Nach seiner Einschätzung ist die Unterversicherungsverzichtklausel nicht immer das Optimum: Bei einer großen Wohnung ergibt sich eine hohe Versicherungssumme. Ist der Wert des Mobiliars aber deutlich niedriger, wird der Beitrag unnötig hoch.

Für den Fall der Fälle raten Experten, regelmäßig alle Werte im Haus aufzulisten. Diese Liste hilft im Schadensfall, sich an alles zu erinnern, was sich über die Jahre angesammelt hat. Ebenso hilfreich ist es, Kopien von Kassenbelegen oder am besten gleich Fotos der ganzen Wohnung feuersicher oder an einem anderen Ort aufzubewahren. Auch bei einem Schaden sollte man alles dokumentieren. Dabei helfen Fotos, Videos und Zeugen. Wichtig ist außerdem: Die Sachen niemals entsorgen, bevor sich der Versicherer ein Bild vom Schaden gemacht hat.

Welche Versicherung zahlt was?

Kaskoversicherungen

Durch die Kaskoversicherungen werden alle unmittelbaren Sturm- und Hagelschäden an Autos abgedeckt. Wird das Fahrzeug beispielsweise durch umherfliegende Dachpfannen, herabstürzende Äste oder umgestürzte Bäume beschädigt, tritt die Teilkaskoversicherung ein. Sie zahlt die notwendigen Reparaturen oder ersetzt im Bedarfsfall den Zeitwert des Wagens. Die Teilkasko kommt allerdings nicht für mittelbare Sturmschäden auf, hier bedarf es einer Vollkaskoversicherung. Diese ersetzt Schäden, auch am eigenen Fahrzeug, die durch eigenes Verschulden entstanden sind: Wenn z.B. ein unachtsamer Fahrer bei einem Wagen auffährt, der zuvor gegen einen vom Sturm umgestürzten Baum geprallt ist.

Welche Auswirkungen die Inanspruchnahme auf die Schadenfreiheitsklasse hat, sollte vor dem Einreichen des Schadens geklärt werden, rät Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Laut Holger N. Koch, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute, Bezirksverband Kiel, zahlen die Kaskoversicherungen in der Regel „zwar abzüglich vereinbarter Selbstbehalte, aber ohne Rabattrückstufung“.

Hausratversicherung

Neben Standardleistungen wie beispielsweise Einbruch, Brand- und Leitungswasserschäden ersetzt sie auch Sturmschäden an Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen. Auch hier sind die Folgeschäden am Hausrat mitversichert, wenn das Dach durch den Sturm beschädigt oder abgedeckt wurde. Die Glasversicherung deckt Bruchschäden an Fenster- und Türscheiben sowie Glasdächern – einschließlich der Kosten für eine eventuell erforderliche Notverglasung. Für Gebäude, die sich noch im Bau befinden, ist eine Bauleistungsversicherung notwendig.

Wohngebäudeversicherung

Die heute übliche Wohngebäudeversicherung deckt alle Sturmschäden am Gebäude ab. Sie schließt ebenfalls Feuer-, Leitungswasser-, Hagelschäden mit ein. Auch Folgeschäden sind mitversichert – wenn beispielsweise durch ein abgedecktes Dach Regenwasser ins Haus eindringt und Wände, Decken oder Fliesen beschädigt. Die Versicherung übernimmt die Kosten, um das Haus nach einem Sturm wieder in Stand zu setzen. Für Hauseigentümer ist sie eine Pflichtversicherung. Die Gebäudeversicherung für Eigentumswohnungen wird in der Regel von der Hausverwaltung abgeschlossen. Die Höhe der Versicherungsbeiträge richtet sich nach der Region, in der man wohnt. Deutschland ist dabei in verschiedene Gefahrenzonen aufgeteilt: In Gebieten, in denen es häufiger stürmt, ist es demzufolge teurer, sich gegen Sturmschäden zu versichern.

Schäden durch Bäume

Ein immer wiederkehrender Streitpunkt sind umstürzende Bäume oder abknickende Äste, die parkende Autos beschädigen. Experten der Arag-Versicherung weisen auf einen Fall hin, bei dem ein Pkw durch einen herabgefallenen Platanen-Ast beschädigt worden ist. Die Ausbesserung der im Fahrzeugdach entstandenen Dellen kostete rund 1500 Euro. Der erboste Autofahrer verklagte die Gemeinde auf Schadensersatz. Diese habe ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt und dadurch den Schaden verschuldet, meinte er. Sie wäre dazu verpflichtet gewesen, den 15 Meter hohen Baum nicht nur – wie geschehen – vom Boden aus, sondern mithilfe eines Hubwagens eingehend auf trockene Äste zu untersuchen. Das zuständige Gericht sah den Fall nicht so (OLG Frankfurt, AZ: 1 U 30/07; ähnlich OLG Brandenburg AZ: 2 U 58/99). Anders sieht es allerdings aus, wenn der Baum trotz äußerer Krankheitszeichen nicht auf seinen Zustand hin untersucht wurde (OLG Nürnberg, AZ: 4 U 1761/95).

 
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