Schulpraktikum in Ghana : Zwischen Spontaneität und Schlangen

Gruppenbild mit Lehrern: Die Flensburger Studenten  in Ghana.
Gruppenbild mit Lehrern: Die Flensburger Studenten in Ghana.

Unterricht gestalten ohne Hefte und Stifte, Schüler können nicht richtig schreiben: Wie schwer es ist, in Ghana Lehrer zu sein, erfuhren 13 Studenten in dem afrikanischen Land.

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18. Januar 2011, 12:03 Uhr

Flensburg | Sie hatten einen Plan. 13 Lehramtsstudenten der Universität Flensburg wussten genau, wie ihr Unterricht aussehen sollte, welche Ziele sie mit ihren Schülern erreichen wollten. Doch umsetzen konnten sie ihre Ideen nur zum Teil - in Ghana läuft Schule eben ganz anders ab. Wenn es keine Hefte und Stifte gibt, keinen Kopierer, dann merke man, "wie schwer es sein kann, Lernen zu gestalten", sagt Vanessa Ehrig (22). Sie ist eine von 13 Studenten, die zwei Monate lang ein Schulpraktikum in dem westafrikanischen Land absolvierten.

Bea Lundt, Professorin für Geschichte an der Uni, hatte das Projekt vor zwei Jahren ins Rollen gebracht. Damals reiste sie mit fünf Kollegen nach Ghana, um Kooperationen mit Universitäten vor Ort anzuschieben und deutschen Lehramtsstudenten regelmäßige Praktika zu ermöglichen. Am Ende stand dann ein Partnerschaftsvertrag mit der Uni in Winneba, an der Lehrer ausgebildet werden. Unter Federführung von Lundt ermöglichte das Institut für Geschichte und ihre Didaktik in Kooperation mit der Eule und dem International Office den Studenten das Praktikum.

Kristina Kühn (22) gehörte ebenfalls dazu. Sie hatte sich vorgenommen, an der Schule in dem Dorf Wurupong mit den Kindern zu den Themen Körper, Familie und Hobby zu arbeiten. "Meinen Plan konnte ich aber so nicht durchhalten. Viele Kinder konnten gar nicht schreiben. Da musste ich mich um grundlegende Dinge kümmern", erzählt sie. Ähnliche Erfahrungen hat auch Vanessa Ehrig an der Schule in Winneba gesammelt: "Von den 80 Kindern konnten viele kein Englisch, das ist aber Unterrichtssprache", berichtet sie. Es sei ihr schwer gefallen, zu akzeptieren, dass nicht alle Schüler die von ihr gesteckten Klassenziele erreichen konnten. "Schüler, die meine Aufgaben verstanden, habe ich gebeten, sie für die anderen in die Muttersprache zu übersetzen."

Flexibel und spontan zu sein - das haben sie gelernt. Dass die Schule erst anfängt, wenn es aufgehört hat zu regnen. Dass einige Schüler später zum Unterricht kommen, weil sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen müssen. Und dass auch mal eine Schlange von der Zimmerdecke fallen kann. Aber auch, dass die Kinder trotz vieler Schicksalschläge und widriger Umstände immer fröhlich, gut gelaunt und sehr motiviert sind. "Schule definiert Zukunft", erklärt Lundt. In Deutschland sei Schule eine Selbstverständlichkeit, in Ghana ein Privileg. Auch das will Lundt den Studenten zeigen: Als Lehrer solle man nicht nur wissen, wie man ein Tafelbild gestaltet, "man muss sich als Lehrender und Lernender auch selbst einordnen." Lehrerbildung sei eben auch Persönlichkeitsbildung. Für den Leiter der Eule, Wolfgang Schulz, bietet die Konfrontation mit dem völlig Anderen die Möglichkeit, die eigene Entwicklung zu reflektieren und aus der Wiederholung des ewig Gleichen auszubrechen. "Die Studenten kommen mit einer Idee nach Ghana, müssen sie angesichts der Umstände aber relativieren", sagt er. Die Studenten, hat er beobachtet, haben - oft mühsam - ihre eignen Wege erarbeitet und gelernt auf bestimmte Situation zu reagieren. "Sie sind gezwungen, vom Bild des Lehrers, der einfach nur plant und umsetzt, abzuweichen. " Das sei auch für den späteren Beruf wichtig.

Vanessa Ehrig und Kristina Kühn werden bei ihren künftigen Schulpraktika in Deutschland die Möglichkeiten, die es hierzulande gibt, mehr zu schätzen wissen, sagen sie.
Was die Studenten noch alles erlebt haben, wie sie an Dorffesten teilgenommen und ein Fußballtunier organisiert haben, berichten sie am Mittwoch, 19. Januar 2011, um 19 Uhr in der Eule, Erweiterungsbau Raum 309.

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