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Wer übernimmt den Betrieb? : Unternehmensnachfolge: Suche nach Mister X

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Einen passenden Nachfolger für das Unternehmen zu finden, ist für viele Senior-Chefs eine große Herausforderung.

shz.de von
erstellt am 06.Jun.2015 | 06:30 Uhr

Tarp | Reinhard Paris ist nicht ein Mann der vielen Worte. Er ist ein Mann der Tat. Seit mehr als 20 Jahren betreibt der Tischlermeister seine Firma, die sich als Bauelemente-Fachbetrieb mit Tischlerei-Anbindung auf den Vertrieb und die Montage von Fenstern und Türen in Tarp (Kreis Schleswig-Flensburg) spezialisiert hat. Es gibt jedoch ein Thema, bei dem der 65-Jährige gesprächig wird. Ein Thema, das ihn persönlich angeht, aber auch tausende andere Unternehmer in Schleswig-Holstein. Es geht um die Fortführung seines Lebenswerks, es geht um die Nachfolge seines Unternehmens. Reinhard Paris ist 65. Jahre alt. Die Nachfolge nach seinem Ausscheiden im Unternehmen beschäftigt ihn schon länger.  

Paris sitzt in seinem Büro und blättert durch einen Aktenordner. Säuberlich hat er sortiert, wann er was unternommen hat, wann er zum ersten Mal  Kontakt mit der Handwerkskammer zu der Thematik hatte. Nämlich 2009. Paris hat sich frühzeitig Gedanken gemacht. Im Gegensatz zu vielen anderen Firmen-Chefs in Schleswig-Holstein.

Regelmäßig führen die Handwerkskammern Flensburg und Lübeck bei den Betriebsinhaber über 55 Jahren eine Befragung zur Nachfolgesituation durch. Das letzte Mal im Jahr 2013. Das Ergebnis: 55 Prozent der Unternehmer hatten sich weder mit der Betriebsaufgabe noch mit einer Übergabe befasst. Über zwei Drittel der Antworten kamen von Betrieben mit  bis zu fünf Beschäftigen. Auch der Fachbetrieb von Reinhard Paris passt in dieses Schema. Drei Mitarbeiter sind für ihn tätig. Im Gespräch formuliert Paris einen Satz, der zunächst banal zu sein scheint, beim zweiten Nachdenken das Problem aber mit voller Wucht trifft. „Die Schwierigkeit der Unternehmensnachfolge besteht darin, überhaupt einen Nachfolger zu finden.“

Damit liegt Paris auf Kurs: Als größtes Hemmnis bei der Betriebsübergabe wurde in der Studie der Handwerkskammern die Suche nach einem geeigneten Nachfolger von 61,4 Prozent der Betriebe genannt. Die Handwerkskammer sieht darin einen Hinweis auf die Problematik des zunehmenden Fachkräftemangels. Auch die Höhe von Miete oder Pacht und dem Verkaufspreis ist mit 47,8 Prozent ein sehr aktuelles Thema bei den Befragten. Die Frage der Finanzierung spielt bei knapp einem Drittel der Befragten eine Rolle.

2009 hat sich Paris zum ersten Mal Gedanken gemacht, wie es weitergehen kann, wenn er irgendwann aus dem Unternehmen ausscheiden wird. Er hat mit der Handwerkskammer gesprochen, er hat Vertreter in der Branche, die viel herum kommen, sensibilisiert und auf Mund-zu-Mund-Propaganda gesetzt. Auch  bei „nexxt-change“, einer Internetbörse für Unternehmensnachfolge, ist er mit seinem Betrieb gelistet. Die Seite wurde häufig aufgerufen, zu einem positiven Abschluss ist es allerdings noch nicht gekommen. Paris hat auch sein Augenmerk auf die Jugend gesetzt und Aushänge bei der Techniker Schule gemacht. Zwei Anfragen gab es, aber keinen Abschluss.

Aus seiner Sicht gibt es Gründe, warum es in Schleswig-Holstein so viele Senior-Chefs es so schwer haben, ihre Firmen abzugeben. Der Mut, sich selbstständig zu machen, sei bei vielen nicht mehr gegeben. Eine sichere Anstellung würde oftmals bevorzugt werden. Vor allem in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit sehr gering ist.  Ein anderer Grund sei bei Politik und Wirtschaftsverbänden zu finden: „Den potenziellen Übernehmern fehlen die Anreize.“ Millionen Fördermittel würden nicht abgerufen werden. Paris: „Das langfristige Potenzial sitzt in den Meister- und Technikerschulen. Dort muss die Selbstständigkeit schmackhaft gemacht werden.“ Paris selbst würde den Übergang zu einem möglichen Nachfolger gerne noch begleiten – sicherlich auch zur Freude seiner Kunden.  „Die Kundenstruktur, die Arbeitsabläufe, der Schriftverkehr, die Vorschriften – das alles lernt man erst richtig, wenn man damit konfrontiert wird“, erklärt Paris.

Dann kommt der Mann noch einmal ins Erzählen: „Ich wollte mich immer selbstständig machen.“ Im April 1994 war es dann soweit. „Natürlich arbeitet man viel, man braucht auch viel Selbstdisziplin“, die Selbstständigkeit habe aber auch große Vorteile: „Ich war immer schon gerne für mich selbst verantwortlich. Ich kann selbstständig arbeiten und habe unheimliche Freiheiten.“ Und dann kommt ein Satz, den man ihm zu 100 Prozent abnimmt: „Das macht Spaß.“ Paris hofft, einen Nachfolger zu finden. Nicht nur für sich, sondern auch für seine Mitarbeiter und für die Kunden. Aber es wäre auch für ihn  schön. „Man hat etwas aufgebaut. Es wäre ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass es weiterläuft.“

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