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Wer übernimmt den Betrieb? : Der Chef geht – die Tochter kommt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Versicherungsunternehmer Dieter Hagelstein übergibt nach 24 Jahren seine Firma – und widmet sich intensiv dem Ehrenamt.

shz.de von
erstellt am 05.Jun.2015 | 10:22 Uhr

Bad Schwartau | Die ersten Schritte sind gemacht. In das Chef-Büro ist Yvonne Both schon eingezogen. Ihr Vater, Dieter Hagelstein, noch Geschäftsführer des familieneigenen Versicherungsunternehmen in Bad Schwartau, ist in ein kleineres Büro umgezogen. „In absehbarer Zeit wird sie das Ruder dann ganz übernehmen“, sagt Hagelstein, der Mitte des Monats seinen 65 Geburtstag feiern wird. Angedacht sei ein Zeitraum von zwei bis drei Jahren.

Schon vor fünf Jahren haben Hagelstein und seine heute 31 Jahre alte Tochter erstmals überlegt, ob sie das Unternehmen weiter führen könnte. Dabei schiebt jeder zweite Unternehmer das unbequeme Thema auf die lange Bank. Sie verschwenden entweder noch gar keinen Gedanken an die Nachfolge oder erst wenige Monate bevor die Firma übergeben werden soll. Das zeigen übereinstimmend Untersuchungen von Industrie- und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer (HWK). Das Problem: Auf der Nachfolgersuche im Mittelstand stehen immer mehr Alt-Inhaber weniger potenziellen Übernehmern gegenüber.

Vor 24 Jahren gründete Hagelstein das Versicherungsunternehmen VIF Hagelstein. Da war seine Tochter gerade einmal sieben Jahre alt. VIF steht für Versicherungs-, Immobilien- & Finanzkontor. Sechs Mitarbeiter arbeiten derzeit in der Zentrale in Bad Schwartau, die im Versicherungsbereich ein Portfolio aus über 50 Gesellschaften des deutschen und internationalen Versicherungsmarktes anbieten. Etwa 2000 Kunden habe die Firma, berichtet Both. Bundesweit, primär aber in Schleswig-Holstein mit dem Schwerpunkt Lübeck und Umgebung.

Es ist eine Branche, die für Yvonne Both erst auf den zweiten Blick zur großen Liebe werden sollte. Zur erwachsenen Frau herangereift, arbeitete sie zunächst in der Altenpflege, stellte aber schnell fest, dass sie einen anderen Weg nehmen wollte. Sie machte die Ausbildung im Unternehmen des Vaters, absolvierte mehrere Praktika bei externen Unternehmen („um nicht nur den Tunnelblick zu haben“), legte 2008 ihre Prüfung zur Versicherungskauffrau ab und wuchs langsam in die Aufgabe der Prokuristen hinein.

Der nächste Schritt ist bald die Geschäftsführung – und somit die alleinige Chefrolle. „Ich wachse sukzessive in die Führungsposition hinein – und fühle mich sehr wohl dabei“, sagt sie, fügt aber an: „Sich selbstständig zu machen, ist sicherlich schwierig, aber ein Unternehmen zu übernehmen, ist auch nicht ganz einfach. Die Ansprüche sind hoch.“ Die Ansprüche der Kunden, der Mitarbeiter, des Vaters – und vor allem: die Ansprüchen an sich selbst.

Schon jetzt liegt das Alltagsgeschäft in ihrer Hand, auch wenn ihr Vater noch der starke Mann im Hintergrund ist. Manchmal rutscht ihm im Gespräch noch „meine Firma“ heraus, um sich dann aber zu korrigieren: „unsere Firma“.

Dieter Hagelstein, zweifacher Familenvater, ist ein umtriebiger Mann. Er ist Vorsitzender bei Kiwanis in Deutschland, einer weltweiten Organisation von Freiwilligen, die sich für das Wohl von Kindern einsetzen. Vergleichbar mit Rotary oder Lions Club. Zudem ist er Mitglied in der Lübecker Kaufmannschaft und Vorsitzender des Verbands der Selbstständigen und Freiberufler, einem Bundesverband für den Mittelstand. Erst am Vortag des Gesprächs ist er in den hohen Norden zurückgekehrt, am folgenden Tag führt ihn seine ehrenamtliche Tätigkeit schon wieder nach Wolfenbüttel, Köln und weiter nach Österreich. Derweil führt seine Tochter die Geschäfte.

Als die ersten Gedanken einer Firmenübergabe von Vater an Tochter reiften, ließen sie sich getrennt voneinander von Unternehmensberatern informieren und stellten fest: Unsere Vorstellungen sind nicht nur ähnlich, sondern sogar identisch. „Die lange Vorbereitungszeit hilft uns jetzt natürlich“, stellen beide fest. Dann gibt es aber doch einen Punkt, in dem Vater und Tochter nicht übereinstimmen. „Es fällt mir nicht schwer, mich emotional zu lösen“, sagt er. Das Gesicht seiner Tochter spricht in diesem Moment Bände. Sie schüttelt leicht den Kopf. Lächelnd. „Die Firma ist für meinen Vater wie ein drittes Kind. Für mich ist es vollkommen verständlich, dass ihm das Loslassen schwer fällt.“ Jetzt ist es der Senior, der den Kopf leicht schüttelt.

Das Thema Unternehmensübergabe ist sensibel. Yvonne Both hatte auch Zweifel. „Was mein Vater aufgebaut hat, kann ich das auch so?“ Es sind Gedanken, die ihr vor einigen Jahren häufiger durch den Kopf gingen. Jetzt sagt sie: „Ich liebe meinen Job, ich liebe die Menschen, mit denen ich arbeite. Ich freue mich auf die Zukunft.“

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