zur Navigation springen

Unternehmensnachfolge : „Das gesellschaftliche Bild vom Unternehmertum ist viel zu schlecht“

vom
Aus der Onlineredaktion

Im sh:z-Interview spricht der Unternehmensberater Hartmut Winkelmann über verschiedene Lebensphilosophien von Selbstständigen und seine Sorgen für die Zukunft im Hinblick auf Unternehmensnachfolger.

shz.de von
erstellt am 08.Mär.2016 | 11:09 Uhr

Kiel | Herr Winkelmann, steht die Wirtschaft in Schleswig-Holstein in den kommenden zehn Jahren vor dem Kollaps, weil zu viele Unternehmer keine Nachfolger finden?

Nein, vor dem Kollaps steht sie nicht. Das wäre deutlich übertrieben. Aber es ist wichtig, dass man jetzt reagiert.

Hartmut Winkelmann ist Geschäftsführender Gesellschafter der  Kieler HWB Unternehmerberatung GmbH. Winkelmann und sein Team haben eine detaillierte Studie erstellt, die das Thema Unternehmensnachfolge im Mittelstand für den Wirtschaftsraum Schleswig-Holstein und Hamburg zum Gegenstand hat.


Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Unternehmensnachfolge und haben für Schleswig-Holstein und Hamburg eine Studie zu diesem Thema durchgeführt. Welche Erkenntnisse haben Sie überrascht?

Der überraschendste Aspekt ist das Beharrungsvermögen von Unternehmern, an ihren Unternehmen festzuhalten, obwohl sie die Altersgrenze solide überschritten haben. Wir sehen zwei spannende Trends in der Wahrnehmung der Lebensphilosophie. Für die Generation der Unternehmer, die oftmals die Firmen aufgebaut haben und heute 65plus sind, ist das Unternehmen der wesentliche Inhalt des Lebens. Denen fällt die Abgabe des Betriebes extrem schwer. Dadurch, dass sie so gerne gearbeitet haben, haben sie keine ergänzenden Aktivitäten aufgebaut – und somit für später kein Hobby.

Sie sprachen einen zweiten Trend an.

In der Generation der 50- bis 55-Jährigen haben wir einen Gegentrend. Viele von ihnen wären altersbedingt noch gar nicht so weit, ihr Unternehmen zu übergeben, haben aber für ihre Work-Live-Balance eine andere Strategie und wollen sich durch den Verkauf des Unternehmens ein schönes Leben machen.

Welche Erkenntnisse haben Sie für Schleswig-Holstein gewonnen?

Die entscheidende Erkenntnis besteht darin, dass die Generation der potenziellen Nachfolger ein Drittel kleiner als die Generation der Nachfolger ist. Damit ist klar, dass viele Unternehmen keinen einzelnen regionalen Nachfolger finden werden, so dass eher mit dem Verkauf an überregionale Unternehmen zu rechnen ist. Dies gilt zwar auch für die anderen Bundesländer, aber Schleswig-Holstein gehört nicht zu den finanzkräftigsten Bundesländern, so dass zu befürchten ist, dass die potenziellen Erwerber von außerhalb kommen und nicht Schleswig-Holsteiner überwiegend Unternehmen in anderen Bundesländern erwerben. Aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit ist über einen längeren Zeitraum zu erwarten, dass dadurch Teile der Arbeitsplätze zum Firmenstandort des Käufers verlagert werden, also aus Schleswig-Holstein abwandern.

Das ist eher ein düsteres Szenario...

Das Gute ist, dass die Politik, die IHKs, die Handwerkskammern, die Unternehmensverbände und vor allem die Förder- und Kreditinstitute die Lage erkannt haben und versuchen, Stück für Stück für das Thema Aufmerksamkeit zu schaffen und dann im zweiten Schritt die Übergaben zu erleichtern.

Aber wie lässt sich das bewerkstelligen?

Wir müssen uns sehr konzentriert darum kümmern, junge Leute für das Unternehmertum zu begeistern und ergänzend fachlich weiterzubilden. Das Thema ist bei den Kammern und technischen Meisterschulen angekommen. Wir brauchen Ausbildungs- und Weiterentwicklungskonzepte für junge Leute, die beispielsweise gute Techniker sind, aber noch die unternehmerischen Fähigkeiten entwickeln müssen. Das wird eine ganz wesentliche Rolle spielen. Und zweitens müssen wir uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, die Motivation, Unternehmer zu werden, zu erhöhen. Das gesellschaftliche Bild vom Unternehmertum ist insgesamt viel zu schlecht.

Wie meinen Sie das?

Mein Lieblingsbeispiel, das ich in meinen Vorträgen bringe, ist folgendes: Gucken Sie sich mal die Krimis in Deutschland an und stellen Sie fest, bei welchen Krimis der Unternehmer selbst der Täter ist oder als moralisch verwerflich angesehen wird. Wenn ich ein solches Unternehmerbild zeichne, ist die Bereitschaft, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, in der Breite kleiner. Es gibt aber noch ein weiteres Problem...

... ja, bitte...

Der Arbeitsmarkt wird in den nächsten Jahren grundsätzlich gute Arbeitskräfte aufsaugen. Wenn ich eine mittelmäßige bis gute Persönlichkeit bin, muss ich nicht unbedingt Unternehmer werden, um ein wirtschaftlich ansprechendes Leben zu gestalten, weil ich ohnehin gut verdienen werde. Wir haben nicht nur wenige junge Leute, die jungen Leute haben auch noch mehr Alternativen. Diese Hürden müssen wir durch Motivation, Ausbildung und Anreize verringern. Wir brauchen diese Menschen als Unternehmer – und wir brauchen sie gerade in Schleswig-Holstein. Aber man muss auch sagen: Das Thema ist präsent.

Also ist Hopfen und Malz noch nicht verloren?

Nein, absolut nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen

Nachrichten