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Unternehmensnachfolge : Am Steuer des Geldtransporters

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Unternehmensnachfolger steht vor zahlreichen Herausforderungen – nicht jeder ist zum Chef geeignet

shz.de von
erstellt am 04.Aug.2015 | 12:17 Uhr

Lübeck/Kiel | Für seine Rolle an der Spitze des Medizin- und Sicherheitstechnik-Herstellers hat Stefan Dräger (Foto) eine bildreiche Beschreibung: „Es ist, als ob ich einen Geldtransporter fahren darf, der mir anvertraut wurde für einen bestimmten Weg“, sagt er. Gut sei es, wenn er „diesen Wert sicher ins Ziel bringe und an die nächste Schicht übergebe ohne Unfall oder Überfall“ – und wenn er unterwegs noch ein paar Geldsäcke einladen könne, fügt der Unternehmer hinzu.

Dräger hatte Glück. Stets gab es Nachfolger in der Familie, die sich hinter das Steuer des „Geldtransporters“ setzten. Doch für viele andere Mittelständler wird dieser Fahrerwechsel zum Problem. 14.000 Betriebe suchen Schätzungen zufolge allein in Schleswig-Holstein einen Nachfolger. Hunderttausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Chefs werden händeringend gesucht – doch wer sich ans Steuer des „Geldtransportes“ setzen möchte, hat durchaus einige Hürden zu überwinden.

Geschäftsmodelle weiterentwickeln

Vor allem im Handwerk wird das Nachfolgern schnell deutlich, denn dort gibt es oftmals klare Kriterien, die vom künftigen Betriebsinhaber erfüllt sein müssen. In vielen Fällen sei das „immer noch die Meister-Prüfung“, erklärt Sönke Wellhausen, Berater bei der Handwerkskammer Flensburg nach den wichtigsten Voraussetzungen befragt. In 41 Berufen gilt derzeit der Meisterzwang. Alternativ berechtigt auch ein Ingenieursstudium zum Führen der zulassungspflichtigen Betriebe. Grundsätzlich sei es zudem zwar möglich, dass der Nachfolger selbst keinen Meister hat, sondern einen Meister als Angestellten beschäftigt. Doch Wellhausen sieht solche Varianten kritisch. „Wenn ich eine Förderung haben möchte, werde ich die in der Regel nicht bekommen“, sagt er. Denn dafür sei in der Regel die Person der Antragssteller – und kein Betrieb. „Außerdem macht man sich abhängig von einer Person“, so der Berater der Handwerkskammer.

Obendrein sei der Meister-Brief auch ein Qualitätsnachweis – allerdings einer, der mächtig ins Geld des Nachwuchsunternehmers gehen kann. Beträge von 10  000 Euro seien nach Schätzungen des HWK-Experten auf dem Weg zum Meister schnell erreicht, wird der Meister-Brief zudem in Vollzeit erworben, komme noch der Verdienstausfall hinzu. Doch Wellhausen betont: „Das ist ein Investment in meine Zukunft.“ Doch schon da warten gerade im Handwerk die ersten Hürden. Nach Zahlen der Statistischen Bundesamtes haben zuletzt gerade einmal 564 Menschen im Land nämlich erfolgreich in dieser Weise in ihre Zukunft investiert und einen Meister-Brief erworben – so wenige wie seit Jahren nicht mehr.

„Erst mit Ende 20 – nachdem ich meinen Berufswunsch ausgelebt hatte – habe ich mich bewusst entschieden, ins Unternehmen einzutreten“, erinnert sich Stefan Dräger. Zuvor hatte er ein Studium der Elektro- und Nachrichtentechnik absolviert, den Diplomingenieur gemacht und verdiente sein Geld anfangs in einer Unternehmensberatung. Dann folgte der Wechsel ins Familienunternehmen, um die heute 126 Jahre andauernde Geschichte fortzusetzen.

Harte Ausschluss-Kriterien wie den Meister-Brief gibt es in der Welt des Handels und der Industrie nicht. Voraussetzungen müssen Nachfolger dennoch mitbringen, bevor sie vom Angestelltenverhältnis auf den Chef-Sessel wechseln können. In den Branchen, die von der Industrie- und Handelskammer vertreten werden, seien „ein paar weichere Fähigkeiten“ vonnöten, bestätigt Nils Thoralf Jarck, Federführer Existenzgründung und Unternehmensförderung der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein.

„Sinnvoll ist es auf alle Fälle, dass die Person entsprechende Branchenkenntnisse hat“, sagt Jarck. Hinzu kommt ein Wunsch, den ein Nachfolger haben sollte: „Ich möchte ein Unternehmen formen“, wie es Jarck formuliert. Denn sich nur auf den laufenden Betrieb und dessen Erfolg zu verlassen, sei zu wenig. In den wenigsten Fällen sei es nach seiner Erfahrung so, dass ein Unternehmen nach der Übergabe unverändert weiterlaufen könne. „Es ist auch wichtig, dass man das Geschäftsmodell weiter entwickelt“, sagt der IHK-Experte daher. Wie dies gelingen kann, zeigt das Beispiel eines Papierhändlers aus Reinbek. Dort habe der Nachfolger den Trend des Online-Shoppens erkannt – und den wachsenden Bedarf an Kartons, berichtet Jarck. Fortan wurde verstärkt auf diesen Bereich gesetzt.

Verschiedene Programme für die finanzielle Seite nutzen

Die Kammern unterstützen angehende Nachfolger. In Seminaren wie „Sicher in der Unternehmensnachfolge“ wollen sie das notwendige Rüstwerkzeug für den Schritt vom Angestellten zum Chef mit auf den Weg geben. Auch für die finanzielle Seite gibt es Hilfestellung. Über die Investitionsbank ließen sich Finanzierungslücken schließen, sagt Yarck; über die Bürgschaftsbank Sicherheitslücken, über die MBG – die Beteiligungsgesellschaft des Landes – Lücken beim Eigenkapital. So empfiehlt Jarck dann auch eine Kombination der verschiedenen Programme. Einen Tipp gibt der IHK-Experte noch mit auf den Weg: „Wichtig ist, dass man sich nicht nur auf den Kaufpreis fixiert.“ So sollten Nachfolger immer Liquidität für Ausgaben vorhalten, die während des laufenden Betriebs anfallen.

Am Ende beginnt Unternehmertum und die Bereitschaft eine Nachfolge anzugehen aber wohl immer im Kopf. Davon scheint auch der Dräger-Chef überzeugt. „Ich bestärke auch meine Kinder darin frei zu denken und sage ihnen, ich wusste mit 18 Jahren auch noch nicht, was ich werden wollte“, sagt Stefan Dräger. „Nur diese Freiheit hat es mir ermöglicht, letztlich freiwillig diesen Weg zu gehen. Diese erste große Entscheidung selbst zu treffen, hat mich vielleicht schon ein Stück qualifiziert für weitere Entscheidungen.“

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