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"Schokoladenseite" : Tuning für den Werdegang

vom

Etwas Aufmotzen ist ganz normal, unangenehme Lücken im Lebenslauf zu kaschieren ist erlaubt, dreistes Lügen dagegen kann sich später rächen.

shz.de von
erstellt am 26.Aug.2013 | 09:37 Uhr

enn Jürgen Hesse von Lebensläufen spricht, fallen Begriffe, wie man sie von Styling-Tipps in Frauenzeitschriften kennt. Von der "Schokoladenseite" ist da die Rede, von "kaschieren" und "verpacken". Jürgen Hesse ist Bewerbungscoach. Er weiß: Wer es versteht, die Fakten ins rechte Licht zu rücken, kann auch mit mäßigen Noten und dürftiger Berufserfahrung zum Erfolg kommen. "Man hat nicht nur das Recht, seinen beruflichen Werdegang vorteilhaft darzustellen", sagt Hesse, "der Arbeitgeber erwartet das sogar."
Was der Chef allerdings nicht erwartet, sind glatte Lügen. Die kommen jedoch häufig vor: Laut einer Studie der Internetstellenbörse Careerbuilder.de haben 52 Prozent der befragten Arbeitgeber schon einmal eine Lüge im Lebenslauf der Bewerber entdeckt. In einer Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services gab beinahe jeder fünfte zu, im Lebenslauf oder während eines Vorstellungsgesprächs schon einmal falsche Angaben zur Qualifikation gemacht zu haben. Darauf reagieren einzelne Unternehmen bereits, indem sie ihre Bewerber von speziellen Detekteien unter die Lupe nehmen lassen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, meint Hesse. Einerseits gelte der Satz von Goethe: "Die Welt will betrogen sein, drum sei sie betrogen." Andererseits lassen sich Personaler Tricks einfallen, um Bewerbern auf die Schliche zu kommen.

"Ein guter Lebenslauf ist eine Gratwanderung," erklärt Hesse, "man muss herausfinden, was man glaubhaft vertreten kann." Der Bewerbungsprofi hat die Beobachtung gemacht, dass mit der beruflichen Position des Bewerbers auch die Kunstfertigkeit im Beschönigen zunimmt. Kommen die Schönfärbereien ans Licht, kann das zu peinlichen Situationen führen. Wird man bei faustdicken Lügen erwischt, muss man - normalerweise - mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe rechnen. Schließlich versieht man jeden Lebenslauf mit Unterschrift, Ort und Datum - und bekräftigt damit, dass die aufgeführten Informationen der Wahrheit entsprechen.
Wenn der Arbeitgeber den Bewerber aufgrund seiner Angaben im Lebenslauf in eine bestimmte Gehaltsgruppe einsortiert und sich später herausstellt, dass die Selbstauskunft falsch war, kann er den Arbeitsvertrag anfechten. "Er ist dann unwirksam", sagt Patricia Seum, Fachanwältin für Arbeitsrecht.
Bewerber können leicht über haarsträubende Übertreibungen stolpern, die nicht gleich einen Straftatbestand erfüllen. Typische Beispiele sind Fremdsprachen- oder EDV-Kenntnisse. "Da wird oft hemmungslos übertrieben", so Hesse. Wer angibt, Englisch "verhandlungssicher" zu beherrschen, aber ins Stottern gerät, wenn das im Vorstellungsgespräch getestet wird, stellt sich selbst ein Bein. Auch nach der Einstellung kann das noch Konsequenzen haben: "Vor 20 Jahren haben noch 99 Prozent aller neu Eingestellten die Probezeit überstanden, heute befinden sich immer mehr Arbeitnehmer in einer Art Dauerprobezeit. Bei leichtsinnigen Übertreibungen ist Vorsicht geboten."

Dennoch lebt eine ganze Branche vom Aufmotzen der Lebensläufe ihrer Klienten. Dabei geht es nicht um Kleinigkeiten wie die Englischnote, sondern um ganz andere Schicksale. Wer zum Beispiel arbeitslos war oder wegen einer Erkrankung zwei Jahre im Krankenhaus verbracht hat, ist nicht immer gut beraten, diese Lücke im Lebenslauf komplett und detailliert aufzuklären. "Man hat das Recht auf Notlügen. Schließlich hat auch die andere Seite das Recht, kritisch zu prüfen", meint Jürgen Hesse. Arbeitsrechtlerin Seum bekräftigt, dass man sich in bestimmten Fällen lieber bedeckt hält. "Ein Lebenslauf ist kein Führungszeugnis, man muss darin nicht alles auflisten."

Zum Nachlesen

In ihrem Buch zum Lebenslauf- und Bewerbungstraining zeigen die beiden Bewerbungsprofis Hesse/Schrader anhand zahlreicher Beispiele, wie Lücken im Lebenslauf glaubhaft erklärt und gleichzeitig die eigenen Stärken betont werden können.

"Training Lebenslauf. Bewerbungstuning, Lücken füllen, Darstellung optimieren" von Jürgen Hesse und Christian Schrader, Hans Stark-Verlag, Hallbergmoos 2011, 142 Seiten, 16,95 Euro.


Wie man nach einer Entlassung einen neuen Job findet und die Kündigung in Lebenslauf und Vorstellungsgespräch am besten verpackt.

"Bewerben nach der Kündigung" von Carolin und Heiko Lüdemann, Redline-Verlag, München 2007, 168 Seiten, 17,90 Euro.

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