zur Navigation springen

Sucht: Betroffene nicht alleine lassen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer öfter fehlen Arbeitnehmer im Job, weil sie alkoholkrank sind – Chef und Kollegen können helfen

shz.de von
erstellt am 31.Aug.2013 | 00:31 Uhr

Mehr ab- als anwesend, unzuverlässig, gereizt und mit Alkoholfahne – Sucht am Arbeitsplatz ist keine Seltenheit. „Man sollte auf keinen Fall die Augen verschließen, dann verstetigen sich die Probleme nur noch“, rät Peter Raiser, Projektkoordinator für Sucht am Arbeitsplatz von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Eine vermutete Alkoholabhängigkeit sollte angesprochen werden – das sei Aufgabe des Chefs, sagte Raiser.

Kollegen sollten aber auch nicht wegsehen, wenn ihnen Probleme von Mitarbeitern auffallen. Das ist zwar ein Tabuthema, aber hier gilt ebenfalls: „Es nicht anzusprechen, wird nichts verbessern.“ Der Kollege muss sich vor dem Gespräch allerdings über das persönliche Verhältnis klar sein: „Bin ich ein Freund? Oder bin ich nur ein Kollege?“ Als Freund bietet man Hilfe an, schlägt Therapiemöglichkeiten vor. Sieht man sich nur als Kollegen, ist es besser, auf seine eigenen Nachteile in der Zusammenarbeit hinzuweisen. Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten über die Probleme bei der Zusammenarbeit sei besser, als nichts zu tun, sagte Raiser. Kollegen sollten sich also nicht davor scheuen, sich mit solchen Problemen an den Chef zu wenden, damit dieser aktiv wird.

Für den Chef ist die Sache klar: Als Führungskraft steht er in der Pflicht. In einem Gespräch mit dem Betroffenen unter vier Augen kann er seine Sorgen über den Zustand ausdrücken oder zur Klärung des Problems beitragen. „Allerdings sollte er nicht versuchen, mit seiner Lebenserfahrung helfen zu wollen“, betonte Raiser.

Der Vorgesetzte sollte sich an Beratungsstellen wenden und das Gespräch vorbereiten. Einige Beratungen bieten hierfür spezielle Gesprächsleitfäden an. Der Einstieg beginnt am besten mit dem Satz „Mir sind Probleme aufgefallen“, erklärte Raiser. „Dann sollten auch konkrete Vorfälle genannt werden.“ Der Chef muss davon ausgehen, dass der Mitarbeiter im ersten Moment ausweicht und seine Sucht kleinredet. Grundsätzlich gelte, dem Angestellten keinen moralischen Vorwurf zu machen: „Alkoholsucht ist ein Gesundheitsproblem.“ Auch ist es nicht Sache des Chefs, eine Diagnose zu stellen. Stattdessen sollte er auf Therapieangebote in der Umgebung aufmerksam machen. „Auf keinen Fall kann und soll er den Mitarbeiter zwingen, eine Therapie zu machen - das ist dessen eigene Entscheidung.“

Auch Erwartungen gegenüber dem Mitarbeiter sollte der Chef benennen. Ein Interventionsleitfaden der Suchtberatungsstellen sieht weitere Gespräche vor, etwa mit dem Betriebsarzt oder der Personalabteilung. In letzter Folge drohe die Kündigung, wenn Betroffene wegen ihres Leidens bei der Arbeit schludern und sich immer wieder Verfehlungen leisten. Von Vorteil ist es, wenn Unternehmen mit ihrem Betriebsrat eine Alkohol-Betriebsvereinbarung abgeschlossen haben. Sie regelt professionell, wie mit dem Thema umzugehen ist.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen