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OECD Bildungsstudie : Pisa und der Nachwuchs fürs Prekariat

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland ist mit dem Lösen von Alltagsproblemen überfordert. Das zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Sondererhebung des fünften Pisa-Schulvergleichstest.

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2014 | 07:51 Uhr

Berlin | Wer kennt es nicht? Das unausrottbare „non scholae, sed vitae discimus“ – „nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ – aus dem Standard-Zitat-Programm aller Klugschnacker.

Wer aber weiß schon, dass das Original genau umgekehrt lautet: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“? Es stammt vom römischen Schriftsteller und Philosophen Seneca (4 v.Chr. bis 65 n.Chr.), der schon damals beklagte, dass die Schule kaum dazu geeignet sei, junge Menschen auf das Leben vorzubereiten.

Die neueste Sonderauswertung aus dem internationalen Pisa-Vergleich scheint Seneca zu bestätigen: Jeder fünfte 15-Jährige in Deutschland ist demnach mit dem Lösen von Alltagsproblemen überfordert. Der Nachwuchs scheiterte im Test unter anderem an einem Fahrkartenautomaten. Traurig.

Ebenso traurig aber ist: Vielen Erwachsenen geht es beim Ticket-Kauf ganz genauso. Eventuell ist die Schule in diesem Fall also ausnahmsweise mal unschuldig und der Verdacht richtet sich gegen die Fahrkartenautomaten-Programmierer.

Dennoch: Die neuen Ergebnisse sind bemerkenswert. Noch im vergangenen Jahr wurde der deutsche Nachwuchs gelobt, weil er in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften im weltweiten Vergleich aufgeholt hatte. Der Pisa-Schock schien überwunden. Beim ersten OECD-Vergleich hatten die äußerst mäßigen Ergebnisse vor allem beim Lesen/Textverständnis allgemeines Erschrecken ausgelöst. Überspitzt formuliert: Die deutschen Schüler konnten die Aufgaben nicht lösen, weil sie schon die Fragen nicht verstanden.

Die Kultusminister brachten daraufhin zahlreiche Schulreformen auf den Weg, darunter einheitliche Bildungsstandards für alle Bundesländer. Offenbar durchaus mit Erfolg. Denn dieses Mal sind die deutschen Teenager alles in allem leicht besser als der Durchschnitt der Industrieländer. Doch reicht es nicht für Podest-Plätze. Die Top-Checker unter den 44 OECD-Staaten kommen einmal mehr aus Asien: Singapur, Korea und Japan sind die Spitzenreiter. Beste Europäer sind die Finnen – traditionell Favorit für einen guten Pisa-Platz. Die deutschen Schüler landeten je nach Aufgabenstellung auf den Plätzen 12 bis 21, und damit unmittelbar vor den USA, Belgien und Österreich. Immerhin – gutes Mittelmaß.

Weltweit mussten 85 000 Schüler – in Deutschland 1350 – Lösungen für Alltagsprobleme finden. Dabei zeigte sich: Schülerinnen und Schüler, die in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften gut sind, kommen auch am Ticket-Automaten klar.

So ganz richtig lag Seneca also doch nicht. Eine erfolgreiche Ausbildung in den traditionellen Fächern ist offensichtlich eine stabile Basis, um im Alltag zu bestehen. Wir lernen eben nicht nur für die Schule, sondern tatsächlich auch für’s Leben.

Nur leider gelingt das nicht allen. Bislang brachten alle Pisa-Studien der vergangenen zehn Jahre eine ganz bittere Erkenntnis: Gut 20 Prozent der getesteten Schüler brachten nichts auf die Reihe. Egal um welche Aufgabenstellung es sich handelte. Das ist diesmal nicht anders. Ein Fünftel der jungen Deutschen erreicht nicht einmal Basisniveau. Risikoschüler, bei denen die Gefahr droht, ohne Schulabschluss den Alltag bestreiten zu müssen. Und dabei ist der Fahrkartenautomat noch eines der geringsten Probleme. Sie werden abgehängt, von der Gesellschaft ausgegrenzt, steter Nachwuchs für Deutschland ganz unten. Die OECD spricht von Level 1, Soziologen haben für die Abgehängten den Begriff Prekariat erfunden.

Ganz oben können wir inzwischen gut. Die besten deutschen Gymnasiasten brauchen sich vor ihren Altersgenossen in aller Welt keineswegs zu verstecken. Auch im Mittelfeld sind wir noch ordentlich mit dabei.

Aber ganz unten? Da wird es duster. Eine Herausforderung, die Deutschlands Bildungspolitiker endlich annehmen müssen.

 

Aufgaben aus der neuen Pisa-Sonderauswertung

In dem Pisa-Test  war kreatives „Um-die- Ecke-Denken“ gefordert. Beispiele:

Auf einer schematischen Landkarte mit genau definierten Wegezeiten soll für drei Freunde aus verschiedenen Orten ein Treffpunkt herausgefunden werden, den jeder der Beteiligten nach maximal 15 Minuten erreicht. Dies gehört zu den leichten Aufgaben.

An einem Klimagerät können Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit mit drei Reglern eingestellt werden. Es soll herausgefunden werden, wie jeder einzelne Regler wirkt und wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit mit maximal vier Schritten auf einen bestimmten Zielwert gebracht werden können (mittlerer Schwierigkeitsgrad).

Ein MP3-Player hat zahlreiche Einstellmöglichkeiten: Für Musikart, Lautstärke, Bass. Gefragt wird danach, welche Kombinationen in welcher Reihenfolge gedrückt werden müssen, um bestimmte Ergebnisse zu bekommen – und wie man dorthin mit möglichst wenigen Clicks kommt  (mittlerer Schwierigkeitsgrad).

An einem Ticketautomaten sollen Fahrkarten gekauft werden: Für unterschiedliche Verkehrsmittel, zum günstigsten Tarif, für mehrere Fahrten (hoher Schwierigkeitsgrad).

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