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Klasse gemacht! Vorbildliche Unternehmen in Schleswig-Holstein

23. Oktober 2017 | 17:29 Uhr

Analyse : Der Arbeitsmarkt wird weiblicher

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Deutschland ist die Erwerbstätigkeit von Frauen stärker gestiegen als in vielen Ländern Europas / Anderswo sogar teils ein rückläufiger Trend

shz.de von
erstellt am 23.Aug.2015 | 17:52 Uhr

Sind die Deutschen zu pessimistisch, zu wehleidig, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht? „Wehklagen über die Belastungen für berufstätige Eltern“ aus „ganz unerwarteten Richtungen“ kritisiert eine Sozialwissenschaftlerin, die eine ausgewiesene Befürworterin der neuen Kinderbetreuungspolitik ist, die sie wiederum als Verdienst der „konservativen“ Familienministerin Ursula von der Leyen ansieht. Aus ihrer Sicht hat die Familienpolitik mit den Reformen wie dem Elterngeld und dem Krippenausbau genau den richtigen Weg eingeschlagen, den sie weiter forcieren müsse.

Sie wendet sich gegen feministische Stimmen, denen das neue Leitbild der erwerbstätigen Mutter zu stark von Wirtschafts- und Arbeitsmarktinteressen dominiert wird. Ihrer Meinung nach arbeiten westdeutsche Mütter im Gegenteil immer noch zu wenig. So räumt sie zwar ein, dass Deutschland inzwischen eine der höchsten Frauenerwerbsquoten in Europa hat. Doch nach ihrer Ansicht „täuscht“ die „gute Platzierung“ Deutschlands in der europäischen Statistik. Denn „kaum ein anderes Land“ habe so viele Mütter, die nur „marginal“ in kurzer Teilzeittätigkeit beschäftigt seien.

Richtig daran ist, dass die Teilzeitquoten in Deutschland sehr hoch sind, genau das aber ist charakteristisch für Länder mit hohen Frauenerwerbsquoten in Mittel- und auch in Nordeuropa. In manchen Ländern sind dabei in der Tat die Wochenarbeitszeiten länger, das betrifft auf den ersten Blick sowohl Frankreich als auch Schweden. In anderen Ländern wie Großbritannien und den Niederlanden sind sie vergleichbar. In den Niederlanden ist Teilzeitarbeit noch deutlich häufiger und der Umfang der Erwerbstätigkeit von Frauen, gemessen in Vollzeitäquivalenten, ist deutlich niedriger als in Deutschland, wie OECD-Statistiken zeigen (siehe Grafik). Auch in Frankreich ist der Erwerbsumfang von Frauen geringer als in Deutschland.

Ein Grund dafür ist, dass es in Deutschland mehr kinderlose Frauen gibt, aber auch Mütter sind bei uns nicht seltener, sondern häufiger erwerbstätig als westlich des Rheins. Anders ist die Lage in Schweden: Hier sind Erwerbsquoten und Erwerbsumfang von Frauen tatsächlich höher; nachdenklich machen sollte aber der Entwicklungstrend: In der letzten Dekade ist in Schweden das Beschäftigungsvolumen von Frauen zurückgegangen. Auch in anderen Ländern zeigt sich eine Abnahme des Beschäftigungsvolumens von Frauen. Deutschland ist mit einem deutlichen Anstieg eher die Ausnahme; vergleichbar dynamisch hat sich die Frauenerwerbstätigkeit sonst nirgends entwickelt.

Erstaunlicher noch ist die Arbeitsmarktrealität der Männer: Deutschland ist mit seinem Beschäftigungsaufbau in der Folge der Agenda-2010-Reformen ein echter Sonderfall. In praktisch allen anderen Ländern Westeuropas ist das Beschäftigungsvolumen der Männer deutlich zurückgegangen; besonders betroffen davon ist Südeuropa, wo in der Krise die Beschäftigung dramatisch eingebrochen ist. Deutschland erscheint da als eine „Insel der Seligen“ und ist auch deshalb zum Zuwanderungsmagneten in Europa geworden. Auch in Deutschland wächst aber die Beschäftigung nicht in den Himmel: Im langfristigen Vergleich ist das Beschäftigungsvolumen deutlich gesunken – eine Folge der Technisierung, mit der menschliche Arbeit wegrationalisiert wurde. Mehrere Millionen Vollzeitstellen sind seit den 1980er Jahren verloren gegangen – darunter zu leiden hatten vor allem Männer in manuellen Berufen, die als „geringer qualifiziert“ gelten.

Im Jargon der Sozialwissenschaften werden sie als „Modernisierungsverlierer“ bezeichnet; dagegen sind Wissenschaftlerinnen wie die oben zitierte Autorin „Modernisierungsgewinner“. Sie haben einen Job, in dem sie sich selbst verwirklichen können, zumindest manchmal. Den wollen sie für Kinder allenfalls kurzzeitig unterbrechen und die Kinderbetreuung deshalb „outsourcen“. Zudem profitieren sie von der Lohnersatzleistung des Elterngeldes und begrüßen verständlicherweise den Paradigmenwechsel der letzten Dekade. Weniger verständlich ist es, warum sie Leistungen wie das Betreuungsgeld so rigoros ablehnen. Ist das versteckter Egoismus? Gerade Akademiker sollten doch die Pluralität der Familienmodelle anerkennen. Und gerade vom Elterngeld profitieren längst nicht alle gleichermaßen, ausgerechnet kinderreiche Familien sind benachteiligt. Für sie wäre ein Betreuungsgeld, wie es das auch in Frankreich gibt, hilfreich. Vor dem Bundesverfassungsgericht hat das keine Rolle gespielt – zum Schaden der Familien.

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