Erfahrungsbericht : Als Auszubildende in Elternzeit

Konnte sich nach einem Jahr noch nicht von ihrem Sohn Jan trennen: Die junge Mutter Martina Appel unterbrach ihre Ausbildung.
Konnte sich nach einem Jahr noch nicht von ihrem Sohn Jan trennen: Die junge Mutter Martina Appel unterbrach ihre Ausbildung.

Neue Wege bei Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Arbeitgeber ermöglicht angehender Versicherungskauffrau eine Auszeit

shz.de von
20. Juli 2015, 16:03 Uhr

Zwei Jahre lang unterbrach sie ihre Ausbildung zur Versicherungskauffrau, um sich ganz der Erziehung ihres Sohnes widmen. Jetzt machte die alleinerziehende Mutter Martina Appel nach insgesamt fünf Jahren ihren Abschluss – mit hervorragendem Ergebnis und dem beruhigenden Gefühl, eine gute Mutter zu sein.

Zu Beginn hätte sich die heute 26-jährige Preetzerin nicht träumen lassen, dass ihre Ausbildung so lange dauern würde. Schnell fertig werden, lautete anfangs ihre Devise. Doch eine ungeplante Schwangerschaft im Sommer 2011 veränderte ihr Leben – und ihre Karriere. Im Frühjahr 2012 kam ihr Sohn Jan zur Welt. Für die Auszubildende stand damals bereits fest, dass sie ein Jahr in Elternzeit gehen würde. Die zwölf Monate gingen schnell vorbei. Nach einigem Überlegen rang sich Martina Appel zu einem Anruf bei ihrem Arbeitgeber, der Provinzial Nord, durch: „Eigentlich sollte ich in acht Wochen wiederkommen. Aber ich bringe es nicht übers Herz. Ich kann mich noch nicht von meinem Sohn trennen.“ Appel bat darum, ein weiteres Jahr zu Hause bleiben zu dürfen.

Lutz Schlünsen, im Kieler Unternehmenssitz zuständig für Aus- und Fortbildung, gibt zu: „Wir waren zunächst überrascht von dieser Anfrage.“ Bislang hatte es bei der Provinzial keine Auszubildende gegeben, die in Elternzeit gegangen war. Nach einiger Beratung genehmigte die Unternehmensführung Appel ein weiteres Jahr. „Wir sahen uns in der Verantwortung, neue Wege der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu finden“, so Schlünsen. Das Modell wurde zum Vorbild: Mittlerweile ist eine zweite Auszubildende in der Elternzeit.

Grund genug für die gemeinnützige Berufundfamilie GmbH die Provinzial in diesem Jahr zum dritten Mal für ihr Engagement auf diesem Feld auszuzeichnen. Die Provinzial ermöglicht ihren Mitarbeitern, mit den verschiedensten Teilzeitmodellen, flexiblen Arbeitszeiten sowie dezentralen Arbeitsplätzen, Job und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Sollte der Nachwuchs unerwartet krank werden, steht ein Notfallkindergarten für die Betreuung bereit. „Man kann sich heute gar nicht mehr leisten, solche Modelle nicht anzubieten“, sagt Personalchef Arne Fischer. Bei der jungen Generation beobachte er ein neues Selbstbewusstsein. „Bei vielen Bewerbern steht die Work-Life-Balance ganz oben in der Lebensplanung.“ In Einstellungsgesprächen werde gezielt danach gefragt.

Von sechs Mitarbeiterinnen der Provinzial Nord, die im Jahr 2014 Mütter wurden, arbeiten heute drei in Teilzeit. Und auch für Männer spielt das Thema eine Rolle: Fünf von zwölf Vätern nahmen vergangenes Jahr eine zweimonatige Elternzeit. Verbesserungsbedarf sieht Personalchef Arne Fischer noch auf der Führungsebene. Selbstverständlich seien auch dort Teilzeitmodelle möglich, allerdings gebe es noch zu wenig Frauen, die in Teilzeit Verantwortung übernehmen wollten. Fischer sieht das Unternehmen in der Pflicht, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.

Teilzeit heißt im Moment auch die Lösung für die junge Mutter Martina Appel, die nach ihrer Ausbildung für ein Jahr übernommen wurde. Täglich fünf Stunden sitzt sie jetzt am Schreibtisch, sodass am Nachmittag genügend Zeit für Sohn Jan bleibt. Mittlerweile kommt sie gut damit klar, den Vormittag getrennt von ihrem Kind zu verbringen: „Ich bringe Jan morgens in die Krippe. Dann setze ich mich ins Auto, atme tief durch und fahre zur Arbeit. Das ist wie ein neuer Tagesabschnitt.“

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