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Tischler-Beruf : Holz in zarten Händen

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Schon jede vierte Ausbildungsstelle bei Deutschlands Tischlern wird von jungen Frauen besetzt. Ein neuer Trend? Ja, denn immer mehr Frauen erlernen Männerberufe.

Es riecht wunderbar nach edlem Holz. Laura Walter (22) macht gerade den Feinschliff an einem schön geschwungenem Tischbein im Barockstil. Vor ihr ist die Tischplatte schon fertig. Feinstes Nussbaumfurnier fugenlos auf Tischlerplatte verklebt. Laura legt in diesen Tagen letzte Hand an einen Schreibtisch im französischen Stil. Er wird ihr Gesellenstück. In ein paar Tagen muss er fertig sein. Denn Laura Walter hat dann ihre zweieinhalbjährige Ausbildungszeit zur Tischlerin beendet und bekommt nach bestandener Abschlussprüfung ihren Gesellenbrief.
Laura ist nicht die einzige Auszubildende in der Tischlerei von Christoph Dehner (40). Aber sie ist die nächste, die ihren Abschluss im kommenden Monat macht. Zusammen mit ihr im Betrieb arbeitet Carina Moser (22), die nach dem Abitur und zwei Monaten Praktikum ihre Lust an der Arbeit mit Holz entdeckte. Und Elke Peters (25), die erst Agrarwissenschaften studierte, und danach fasziniert war von der Arbeit als Tischlerin.
Die drei jungen Frauen sind keine Einzelfälle in holzverarbeitenden Betrieben. Allein in Hamburg ist jeder siebte Tischler-Lehrling eine Frau. Bundesweit stieg die Zahl der Lehrverträge binnen 10 Jahren auf 15 Prozent. Deutsche Handwerkskammern verzeichnen Jahr für Jahr ein immer größeres Interesse an diesem Beruf. Das kann Tischlermeister Dehner nur bestätigen: " Fast die Hälfte der 30 bis 35 Bewerbungen pro Jahr für meine Tischlerei kommen von jungen Frauen."
Das steigende weibliche Interesse am Tischlerberuf ist Trend. Fast ein Viertel der bundesweiten Ausbildungsplätze in Handwerksberufen sind in diesem Jahr mit Frauen besetzt. Jede fünfte Frau will zudem am Ende ihrer Gesellenzeit den Meisterbrief machen.
Warum junge Frauen statt Augenoptik, Hotelfach, Zahntechnik, Büro oder Schneiderei den körperlich fordernden Beruf als Tischler erlernen wollen, muss etwas mit der Kreativität im Umgang mit Holz zu tun haben. "Es sind die gestalterischen Möglichkeiten, die so reizvoll sind. Der Umgang mit Formen und Furnieren, das Gestalten von Möbeln - das ist schon ein schöne Herausforderung. Und Frauen haben ein gutes Gespür für das, was schön ist", sagt Christoph Dehner, der sich auf hochwertige Möbel, Bäder, Küchen und Innenausbau spezialisiert hat.
Tischlermeister Dehner, der vor zehn Jahren seine Werkstatt erst einmal mit männlichen Mitarbeitern gründete, hat außerdem festgestellt: "Meine weibliche Kundschaft reagiert besonders positiv auf weibliche Auszubildende." Und auch das Betriebsklima hat von der Anwesenheit der weiblichen Lehrlinge profitiert. "Die Männer haben einen anderen Ton beim Umgang mit den Auszubildenden bekommen."
Zwar müssen Dehners weibliche Lehrlinge anpacken, wie ihre männlichen Kollegen auch. Und das ist manchmal schon hart. "Tragen Sie mal schwere Holzteile in den vierten Stock eines Altbaus ohne Fahrstuhl. Da wissen sie, was sie getan haben", lächelt Laura Walter. Und auch die derzeit wegen vieler Aufträge auf 45 Stunden angewachsene Arbeitszeit und der Dienstbeginn um 7 Uhr morgens sind nicht unbedingt etwas für zart besaitete Mädchen. "Aber es ist alles in allem ein toller Beruf", sagt Laura. Denn der Chef lässt seine Lehrlinge schon im ersten der drei Lehrjahre machen. "Sie sollen früh schon eigene Projekte vom Anfang bis zum Ende durchführen. Und auf manche Montagen schicke ich zwei meiner weiblichen Auszubildenden - die lernen so am besten mit Problemen umzugehen."
Dass sie in den ersten drei Lehrjahren nur zwischen 380 und 600 Euro an Gehalt bekam, hat Laura Walter nicht gestört. Den Besuch der Berufsfachschule - alle drei Monate drei Intensivwochen - hat sie mit großem Interesse genossen. "Dort lernt man in der Lehrwerkstatt das, was man im eigenen Betrieb nicht immer erlernen kann: Treppenbau und Fensterfertigung, Montage und Ausbau".
Dennoch wird sie am Ende ihrer Lehrzeit zum Design- oder Architekturstudium nach Berlin gehen. Und auch ihre Kollegin Carina Moser möchte sich spezialisieren. Sie will als Studienfach Restauration wählen. "Das Interesse junger Frauen an unserem Beruf ist groß", sagt der Hamburger Innungsgeschäftsführer Falk Schütt. "Es muss uns aber gelingen, sie nach der Lehre auch in unserem Beruf zu halten." Das macht von den drei weiblichen Auszubildenden in Christoph Dehners Werkstatt nur eine. Elke Peters wird beim Holz bleiben. Sie kann sich vorstellen, ihren Meister im Handwerk zu machen und Tischlermeisterin zu werden.

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erstellt am 25.Aug.2012 | 10:12 Uhr

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