Bildungssystem in Deutschland : Es gibt sie: Gute Schulen, gute Lehrer

In Deutschland brechen 5,9 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss ab.
Foto:
In Deutschland brechen 5,9 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss ab.

Warum der Pisa-Schock von 2001 für Aufbruch in der deutschen Bildungslandschaft gesorgt hat.

shz.de von
01. Januar 2015, 10:47 Uhr

Früher passten die Schulen durchaus zum jeweiligen Entwicklungsstand der Gesellschaft. Sie waren so autoritär oder sogar totalitär wie ihr Umfeld. Aber mittlerweile verändert sich die Gesellschaft wesentlich schneller, als die Schulen es tun, so dass sie immer häufiger überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind. Vier Jahrzehnte lang gab es Stillstand in der Schulentwicklung mit der leidigen ideologischen Bildungsdebatte zwischen den Anhängern des dreigliedrigen Schulsystems (Hauptschule, Realschule und Gymnasium) einerseits und den Anhängern der Integrierten Gesamtschule andererseits.

Aber mit dem Pisa-Schock des Jahres 2001 wurde schlagartig Vieles besser und deutlich unideologischer, weil wir endlich einmal über unseren Tellerrand hinausguckten und fragten, was eigentlich die bei Leistungsvergleichsstudien besonders erfolgreichen Länder wie Finnland, Schweden, Kanada oder die Niederlande anders machen. Und gleichzeitig begannen auch die Hirnforscher, uns äußerst wirkungsvoll mitzuteilen, was eigentlich beim Lernen im Kopf eines Schülers passiert.

Und so kamen ab 2001 schneller, als wir vermuteten, etwa 5000 der fast 42.000 deutschen Schulen deutlich voran mit Ganztagschulen, mit jahrgangsübergreifenden Lerngruppen, mit individualisierendem und mit rhythmisierendem Lernen, mit flexibler Einschulung, mit einer stärkeren Nutzung der Medien, mit dem Gedanken der Nachbarschaftsschule, mit Berufsorientierung und der Kooperation mit Betrieben, mit der Partizipation von Eltern und Schülern, mit der Reduktion der Bedeutung der Noten zugunsten von Lernentwicklungsberichten, mit offenen Übergängen zwischen den Schulformen sowie der besseren Integration von Schülern mit Behinderung oder mit einem Migrationshintergrund.

Gegenläufig wurde allerdings gleichzeitig wieder viel Hoffnungsvolles – typisch deutsch – im Keim erstickt mit Qualitätskontrollen durch Schulinspektoren und mit dem Zulassen des Älterwerdens der Lehrkräfte bei Rückgang der Schülerzahlen und der Nichteinstellung junger, modern ausgebildeter Pädagogen.

Seit etwa 2009 hat die Reformbereitschaft wieder deutlich abgenommen. Die Gründe sind vielfältig: Die Ganztagsbetreuung und die Inklusion wurden derart dürftig ausgestattet, dass sie eher Verdruss als Zugewinn zeitigten. Die Lehrkräfte wurden nicht hinreichend aus- und fortgebildet für neue gesellschaftliche Herausforderungen und das Phänomen „veränderte Kindheit“ infolge ganz anderer Hirnvernetzungen durch multimedial vernetzte Kinderzimmer, mit denen junge Menschen heute nicht nur anders, sondern auch ganz Anderes lernen wollen.

Die „Wochenunterrichtstundenverpflichtung“ der deutschen Lehrkräfte ist mit bis zu 29 Wochenstunden im Vergleich zu nur 16 Wochenstunden in skandinavischen Ganztagsschulen viel zu hoch, so dass ihnen keine Zeit, vor allem aber auch keine Kraft bleibt, um den nötigen erzieherischen Rahmen über den bisherigen bloßen Bildungsauftrag der Schule hinaus zu gewährleisten. Etwa 60 Prozent der deutschen Stadtkinder kommen mittlerweile nicht mehr hinlänglich erzogen in die Schule, so dass der schulische Bildungsauftrag bei ihnen scheitern muss, wenn er nicht einen breiteren erzieherischen Rahmen bekommt, was heißt, man muss mit fünf statt mit sechs Jahren einschulen, man braucht wie die Niederlande eine zweijährige obligatorische Vorschule, man braucht gebundene Ganztagsschulen und man muss die Lehrkräfte in die Lage versetzen, den Eltern bei der Erziehung zu helfen, beispielsweise durch Hausbesuche und Elternstammtische, wie Kanada das macht. Ganz besonders hat aber in letzter Zeit wegen der weltweit und auch in Deutschland zunehmenden Krisen die Bereitschaft der Politik nachgelassen, unsere Schulen ins Zeitgemäße hinein zu reformieren. Es sind im allgemeinen nicht die stärksten Persönlichkeiten, die in Kabinetten das Bildungsressort bekommen.

Aber eines ist auch klar: Es gibt viele gute Lehrkräfte und Schulen in Deutschland. Jedoch können nicht sämtliche 720.000 Lehrkräfte gut sein, das ist bei Anwälten oder Ärzten ja auch nicht anders. Ich habe im jetzt zu Ende gehenden Jahr 150 Fortbildungsveranstaltungen zum Thema „Hirngerechtes Lernen“ in ganz Deutschland gegeben. In etwa 80 Prozent der Fälle wurde ich von Schulleitungen eingeladen, um die Lehrkräfte oder die Eltern auf den Weg in die Zukunft mitzunehmen; die restlichen 20 Prozent waren Lehrerkollegien, die mich gegen ihre Schulleitung einluden, Eltern, die mich gegen Lehrkräfte einluden, Großbetriebe wie VW oder BASF, die beklagen, dass sie international nicht mehr konkurrenzfähig sind, weil Schulen nicht beachten, dass Können längst wichtiger geworden ist als Wissen, und Oberstufenschüler, die anders und vor allem Anderes lernen wollen. Die Tragik dabei ist, dass mich meist sowieso schon gute Schulen einladen, die dadurch noch besser werden, während durchschnittliche Schulen mit überlasteten und erschöpften Lehrkräften mich selten einladen, weil sie sich mit dem Argument „es hat sich doch bewährt“ an Althergebrachtes klammern. So werden die guten Schulen immer besser, die anderen aber immer unzeitgemäßer. Nach aller Erfahrung ist es dabei vor allem die Persönlichkeit des Schulleiters, über die der Weg in die Zukunft geht oder eben nicht. Jedenfalls gibt es keine einzige gute Schule in Deutschland, die aufgrund einer Regierung gut ist. Gute Schulen sind definiert mit drei Eigenschaften: Im klassisch Kognitiven (Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften, Fremdsprachen usw.) wird außerordentlich viel gelernt; gute Schulen erkennt man daran, dass sich die Schüler und Lehrkräfte in ihnen sauwohl fühlen; und gute Schulen haben immer deutlich mehr Anmeldungen als Plätze.

Ein Wermutstropfen zum Schluss: Das so notwendige längere gemeinsame Lernen, wie es außer in Deutschland und Österreich selbstverständlich ist, scheitert auch am unkundigen Wähler. Die von allen Parteien der Bürgerschaft ohne Gegenstimme beschlossene sechsjährige Primarschule ist in Hamburg an einem Bürgerbegehren gescheitert. Warum? Es gibt reichlich Eltern, die gar nicht möchten, dass ihr eigenes „tolles“ Kind seine Zukunftschancen mit besser geförderten „Schmuddelkindern“ teilen soll. Dabei sind es in Hamburg vor allem die Migrantenkinder aus Syrien, Afghanistan, Portugal, Griechenland, Spanien und dem Irak, die den Intelligenzquotienten der Schülerschaft deutlich haben steigen lassen und die sich bei ihren Schulleitern beklagen, sie würden zu wenig lernen. Ein ziemlich neues Phänomen in der deutschen Schulgeschichte.
 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen