Honorarprofessur : Ein Hochkaräter für die Uni

Prominente Unterstützung: Der Soziologe und Klimafolgenforscher Harald Welzer will Uni-Präsidentin Waltraud Wende bei der Schärfung des Uni-Profils als nachhaltige und ökologische Hochschule helfen. Foto: Michael Staudt
Prominente Unterstützung: Der Soziologe und Klimafolgenforscher Harald Welzer will Uni-Präsidentin Waltraud Wende bei der Schärfung des Uni-Profils als nachhaltige und ökologische Hochschule helfen. Foto: Michael Staudt

Er gilt als einer der kreativsten Köpfe der Wissenschaft: Harald Welzer ist neuer Honorarprofessor an der Uni Flensburg. Mit den Studenten will er Potenziale für Nachhaltigkeit bergen.

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13. Juli 2011, 11:33 Uhr

flensburg | Er ist einer der kreativsten Köpfe der Wissenschaft. Das sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, über Harald Welzer. Auch Uni-Präsidentin Waltraud Wende lobt den "selbst denkenden Menschen" Welzer, der "neue Paradigmen" setzt. Und das tut er ab sofort in der Universität Flensburg.

Wende stellte den Sozialpsychologen Welzer, dessen Buch "Soldaten. Protokolle von Kämpfen, Töten und Sterben" derzeit auf der Spiegel-Bestsellerliste steht, beim Zukunftsworkshop der Hochschule am Wochenende als Honorarprofessor vor. "Flensburg ist eine Uni, die sich im Aufbruch befindet, mit motivierten Kollegen", sagt Welzer. Er will daran mitarbeiten, ein Profil aufzubauen, das es woanders nicht gibt. Bei dem es darum geht, die Gesellschaft in Hinblick auf Nachhaltigkeit, auf Ökologie zukunftsfähig zu machen. Damit passt Welzer hervorragend in die universitäre Zukunftsstrategie, die die Studenten verstärkt zu mehr sozialer Verantwortung und nachhaltigem Denken animieren will.

Welzer befasst sich mit Erinnerungs- und Massengewaltforschung, hat zum Beispiel das Verhalten von Menschen im Alltag während des Nationalsozialismus sowie Formen familiärer Erinnerungstradierung untersucht. In den vergangenen Jahren hat er die Klimafolgenforschung entwickelt. In seinem Bestseller "Klimakriege" (2008) beschäftigt er sich mit den sozialen Folgen des Klimawandels, damit, was passiert, wenn beispielsweise Menschen Erdteile verlassen müssen, weil sie dort nicht mehr leben können - und in andere Weltgegenden fliehen.

"Wir verbrauchen von allem zu viel, produzieren zu viel Dreck", sagt Welzer. Und: "Wir leben in einem System, das die Voraussetzungen, auf denen es besteht, zerstört." Welzer setzt den Begriff Kultivierung gegen Wachstum, gegen einen Fortschritt um jeden Preis. Welzer ist kein Öko-Fundamentalist. Es gebe "objektive Gründe" den Klimawandel zu stoppen. Das ist aus seiner Sicht jedoch kein rein technisches Problem, nicht mit bloßer Emissionsreduzierung zu bewerkstelligen. "Wir brauchen eine veränderte Lebenspraxis." Die Industrielle Revolution habe eben nicht nur technische Möglichkeiten geschaffen, sondern auch die Kultur, das Alltagsleben, die Biografien, die Familienstrukturen der Menschen verändert. Das Vorgehen der Politik hält er für falsch. Es bringe nichts, energetische Sanierungen vorzuschreiben, die 70-jährige Hausbesitzerin wolle ihr Haus nicht noch aufwendig umbauen. Dennoch wollen sich Menschen engagieren, müssen aber aktiviert werden. "Die Bevölkerung ist eine Ressource", sagt Welzer. Er nennt ein Beispiel: Für ein Festival in Berlin wurde auf mobilitätsintensives Catering verzichtet, man nutzte vielmehr die Erträge aus den 70 000 Schrebergärten in Berlin. "Damit bekommt der Gärtner im urbanen Raum eine neue Rolle, wird ernst genommen." Solche Potenziale gelte es zu reaktivieren.

Bedeutet ein alternativer Lebensstil für die Menschen nicht Verzicht? Welzer kontert: "Wir müssen die Voraussetzungen schaffen für einen guten Lebensstandard mit Bildung und Gesundheitsversorgung, auf einer Basis, die sich nicht selbst zerstört." Alles andere sei doch ein Verzicht auf keine Lärmbelästigung, auf keine Freiräume, auf Nichtgefährdung.

Wie man die Potenziale der Menschen bergen kann, steht in keinem Lehrbuch. Welzer will es mit den Studenten in "Laboren der Erfahrung" gemeinsam erarbeiten. "Transferdesign und Vermittlung" heißt der Schwerpunkt, der sich auch mit rechtlichen Dimensionen und technischen Möglichkeiten beschäftigen soll.

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