Bewerbung und Vorstellungsgespräch : Du oder Sie? Was Bewerber und Arbeitnehmer beachten sollten

Eine Frage der Unternehmenskultur: An vielen Arbeitsplätzen herrscht heute das kollektive Du - vom Azubi bis zum Geschäftsführer. /dpa/dpa-tmn
Foto:
Eine Frage der Unternehmenskultur: An vielen Arbeitsplätzen herrscht heute das kollektive Du - vom Azubi bis zum Geschäftsführer. /dpa/dpa-tmn

„Kannst du mal eben vorbeikommen?“ statt „Können Sie mir helfen?“: Das Du ist in vielen Unternehmen Standard - selbst gegenüber Vorgesetzten. Aber Vorsicht: Gute Freunde sind Kollegen oder Chefs deswegen noch nicht.

shz.de von
12. Februar 2018, 04:54 Uhr

Das förmliche „Herr“, die „Frau“ und ganz allgemein das „Sie“ gelten in vielen Firmen als veraltet. Mittlerweile ist in vielen Betrieben, ob groß oder klein, das kollektive Du angekommen, vom Azubi bis zum Geschäftsführer. Die Hierarchien sollen hierdurch flach und der Umgangston locker sein. Und dann ist der Chef eben „Norbert“ und nicht „Herr Kröger“. Doch das gefällt nicht jedem.

Was, wenn in der Stellenanzeige geduzt wird?

Es fängt mitunter schon mit der Stellenanzeige an. „Wir suchen Dich, bring Dich mit Deinen Fähigkeiten und Talenten bei uns ein und komm in unser Team“, heißt es da mitunter. Die Stellenbeschreibung klingt locker, aber als Interessent fragt man sich, wie man jetzt seine Bewerbungsunterlagen gestalten soll. Den Ansprechpartner ebenfalls duzen? Die Personalchefin, die man gar nicht kennt, mit „Hallo Simone“ anschreiben? Klare Antwort: „Ja, natürlich“, meint zumindest Christa Stienen, Vizepräsidentin beim Bundesverband der Personalmanager (BPM).

Auf Du kann ein Du folgen

Wer geduzt wird, darf zurückduzen. Darüber, ob man diesen Schritt jedoch auch wagen kann, sind sich die Experten nicht ganz einig. Wer vor dem „Du“ etwas Respekt hat, kann stattdessen zum Beispiel allgemeinere Anreden benutzen und so etwas wie „Liebes Team“ schreiben, meint Christa Stienen. Auch eine Anrede wie „Guten Tag Michael Schröder“ sei möglich, erklärt Jutta Boenig, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGfK). Und wer Michael Schröder so gar nicht duzen möchte, kann auch das Sie verwenden. Im Auswahlverfahren von Bewerbern ist etwas zu viel Höflichkeit wohl kaum ein Ausschlusskriterium.

Im Anschreiben förmlich, im Bewerbungsgespräch abwarten

Linda Kaiser von der Deutschen-Knigge-Gesellschaft (DKG) empfiehlt sogar, auch bei locker-flockigen Stellenausschreibungen im Anschreiben zunächst förmlich zu bleiben. „Kommt es dann zum Vorstellungsgespräch, kann der Bewerber immer noch schauen, ob man gesiezt oder geduzt wird und sich darauf einstellen“, erklärt sie. Denn auch wenn die Stellenanzeige eher informell daherkommt, gelten die Grundregeln für eine gelungene Bewerbung weiter: Lieber zu höflich als zu unhöflich, Rechtschreib- und Grammatikfehler unbedingt vermeiden.

Und auch im Vorstellungsgespräch ist selbst bei Duz-Unternehmen Zurückhaltung gefragt. Bewerber sollten also keinesfalls direkt auf den Chef zugehen und „Hi, ich bin Melanie“ sagen. Stattdessen rät Jutta Boenig, die Situation erstmal zu beobachten und sich dann anzupassen. „Wird sich geduzt und der Bewerber tut sich damit schwer, dann kann er dies auch sagen“, sagt die Expertin. Etwa, in dem der Bewerber vermittelt, dass das „Du“ für ihn gerade ungewohnt sei und er darum um Entschuldigung bittet, sollte ihm das „Sie“ zwischendurch herausrutschen.

Am ersten Arbeitstag lieber zurückhaltend verhalten

Auch nach dem erfolgreichen Gespräch, wenn man in den Job startet und die neuen Kollegen kennenlernt, sollte man vorsichtig sein: Ob man duzt oder siezt, sollten zunächst die Kolleginnen und Kollegen entscheiden. Auch wenn Hierarchien flach gehalten werden, der Chef ist und bleibt der Vorgesetzte, dem man auch bei einem Du mit Abstand und Respekt begegnen sollte. Das gleiche gilt für den Umgang mit allen anderen Kollegen.

Das Duzen am Arbeitsplatz sollte auch nicht dazu verleiten, Kollegen automatisch wie Freunde zu behandeln. Vertrauliche, private Dinge und Themen zu besprechen, kommt nicht bei jedem gut an. Anders ist das natürlich, wenn Kollegen außerhalb des Jobs tatsächlich Freunde sind.

„Durch Duzen am Arbeitsplatz wächst nicht automatisch Vertrauen“, sagt Christa Stienen. Nach ihrer Meinung vereinfacht der Verzicht auf „Herr“ oder „Frau“ im Alltag aber vieles, das Du können das Wir-Gefühl im Team stärken. Und ist es Teil der Unternehmenskultur, können sich Kollegen, die andere nicht gerne duzen, diesem freundschaftlichen Ton ohnehin nur schwer entziehen. „Wer mit dem Duzen in der Arbeitswelt grundsätzlich Bauchschmerzen hat, sollte sich gut überlegen, ob er oder sie in der Firma überhaupt richtig ist“, rät auch Jutta Boenig. Unternehmen mit Sie-Kultur gebe es ja weiterhin.

(mit dpa)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert