Bilanz zum Bologna-Prozess : "Da wurde häufig zu kurz gedacht"

Bis 2010 soll das deutsche Hochschulsystem vollständig auf Bachelor- und Master-Studiengänge umgestellt sein. So sieht es bislang im Lande aus.

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07. Oktober 2008, 03:17 Uhr

Die Bilanz der Landesuniversitäten fällt zum jetzigen Zeitpunkt nur bedingt positiv aus. Kritik - besonders seitens der Studierendenausschüsse - ist eher die Regel als die Ausnahme. Denn anders als erhofft, bringen die Änderungen bis jetzt hauptsächlich Arbeit und oft das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bewirken sollen.
So zieht die Universität Kiel zwar das Resümee, die Einführung der neuen Studiengänge sei "bisher recht erfolgreich" verlaufen. "Die erste Umfrage hat ergeben, dass 73 Prozent der Studierenden die Studienbedingungen auf einer Schulnoten-Skala von 1-6 als sehr gut bis befriedigend ansehen", so die offizielle Stellungnahme. Es gebe aber "enorm erhöhten Bedarf an Studienberatung". Auch sonst laufe in der Landeshauptstadt noch längst nicht alles rund. Die Flensburger Universität registriert nach eigenem Bekunden bei ihren Dozenten das gesamte Spektrum von vollkommener Zustimmung bis hin zu genereller Ablehnung der neuen Struktur. In Lübeck geht man mit der Kritik sogar noch einen Schritt weiter. „Die Umstellung hat vieles für alle Beteiligten schwieriger gemacht: für die Lehrenden, die Verwaltung und letztlich auch für die Studierenden", fasst Pressesprecher Rüdiger Labahn zusammen. Ob sich die Bearbeitung der Schwierigkeiten und deren Bewältigung lohne, werde erst die Zukunft zeigen. Insgesamt also eher gedämpfte Begeisterung in den Hörsälen und Verwaltungen.
Die Studierendenvertreter sehen die Sache besonders kritisch
Das ist auch nicht verwunderlich. Denn natürlich sind gewisse Kinderkrankheiten bei Umstrukturierungen immer zu erwarten. Aber der Bologna-Prozess ist nicht oberflächliche Kosmetik, sondern ein organisatorischer und inhaltlicher Neuanfang. "Und da wurde häufig einfach zu kurz gedacht", grummelt Marc Fabian Buck, Referent für Bachelor- und Master-Angelegenheiten beim Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) der Uni Kiel. "Das Problem ist: Das Ganze war eine rein politische Entscheidung, und die Unis müssen das jetzt ausbaden."
Die Studierendenvertreter sehen die Sache naturgemäß besonders kritisch - immerhin sind sie direkt betroffen. Besonders die wegen der verkürzten Studiendauer vermehrte Arbeit macht ihnen und ihren Kommilitonen zu schaffen. "Teilweise kommen im Semester sieben Klausuren und vier Hausarbeiten zusammen", rechnet Buck vor. Und deren Bewertungen gehen vom ersten Tag an mit in die Examensnote ein. Das baut Druck auf. Nach einer Umfrage des Kieler Asta fühlen sich 46 Prozent der befragten Studenten mit diesen Anforderungen überlastet. Die Universitätsleitung bestätigt, dass "viele Bachelor-Studierende offenbar unter erhöhtem Druck leiden, da sie durch die studienbegleitenden Prüfungen von Anfang an einem gewissen Examensstress ausgesetzt sind." Man arbeite daran, die Ursachen zu bekämpfen. Buck und seine Asta-Kollegen beobachten parallel dazu, dass die sozialen und psychologischen Beratungsangebote der Universität stark zunehmen. Es herrscht offenkundig Bedarf an Hilfe. Und nicht jeder bekommt rechtzeitig die Kurve. Buck: "Ich kenne Leute, denen wurde vom Arzt ein Burn-Out-Syndrom bestätigt - und das mit 24 Jahren."
"Die Anzahl der zu korrigierenden Examensklausuren ist um ein Vielfaches gestiegen"
Mehr Prüfungen und Klausuren belasten aber auch die Dozenten. "Die Anzahl der zu korrigierenden Examensklausuren ist um ein Vielfaches gestiegen", bestätigt die Kieler Uni. Und wo die quantitative Belastung auf der einen Seite wächst, schrumpft auf der anderen Seite der kreative Anspruch. Denn die neuen Studiengänge sind straff entworfen und durchstrukturiert. Offiziell bleibt wenig Freiraum bei der Seminargestaltung. "Und immer dasselbe zu machen, darauf haben die Dozenten natürlich auch keinen Bock" , sagt Buck. Die Uni-Leitung drückt sich diplomatischer aus: "Nicht alle Dozenten haben die neue Studienstruktur mit dem gleichen Engagement umgesetzt", heißt es aus der Hauptstadt. Denn die meisten wollen eben nicht nur Lehrer sein, sondern gleichzeitig auch Wissenschaftler. Das aber wird im Zuge vorstrukturierter Inhalte schwierig.
Ein weiterer Punkt ist die gestiegene finanzielle Belastung der Universitäten, denn neue Studiengänge verlangen auch nach neuen Prüfungsämtern - samt Ausstattung, Personal und dessen Schulung. Und auch das Land muss für Bachelor und Master derzeit noch ein bisschen tiefer in die Tasche greifen: Denn jeder Studiengang wird vor der Zulassung überprüft und bekommt ein Qualitätssiegel aufgedrückt. Nicht von Bund oder Land, sondern von einer externen Akkreditierungsagentur. Zwischen 8000 und 15.000 Euro kostet diese Begutachtung - pro Studiengang. Bei rund 100 Studiengängen in Kiel kommt da einiges zusammen. Und das nicht nur einmalig: Die Akkreditierungen müssen alle fünf Jahre erneuert werden. In Zeiten knapper Kasse nicht gerade Grund für Freudentänze.
"Viele entscheiden sich aus finanziellen Gründen gegen die Weiterführung des Studiums"
Auch das Credit Point-System krankt offenbar an Problemen bei der praktischen Umsetzung. Ursprünglich konzipiert, um Studiengänge EU- und deutschlandweit besser vergleichen zu können, wird gerade dieser Anspruch von Kritikern in Frage gestellt. Grundidee des Systems ist, dass Lehrveranstaltungen hinsichtlich der gesamten Arbeitszeit - also mit Vor- und Nachbereitung - anhand von Leistungspunkten bewertet werden. Ein Punkt entspricht dabei rund 30 Arbeitsstunden. Module mit denselben Anforderungen müssten daher theoretisch auch dieselben Punktbewertungen erhalten. "In der Realität hat sich aber leider gezeigt, dass Veranstaltungen mit gleicher Credit Point-Anzahl zum Teil erhebliche Aufwandsunterschiede beinhalten", so Philipp Wewering vom Asta der Lübecker Uni. Hinzu kommt, dass die neuen Studiengänge oft extrem spezialisiert sind, so dass sich dieselben Bedingungen sowieso kaum zweimal finden lassen. "Jede Universität sieht eine unterschiedliche Gewichtung der Credit Points in den einzelnen Studiengängen vor", kritisiert die Uni Flensburg. Kompatibilität sei nur eingeschränkt gegeben. Und die Lübecker Uni-Verwaltung stellt schlicht klar: "Ein Wechsel ist definitiv schwieriger geworden." Das lässt auch ein anderes Bologna-Ziel ins Leere laufen: Die Anzahl ausländischer Studenten in Schleswig-Holstein ist bis dato nicht gestiegen. Inwieweit dabei das Bewertungs-Wirrwarr die entscheiden Rolle spielt, bleibt Spekulation. Attraktiver macht es die Landesuniversitäten aber offenbar nicht.
Nach Ansicht der Lübecker Universität gibt es aber noch einen anderen Grund, warum die Mobilität zumindest der deutschen Studenten abnimmt. "Immer weniger Studierende gehen ins Ausland, weil sie erstens durch den straffen Lehrplan Zeit verlieren und zweitens sich den Aufenthalt finanziell nicht leisten können", fasst Rüdiger Labahn zusammen. Denn wo mehr studiert werden muss, ist weniger Zeit, sich nebenher etwas dazuzuverdienen. Und wer von Haus aus nicht gut gestellt ist, bekommt das besonders zu spüren. Wer dann vor der Wahl steht, gibt im Zweifelsfall lieber der simplen Existenzsicherung den Vorzug, wie Labahn weiß: "Viele entscheiden sich aus finanziellen Gründen gegen die Weiterführung des Studiums."
Zwei Jahre Zeit ist offiziell noch für den Bologna-Prozess. Dass bis dahin auch alle Probleme gelöst werden, ist mehr als fraglich. Die Flensburger Universität zumindest konstatiert: "Die Umstellung auf die neuen Bachelor-/Masterstudiengänge wird formal bis 2010 beendet sein, doch die eigentliche Umsetzung innerhalb und außerhalb der Universitäten wird noch einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren umfassen."

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