zur Navigation springen

Erzieher : "Auf keinen Fall ein Kuschel-Job..."

vom

In Deutschland fehlen männliche Erzieher in Kindertagesstätten. Das wollen Politik und Kita-Verbände ändern. Die Chancen für Berufseinsteiger sind gut wie nie. Aber was erwartet einen Erzieher bei seiner Arbeit? Wir haben einen von ihnen gefragt.

Ein Kinderlachen und du vergisst alle anderen Sachen", sagt er. Zum Beispiel, dass ihn die Freunde am Anfang seiner Ausbildungszeit mit dem Spruch hänselten: "Du hast ja ’nen tollen Frauenberuf". Und dass andere über ihn lästerten, es sein schon merkwürdig, sich als Mann mit Kindern zu befassen. Ob er nicht richtig ticken würde...
David Godebo ist heute 23 und lächelt über diese Vorurteile. Stattdessen sagt er solche Sätze mit dem Kinderlachen. Und dass es ihn begeistert, welche Lebensfreude Kinder ausstrahlen. Und dass es toll ist, sie in ihrer Entwicklung zu begleiten. Und mit ihnen gemeinsam die Welt zu entdecken.
David Godebo ist seit eineinhalb Jahren Erzieher in der Kita Falkenbek im Süden von Hamburg. Die Einrichtung liegt am Rand eines sozialen Brennpunkts. Viele der 165 Kinder haben einen Migrationshintergrund. "Bei den Kindern ist das kein Problem, bei ihren Eltern manchmal schon. Die fragen nicht selten, warum ein Mann ihre Kinder betreut. Weil das nun gar nicht in ihr Weltbild passt. Nach einem intensiven Gespräch begreifen sie dann, wie wichtig ein männlicher Erzieher für ihr Kind sein kann."
Fünf Jahre lang hat David Godebo auf seinen Beruf hingearbeitet. Nach seinem Realschul-Abschluss ließ er sich zwei Jahre als Kinderpfleger ausbilden. Praktikas machte er in Pflegeinrichtungen oder in der Nachmittags-Betreuung von Schulkindern. Anschließend studierte er an der Hochschule für Erziehung, machte seinen Abschluss als Erzieher.
"Ja", sagt er, "es ist ein langer Weg bis zum Abschluss. Und man muss alles selbst finanzieren. Ich habe Bafög bekommen, andere mussten sich in Nebenjobs das Geld für die Ausbildung verdienen. Aber ich wollte diesen Beruf, schon mit 15 war ich überzeugt davon, Erzieher zu werden." Warum?
"Es gibt so viele Berufe, die finden nur in einem Raum oder immer unter Dächern statt. Und in meinem Beruf kann ich einfach rausgehen, die Sonne genießen, zur Elbe fahren und mit den Kindern auf Entdeckungstour gehen. Ich habe die Freiheit, das selbst zu entscheiden."
David Godebo hat eine 38,5 Stunden-Woche. Sein Arbeitstag beginnt um 7.45 Uhr mit dem Vorbereiten des Frühstücks. "Da helfe ich den Kindern beispielsweise beim Eingießen, beim Brote schmieren oder beim Kleinschneiden des Brotes." Dann geht es weiter mit dem Morgenkreis. Bis zum Mittagessen gibt es eine Phase für Festangebote, Projekte oder für Freispielzeit. in der er den Kindern beispielsweise die verschiedenen Jahreszeiten anhand von Naturbeispielenwie Blüten und Blättern erklärt.
Halb zwölf gibt es Mittagessen und danach geht Godebo mit seinen zehn Kindern zwischen drei und sechs Lebensjahren meistens an die frische Luft. "Die Kinder geben mir oft den Weg vor: Was interessiert sie gerade und wo kann ich sie in ihrer Entwicklung unterstützen."
Der Beruf des Erziehers hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Während Erzieher früher mehr Aufpasser waren, umfasst ihre pädagogische Aufgabe heute in besonderer Weise die Beobachtung der Kinder. Sie sollen heute bei den Kindern erkennen, was sie für Bedürfnisse haben. "Über diese Beobachtungen machen wir den Kindern immer wieder neue Bildungsangebote."
Wie sehen die Angebote aus? "Beim Morgenkreis gebe ich den Kindern quasi in einer kleinen Konferenz die Möglichkeit, ihren Kita-Tagesplan selbst zu entscheiden. Oder sie sollen Regeln für das Miteinander entwickeln. Das sind ja auch Dinge, die ihnen später immer wieder begegnen: Sie müssen sich einordnen und an Regeln halten."
Für wen ist der Beruf des Erziehers geeignet? "Es ist auf keinen Fall ein Kuschel-Job", sagt David Godebo. "Er ist abwechslungsreich und bietet immer wieder Herausforderungen. Jedes Kind ist anders und erfordert individuelle Begleitung und Förderung. Und man muss ein Teamplayer sein. Denn man braucht die Unterstützung von den Kolleginnen und Kollegen, der Kita-Leitung, den Eltern. Ohne das geht es nicht."
Ist der Beruf anstrengend? "Es gibt Tage, da bin ich geschafft. Zum Ausgleich gehe ich dann ins Fitness-Studio. Was anstrengt: Man muss immer flexibel und spontan sein, wenn Sachen nicht klappen oder wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat. Schnelles Umschalten ist da gefragt. Geduld muss ebenso vorhanden sein, und dann muss man die Lautstärke der Kinder ertragen können. Gerade die schreckt angehende Erzieher manchmal ab. Aber man gewöhnt sich daran und man lernt, die Unruhe durch geeignete pädagogische Maßnahmen zu dämpfen.
Lohnt sich der Beruf finanziell? "Ich bekomme derzeit 2100 Euro brutto. Nach Abzug der Steuern und Sozialabgaben bleiben mir rund 1400 Euro im Monat. Das ist nicht gerade toll. Ich denke, dass Erzieher besser bezahlt werden müssten. Und dass auch ihre Ausbildung finanziell unterstützt werden sollte. Jeder Lehrling in einer Firma bekommt während seiner Ausbildung schließlich auch ein Lehrlingsgehalt."
David Godebo will noch zwei bis drei Jahre als Erzieher arbeiten. "Danach möchte ich Sozialpädagogik studieren und eine eigene Kita führen. Das ist nach Abschluss des Studiums möglich."

zur Startseite

von
erstellt am 25.Aug.2012 | 10:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen