Anzeige : „Wir brauchen mehr Freiheiten für die Kaufmannschaft, das Stadtbild mitzugestalten“

Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde, fordert schnelles Handeln der Politik.

Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde.

Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde, im Interview über den Leerstand in der Flensburger Innenstadt, fehlende Freiheiten und neue Konzepte für den Einzelhandel.

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05. Oktober 2020, 00:00 Uhr

Flensburg | Herr Dr. Geyer, zuletzt wurde viel über den Leerstand in der Flensburger Innenstadt berichtet – mitunter etwas einseitig, entsteht doch beispielsweise in der Norderstraße gerade ein neues Bistro, an der Schiffbrückstraße ein Concept Store und in der Großen Straße 54 eröffnete jüngst ein Friseur. Dennoch stechen die vielen verlassenen Ladenflächen mit ihren schmutzigen Fenstern und die leerstehenden Geschäfte in den Einkaufspassagen ins Auge. Was wäre Ihrer Meinung nach ein Ansatz, um mehr Leben in die Fußgängerzone zu bringen?

Dr. Fabian Geyer: Wir brauchen rasch ein modernes Konzept, in dem inhabergeführte Geschäfte, Erlebnisgastronomie und Wohnen in der Innenstadt optimal aufeinander abgestimmt sind, weil die Menschen heute mehr Wert auf Essen und Trinken legen. Hier braucht es einen Einklang. In Städten wie Husum, Eckernförde und der Heidestadt Celle funktioniert das.

Was machen diese Städte in Ihren Augen besser?

Zum Beispiel gibt es in Husum einen bedeutenden Unternehmer, der Name ist ja bekannt [Peter Cohrs, Geschäftsführer von C.J. Schmidt, Anm. der Redaktion], der die Innenstadt gestalten kann. Man lässt der Wirtschaft und Kaufmannschaft dort viel mehr Freiraum, anstatt sie mit überhöhten Auflagen und Restriktionen zu überziehen, die zeitlich und wirtschaftlich nicht erfüllt werden können. Das zeigt aktuell das Beispiel Sinnerup.

Wir brauchen dringed mehr Freiheiten für die Kaufmannschaft, das Stadtbild mitzugestalten. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Eine Verwaltung ist regelmäßig nicht in der Lage Städte zu gestalten. Wir haben in Flensburg ja eine tolle Stadt. Aber man muss die Menschen, die investieren möchten, auch machen lassen. Es geht durch zu viel Bürokratie und Gegeneinander unheimlich viel Kreativität kaputt. In der Geschichte ging es Flensburg immer dann gut, wenn die Kaufmannschaft ihr Geld frei investieren durfte wie z.B. am Ende des 19. Jahrhunderts. Auch den Wohnraum in der Innenstadt würde ich ausweiten. Denn der Mensch, der hier wohnt, geht abends auch gerne nochmal etwas trinken, essen oder um die Ecke einkaufen. Anwohner beleben das Stadttreiben.

Sie sprachen das Thema Sinnerup an – ein Fall, in dem der Denkmalschutz die Gestaltung des Neubaus erschwert.

Die Vorschriften zum Denkmalschutz werden in meinen Augen völlig überzogen angewendet. Man gewinnt den Eindruck, Denkmalschutz ist nicht für die Menschen da, sondern für die Behörde. Das Thema könnte man sehr viel großzügiger handhaben. Warum nicht der Kaufmannschaft möglichst freie Hand lassen? Das zukünftige Sinnerup-Gebäude soll einen modernen Charakter in einem historischen Gebäude bekommen, das sich in das Stadtbild eingliedert. Es wird ja kein Hochhaus dahingestellt. Wenn Lars Sinnerup sagt, er braucht die und die Fläche für sein Geschäft, damit er es so ausrichten kann, wie er es für richtig hält, dann sollte ihm die Stadt nicht eine sinnlose Auflage nach der anderen in den Weg stellen.

Der Dienstleistungscharakter der Verwaltung ist meiner Meinung nach nicht ausgeprägt. Sie hat zu ermöglichen und nicht zu verhindern. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde

Schreibt die Stadt zu streng vor, was er mit seinen erworbenen Gebäuden zu tun hat, dann ist das ein Eingriff in seine unternehmerische Freiheit – und es entsteht die Gefahr, dass das Projekt irgendwann so unwirtschaftlich wird, dass es sich kaufmännisch nicht rechnet. Natürlich kann man an Kleinigkeiten arbeiten. Aber wenn ein Kaufmann ein komplettes Gebäude nicht nutzen darf, wie er möchte, kann man als Stadt keine Investoren nach Flensburg locken.

Die Stadtverwaltung vertraut den Kaufleuten zu wenig. Sie sollte aufhören, Auflage um Auflagen zu erteilen, sondern mit den Kaufleuten an einem Strang ziehen. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Auch in einer denkmalgeschützten Stadt wie Flensburg – und dazu zählen auch Celle und Husum – sollte sich moderner Einzelhandel frei entfalten können. Nicht Politik und Verwaltung sollen sich das Stadtbild vorstellen, sondern die Leute, die es angeht, nämlich die Kunden und Kaufleute. Eine Stadt gehört nämlich den Bürgern.

Die Hinterhäuser Angelburgerstraße Nr. 15 dürfen nicht abgerissen werden – so will es der Denkmalschutz.
Gunnar Dommasch

Die Hinterhäuser Angelburgerstraße Nr. 15 dürfen nicht abgerissen werden – so will es der Denkmalschutz.

Mehr Details und Hintergründe: Sinnerup-Bauvorhaben in der Angelburger Straße kurz vor dem Durchbruch

Wie könnte man den Kunden und Kaufleuten konkret mehr Einflussnahme zusprechen?

Es ist wichtig zu fragen, was der Kunde möchte. Man muss also von Profis eine Marktanalyse machen lassen, die sowohl Besucher als auch Einheimische einschließt. Warum sind die einen erfolgreich und die anderen nicht? Die Läden, die jetzt aufgeben, scheinen kein auf Flensburg zugeschnittenes Konzept gehabt zu haben. Geschäfte wie Desigual und Hallhuber zum Beispiel sind in Flensburg schwierig. Die Qualität der Produkte ist zwar hochwertig, sie dürfen aber nicht so teuer wie in Hamburg sein, weil das abschreckend ist. Der Flensburger achtet nochmal mehr auf den Preis als Kunden in Hamburg und Stuttgart. Gerade für Geschäfte in einer individuellen Stadt wie Flensburg gilt: Man sollte nicht austauschbar sein, sondern etwas Eigenes mit bezahlbaren Angeboten haben.

Aber haben die Kaufleute nicht ihr Glück auch in Ihren eigenen Händen?

Ja natürlich. Die Verantwortung dafür, Einzelhandel anders zu denken, liegt bei den Geschäftstreibenden. Es kommt nicht von ungefähr, dass Kleidung immer öfter online bestellt wird, als in der Stadt anprobiert und bezahlt, denn viele Konzepte sind mittlerweile überholt. Heute genügt es nicht mehr, T-Shirts und Hosen in seinem Geschäft zu präsentieren, das ist zu eindimensional. Menschen sehnen sich nach einer Atmosphäre beim Einkaufen. Warum also nicht Modeläden mit einer weiteren Ausrichtung kombinieren? Zukunftsfähig sind in meinen Augen die Räumlichkeiten, in denen es mehr gibt als nur das eine Sortiment. Geschäfte also, in denen Zonen geschaffen werden, in denen Menschen sich treffen, um zum Beispiel gemeinsam einen Kaffee zu trinken und nebenbei einen Pullover zu kaufen. Karstadt hat es das Genick gebrochen, dass man in den letzten Jahrzehnten nicht mit der Zeit gegangen ist. Das Kaufhaus wirkte altbaksch. Einzelhandel muss anderes gedacht werden, es braucht einen frischen, jugendlichen Teint und hochwertige Produkte zu bezahlbaren Preisen.

Was kann die Stadt Flensburg tun, damit ihre Innenstadt als Aushängeschild attraktiver wird?

Die Grenznähe zu Skandinavien und seine Höfe machen Flensburg einzigartig. Ich finde, man müsste der Stadt ein sehr viel stärkeres Deutsch-Skandinavisches Profil geben. Und dazu genügt nicht, dass man dänische Sprüche an die Wand nagelt oder sagt, dass man auch mit Visa bezahlen kann. Die dänische Kundschaft hat großes Interesse an Flensburg: Die Stadt gefällt ihr gut, Dänen und andere Skandinavier gehen hier gerne gemütlich essen und trinken, sie mögen die Hyggeligkeit. Ich würde mehr Wert legen auf eine besondere Gastronomie, eine Ess- und Lebenskultur in den Höfen, die einen ganz eigenen Charakter hat.

Menschen fahren nicht in eine Stadt, um etwas zu kaufen, sondern um etwas zu erleben. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Husum, Eckernförde und Celle haben einen einladenden Charakter. Hier kauft man nicht nur ein, sondern verbringt gerne seine Zeit. Auch wir sollten die Große Straße als die Einkaufs- und Genussmeile zusammen mit der alternativeren Norderstraße denken. Und so der gesamten Innenstadt eine skandinavische Ausrichtung mit deutschen Elementen verleihen. Das wäre ein Alleinstellungsmerkmal, das nur Flensburg hat. Wir brauchen Attraktionen vom Südermarkt bis zum Nordertor, die Menschen in die Stadt locken. Warum soll man nach Flensburg kommen? Allein zum Einkaufen nicht mehr. Das Angebot ist mittlerweile zu austauschbar geworden. Wegen mangelnden Mutes, mangelnder Kreativität und mangelndem Machenlassen. Uns fehlen die Magnete und öffentlichen Treffpunkte, z.B. an der Hafenspitze, am Nordermarkt.

Zu einer attraktiven, modernen Innenstadt gehört auch ein Mobilitätskonzept, das die Bedürfnisse der Anwohner, Besucher und Geschäftstreibenden in Einklang bringt. Was wäre Ihr Wunsch-Szenario?

Es klingt zwar  sehr ehrgeizig, aber ein kostengünstiger ÖPNV würde Flensburg und andere Städte ungemein beleben. Warum gibt es Milliarden für alles, aber nicht für einen günstigeren oder gar kostenlosen ÖPNV? In der Peripherie des Stadtkerns gibt es viel Parkraum. Also wäre es doch sinnvoll, wenn Menschen, die das Stadtzentrum besuchen möchten oder hier arbeiten, ihr Auto außerhalb kostenfrei parken, sich in den pendelnden Bus setzen und so bequem und günstig an ihrem Ziel ankommen. Ganz ohne die Hemmschwelle, teuer parken zu müssen. Das würde auch den Verkehr in der Innenstadt entlasten. Fortbewegungsmittel in der Innenstadt sind wichtig, aber nicht unbedingt in Form des eigenen Pkws, sondern mit E-Fahrzeugen, E-Bahnen und Fahrrädern. In meinen Augen hat Flensburg ein riesiges Entwicklungspotenzial. Hierfür muss jedoch das Zusammenspiel von mutiger und positiv begleitender Verwaltung und Politik sowie experimentierfreudigen Geschäftstreibenden, die endlich machen dürfen, verbessert werden.

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