Anzeige: Arbeitgeberverband : Wege in den Beruf: Plädoyer für die duale Ausbildung

Ziehen gemeinsam an einem Strang: Andreas Zettl und Dr. Fabian Geyer.

Ziehen gemeinsam an einem Strang: Andreas Zettl und Dr. Fabian Geyer.

Andreas Zettl, Schulleiter der HLA - Flensburger Wirtschaftsschule, und Arbeitgeberverband-Chef Dr. Fabian Geyer im Interview

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01. März 2022, 00:00 Uhr

Flensburg | Sie sind sich einig. Einig darüber, dass berufsbildende Schulen unterschätzt werden und zu wenig Wissen darüber besteht, wie vielseitig die Wege sind, die heutzutage in die Berufswelt führen. Im gemeinsamen Interview diskutieren Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands, und Andreas Zettl, Schulleiter der HLA – Flensburger Wirtschaftsschule, über das Image von Berufsschulen, die Vorzüge einer dualen Ausbildung und Wege von der Schulbank hinein in Unternehmen.

Sie werben dafür, dass Schülerinnen und Schüler die duale Ausbildung als möglichen Bildungsweg in Betracht ziehen, anstatt sich in ein Studium zu stürzen. Warum ist Ihnen das Thema wichtig?

Fabian Geyer: Es sollte bei der Planung der Schülerinnen und Schüler selbstverständlich sein, über diesen Weg nachzudenken. Aber leider sind die vielfältigen Möglichkeiten, die ein regionales Bildungszentrum im Hinblick auf die Berufsvorbereitung bietet, nicht flächendeckend bekannt. Und das wollen wir ändern. Denn die HLA – Flensburger Wirtschaftsschule, die Hannah-Arendt- und auch die Eckener-Schule bieten tolle Möglichkeiten. Es treibt viele schulmüde Menschen in die Oberstufe, obwohl sie dort vielleicht gar nicht unbedingt hin möchten. Genau für diese Schülerinnen und Schüler ist es eine tolle Option in die duale Ausbildung zu gehen und einen Beruf zu erlernen – um danach noch alle Wege offen zu haben. Und zwar hier in Flensburg.

Andreas Zettl: Ganz genau. Man muss nicht von der Schule ins Studium gehen. Es gibt viele Wege. Wenn man zuerst eine duale Berufsausbildung macht, ist der Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife immer noch da.

Über die HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule

Als eines der drei Flensburger Regionalen Bildungszentren vermittelt die HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule Wissen im Bereich Wirtschaft und Verwaltung. Die Schule richtet sich an Menschen, die in der Berufsorientierung wirtschaftlich interessiert sind. Ihre Wurzeln reichen bis in das Jahr 1873 zurück: Damals gründete die Stadt die Handelslehranstalt. Seit dem 1. Januar 2011 ist die HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule eine eigenverantwortlich handelnde berufliche Bildungseinrichtung für die Stadt und Region. Rund 2000 Schülerinnen und Schüler sind hier angemeldet, von denen aktuell zwei Drittel eine Duale Berufsausbildung durchlaufen.

Die Bildungsmöglichkeiten an der HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule sind vielseitig. 16 Ausbildungsberufe werden im Dualen System ausgebildet. Hinzu kommen sechs weitere Schularten, in denen in Form von Vollzeitunterricht gelehrt wird. Über verschiedene Wege können zudem an der HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule der Mittlere Bildungsabschluss, die Fachhochschulreife oder das Abitur erworben werden. Außerdem gibt es Möglichkeiten ein kaufmännisch vorbereitendes Jahr oder eine schulische Ausbildung zum Kaufmännischen Assistenten im Bereich Informatik oder Fremdsprachen zu absolvieren.

 

Worin sehen Sie konkret die Vorteile einer dualen Ausbildung?

Fabian Geyer: Wenn ich mich für eine duale Ausbildung entscheide, habe ich schon mal einen Beruf erlernt, mit dem ich viel anfangen kann anstatt zu sagen: „Ich gehe in eine Hochschulausbildung und weiß danach immer noch nicht, wo ich lande.“ Das wollen wir unbedingt vermeiden. Wir möchten, dass Betriebe und junge Menschen bestmöglich zueinander finden. Das ist für uns als Wirtschaftsvertreter elementar. Darum möchten wir erreichen, dass die Menschen in dieser Stadt und Region berufsbildende Schulen in die Zukunftsplanung ihrer Kinder einbeziehen. Es ist kein Bildungsweg zweiter Klasse, ganz im Gegenteil. Es gibt vielfältige Möglichkeiten für junge Menschen ihren beruflichen Weg zu starten und mit den Akteuren vor Ort zu gestalten.

Andreas Zettl: Wir behaupten nicht, dass berufsbildende Schulen der beste Weg für jeden sind. Aber junge Menschen und ihre Eltern sollen eine Auswahl haben. Und die haben sie nur dann, wenn sie voll informiert sind. Da ist leider noch ganz viel Luft nach oben. Hier braucht es dringend mehr Aufklärung.

Wie könnte man es Schülerinnen und Schülern erleichtern den richtigen Weg zu finden?

Fabian Geyer: Berufsorientierung gilt häufig als ernsthafter Prozess. Ich erlebe da eine unheimliche Verkrampfung, direkt das Ideale finden zu wollen. Man sollte aber seine Lockerheit und Freude daran bewahren. Der Schlüssel dazu ist zu wissen welche Angebote es gibt. Wenn wir die Angebote in der Region flächendeckend bekannt machen und junge Menschen und Eltern Alternativen kennen, die sie durchgehen können, macht das Ganze auch Spaß. Es gibt mir Boden unter die Füße, wenn ich weiß, welche Auswahl ich habe.

Was tun sie dafür, um das Angebot Ihrer Schule bekannter zu machen, Herr Zettl?

Andreas Zettl: Wie auch die Hannah-Arendt- und die Eckener-Schule stellen wir uns bei Gemeinschaftsschulen in der 9. und 10. Klasse vor und nutzen außerdem Infotage und Messen wie die vocatium. Außerdem bieten wir eintägige Hospitationsmöglichkeiten an, bei denen sich Interessierte einen Tag lang mit in den Unterricht setzen können. In der Coronazeiten mussten wir leider viele solcher Ding digital umsetzen. Umso mehr freuen wir uns aber die Schüler wieder persönlich zu sprechen. Man muss viel reden, das persönliche Gespräch ist das A und O. Was wir anbieten ist komplex und darum erklärungsbedürftig. Die Infotage in Gemeinschaftsschulen nehmen wir wahr, aber wir möchten gern auch in die Gymnasien, um uns vorzustellen. Leider sind viele Gymnasien hierfür nicht so offen.

Fabian Geyer: Die Denke, dass alle Abitur machen müssen und danach in die Hochschulen gehen, wurde lange politisch proklamiert, ist aber heutzutage völlig falsch. In Unternehmen beobachten wir, dass Akademiker erstmal an die Praxis gewöhnt werden müssen – trotz der Praktika, die sie während des Studiums gemacht haben. Bei berufsbildenden Schulen hingegen ist der berufliche Ansatz viel stärker als in Gymnasien ausgeprägt, über die wir immer wieder hören, dass die duale Ausbildung als Option nach der Schule für Abiturienten nicht einmal erwähnt wird.

Vor Corona – und in baldiger Zukunft wieder – lud Andreas Zettl den Wirtschaftsexperten Dr. Fabian Geyer zu Gastvorträgen in die Aula der Schule ein.
Gohde

Vor Corona – und in baldiger Zukunft wieder – lud Andreas Zettl den Wirtschaftsexperten Dr. Fabian Geyer zu Gastvorträgen in die Aula der Schule ein.

 

Woran liegt es, dass die duale Ausbildung nicht in Betracht gezogen wird?

Fabian Geyer: Viele machen es aus Unwissenheit nicht, sie kennen die Möglichkeit nicht. Das muss sich dringend ändern. Man kann diese Aufgabe nicht nur den Kammern überlassen, sondern muss zum Beispiel über die Politik oder andere Kanäle gehen, um das Thema zu den Menschen zu bringen und Jugendlichen ihre Möglichkeiten aufzuzeigen.

Andreas Zettl: In der öffentlichen Wahrnehmung spielen berufsbildende Schulen keine Rolle. Das ist ein Ungleichgewicht, nicht nur in Flensburg, sondern landesweit. Wenn die Medien über Schule berichten, sind es meistens nicht wir. In Anbetracht dessen, welches Volumen wir an allgemein bildenden Schulen abbilden und dass in Flensburg insgesamt 6500 Schülerinnen und Schüler an berufsbildenden Schulen unterrichtet werden, sehe ich da ein Versäumnis.

Ein Studium gilt in vielen Köpfen als beste Voraussetzung um Karriere zu machen – ein Irrtum? 

Fabian Geyer: Für einen Teil ist das Studium der beste Weg, aber eben nicht für alle. Es ist ein festgefahrenes Vorurteil, dass das Studium ein besseres Leben ermöglicht. Das ist einfach falsch. Wer materielle oder finanzielle Erwartungen an ein Studium hat, wird oft enttäuscht. Viele Akademiker landen in Sachbearbeitungstätigkeiten mit entsprechender Bezahlung. Dafür braucht man kein Studium. Aber mit einer vernünftigen Berufsorientierung hätten sich diese Menschen frühzeitig sehr viel attraktivere Lebens- und Arbeitsbedingung sichern können.

Und auch das Bild in Unternehmen hat sich gedreht. Der Akademikerwahn ist vorbei. Unternehmen haben erkannt, dass jemand, der den Weg Schule-Studium-Praktikum durchlaufen ist, erstmal drei Jahre braucht, bis er an die Praxis gewöhnt ist. Es gibt Unternehmen, die diese Menschen im Bewerbungsverfahren deswegen ausrangieren. Die werden gar nicht erst eingeladen. Stattdessen erleben wir eine Wertschätzung der praktischen Erfahrung. Die HLA – Flensburger Wirtschaftsschule bietet aufgrund ihrer hervorragenden Vernetzung mit den Praktikern und Kammern wie der IHK beste Voraussetzungen.

Mit wie vielen Unternehmen in der Region pflegt Ihre Schule Kontakte, Herr Zettl?

Andreas Zettl: Wir haben knapp 1.500 Betriebe in der Datenbank. Die Kontakte sind mehrschichtig und ergeben sich schon dadurch, dass fast alle im Kollegium selbst eine duale Berufsausbildung absolviert haben. Ich bin auch so ein Kandidat. Für mich war das ein guter Weg. Wenn sich also ein Vollzeit-Schüler für eine duale Berufsausbildung oder ein Praktikum interessiert, kann ich ihn ganz einfach in das Büro eines Kollegen senden, der dann weiterhilft.

Unser Netzwerk unterstützt übrigens auch, wenn einer unserer Schüler seine Ausbildung abbrechen möchte und Orientierung benötigt. Wenn das passiert, ist der Klassenlehrer erster Ansprechpartner. Wir haben außerdem ein großes Unterstützungsprogramm mit Mitarbeitern aus der Berufsberatung und Jugendberufsagentur. Alle, die helfen können, kommen an einen Tisch und eruieren Möglichkeiten um zu vermitteln. Wenn ein Schüler Probleme in seinem Betrieb hat, kann er ggf. auch den Betrieb wechseln, um seine duale Ausbildung fortzusetzen. Wir als Schule bauen mit der IHK eine Brücke, damit es an anderer Stelle weitergeht.

Für wen ist die HLA – Flensburger Wirtschaftsschule genau das Richtige?

Andreas Zettl: Unser Angebot ist vielfältig. Wenn jemand Spaß an wirtschaftlichen Zusammenhängen hat und Lust, Gesellschaft aus wirtschaftlicher Sicht zu verstehen, ist er bei uns richtig. Ein Interesse an betrieblichen Abläufen und wie sie in Zahlen abgebildet sind, sollte da sein. Anders formuliert: Wer ein halbes Jahr bei uns ist, sollte die Frage, ob Wirtschaft für ihn oder sie interessant ist, für sich bejahen können. Wenn Themen wie Rechnungswesen, Rechtslehre und Kaufvertragsrecht ganz fürchterlich ist, sollte man überlegen, ob man in der richtigen Sparte, oder woanders besser aufgehoben ist. Und was nicht vergessen werden sollte: In unserem beruflichen Gymnasium kann man das Abitur erwerben, es gibt sogar ein bilinguales Profil, in dem wir Wirtschaft auf Englisch unterrichten. Diese Schülerinnen und Schüler im beruflichen Gymnasium zielen auf ein Studium ab, darum bieten wir es an.

Fabian Geyer: Genau, das wird häufig vergessen. Auch an der HLA – Flensburger Wirtschaftsschule kann man sein Abitur erwerben, aber das ist eben nicht allein im Fokus. Und das ist der entscheidende Mehrwert von berufsbildenden Schulen in dem so wichtigen Übergang von der Schule in den Beruf hinein und nicht von der Schule in das Studium. Für uns als Arbeitgeberverband ist es wichtig, Partner wie die Wirtschaftsschule zu haben, die den Wert der dualen Ausbildung auch vermitteln.

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