Anzeige : Dr. Fabian Geyer: „Finger weg vom gesetzlichen Anspruch auf Home-Office“

Ein Recht auf Home-Office? Wenn es nach Hubertus Heil (SPD) geht, soll der gesetzliche Anspruch kommen.

Ein Recht auf Home-Office? Wenn es nach Hubertus Heil (SPD) geht, soll der gesetzliche Anspruch kommen.

Der Geschäftsführer vom Arbeitgeberverband Flensburg-Schleswig-Eckernförde erklärt, weshalb der Vorschlag von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil in der Praxis nicht umzusetzen ist.

Julia Gohde klein.JPG von
01. Juni 2020, 00:00 Uhr

Flensburg/ Schleswig/ Eckernförde | Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte einen Gesetzesentwurf an, der einen Anspruch auf Home-Office vorsieht. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde, hält davon nichts. Im Interview erklärt er warum.

shz: Herr Dr. Geyer, viele Schleswig-Holsteiner arbeiten derzeit von zuhause aus. Welche Rückmeldungen haben Sie als Arbeitgeberverband hierzu aus den Betrieben erreicht?

Dr. Fabian Geyer: Im Moment wird viel probiert. Im Zuge der Digitalisierung gab es schon länger Bemühungen, dezentrale Strukturen in den Arbeitsalltag einzubauen, soweit es sinnvoll ist. Die Debatte hat nun im Zuge der zwangsweisen Trennung der Mitarbeiter am Arbeitsplatz an Fahrt aufgenommen. Das Problem ist, dass viel ad hoc passiert ist – ohne jede Vorbereitung. In vielen Betrieben fehlt es darum an notwendiger Logistik, Infrastruktur sowie an Klarheit und Absprachen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Punktuell in den eigenen vier Wänden statt im Büro zu arbeiten kann sinnvoll sein, muss aber gut vorbereitet und begleitet werden. Und man darf nicht vergessen: Für viele Beschäftigte ist Home-Office kein Modell auf Dauer. Sie sind froh, wenn sie ganz normal wie vorher arbeiten dürfen. Diese Rückmeldung haben wir als Arbeitgeberverband in circa neun von zehn Fällen erhalten.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte Ende April an, bis Herbst 2020 einen Gesetzesentwurf für das Recht auf Home-Office vorzulegen. Wie schätzen Sie diesen Vorstoß ein?

Das geht völlig an der Realität vorbei – und lässt viele Fragen offen: Wie soll das praktisch umgesetzt werden? Werden die Unternehmen dann die räumlichen Kapazitäten für einen festen Arbeitsplatz im Unternehmen abbauen? Und was passiert nach der Rückkehr eines Arbeitnehmers in den Betrieb, wenn Home-Office nicht mehr gewünscht wird, weil zum Beispiel das Kind, das in Corona-Zeiten zuhause betreut wurde, wieder in der Kita versorgt wird?

Was passiert mit jemandem, der aus verschiedenen Gründen nicht mehr im Home-Office arbeiten möchte? Kann derjenige dann einfach sagen, dass er zurück in den Betrieb möchte? Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Viele Arbeitgeber aus dem Mittelstand, mit denen ich gesprochen habe, haben Angst, dass ein Anspruch auf Home-Office von den Falschen ausgenutzt wird und ihre Arbeitsorganisation auf den Kopf stellt. Es würde sich immerhin um einen krassen einseitigen Eingriff in den Arbeitsvertrag handeln, der dadurch noch mehr entwertet wird. Ich sehe zudem große Herausforderungen im Hinblick auf die IT-Sicherheit: Nicht jeder hat bei der Arbeit einen Laptop, den er einfach unter den Arm klemmen und mit nach Hause nehmen kann. Hier greifen die Arbeitnehmer also teilweise auf eigene Geräte zurück, arbeiten mit privaten Internetzugängen und Netzwerken.

Das klingt nach einem schmalen Grat im Hinblick auf den Datenschutz...

Ja. Ein schwerwiegender Datenschutzverstoß kann im Home-Office schneller geschehen – zum Beispiel, wenn die Grenzen zwischen privaten und beruflichen Netzwerke verwässern oder das Kind seiner Mutter oder dem Vater beim Arbeiten zuschaut, während auf dem Laptop personenbezogene Daten zu sehen sind. Dabei bleibt der gesetzliche Datenschutz eine wesentliche Aufgabe des Arbeitgebers, auch im Home-Office, der er kaum nachkommen kann.

Was außerdem noch nicht beantwortet ist, sind weitere rechtliche Rahmenbedingungen: In Deutschland gibt es einen gesetzlichen Arbeitsschutz und eine gesetzliche Arbeitssicherheit, die auch gelten, wenn Mitarbeiter von dem heimischen Arbeitszimmer aus tätig sind. Jeder meint immer, Home-Office wäre außerhalb des Betriebes zu sehen, dabei ist das ein Teil der betrieblichen Organisation. Der Arbeitgeber hat außerdem eine Überwachungs- und Organisationsverpflichtung. Das heißt, er müsste im Grunde genommen unangemeldet jederzeit den Arbeitsplatz der Angestellten besichtigen dürfen. Das kreuzt sich aber mit dem Hausrecht. Das heißt, ein unbefugtes Betreten des eigenen Raumes durch den Arbeitgeber oder den Betriebsrat ist gar nicht möglich. Es gibt also viele praktische und rechtliche Probleme.

Fabian Geyer ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde.
Michael Staudt
Fabian Geyer ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde.
 

Zumal ja auch nicht jeder von zuhause aus arbeiten kann.

Genau. Wir haben viele Beschäftigte, die nicht am PC sitzen, sondern in den Bereichen Handwerk und Produktion tätig sind. Für sie ist der angekündigte Gesetzesentwurf gar nichts. Was wäre es denn für ein Signal, wenn man der Büroebene solche Privilegien einräumt? Eigentlich kann das wirklich keiner wollen. Das ist Unfug und schafft Neid.

Es wäre unklug anzunehmen, dass man einen Anspruch auf Home-Office gesetzlich verordnen kann, nur weil der Bundesarbeitsminister sich das wünscht. Vielmehr scheint es mir, als würde das Thema zu Wahlkampfzwecken bespielt werden. Bis diese ganzen Fragen nicht vernünftig für die und mit der Praxis beantwortet werden können, gilt: Finger weg vom gesetzlichen Anspruch auf Home-Office! Ich halte das weder rechtlich noch praktisch für umsetzbar.

Auf welche Weise können Arbeitnehmer Ihrer Meinung nach stattdessen zukünftig räumlich und zeitlich flexibler arbeiten, ohne dabei Arbeitsgesetze zu verletzen?

Die Tendenz geht schon jetzt dazu, sich mehr zu vernetzen und Termine im Rahmen von Videokonferenzen abzuhalten. Das ist Digitalisierung, diese Themen muss man angehen. Ich wünsche mir auch, dass Dienstreisen langfristig reduziert werden. Das würde einen immensen Zeitaufwand vermeiden und ließe sich wunderbar organisieren. Mobiles Arbeiten am Laptop von überall aus wird weiter zunehmen, davon bin ich überzeugt. Das ist die Zukunft, nicht Home-Office.

Sind auch Co-Working-Spaces, wie man sie vor allem von größeren Städten kennt, ein denkbares Prinzip?

Ja, das finde ich einen sehr interessanten Ansatz. Ich glaube jedoch nicht, dass sich das flächendeckend durchsetzen wird, weil dieses Prinzip nicht für alle Arbeitsbereiche passend ist. Man darf nicht generalisieren. Es gibt nicht die Arbeitsplätze, nicht die Arbeitswelt. Aber ich denke, wenn man die IT-Sicherheit von unterwegs gewährleisten kann und es möglich ist, sich ortsunabhängig in eine Videokonferenz einzuschalten, macht dies mehr Sinn als für einen zweistündigen Termin hunderte Kilometer zu reisen.

Die Digitalisierung prägt mittlerweile viele Berufe. Ein Servicemonteur etwa, der vor allem handwerklich tätig ist, hat auch immer seinen Laptop dabei, weil er zum Beispiel ein Update an einem Gabelstapler durchführen muss. Auch sein Beruf wird immer digitaler, auch er arbeitet mobil, aber nicht von zuhause. Diese Mobilität ist es, die wir vorantreiben müssen – örtlich wie zeitlich. Die Welt hat sich verändert und man muss darauf reagieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer wünschen sich liberalere und freiere Möglichkeiten – selbstverständlich unter Beachtung von Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit.

Was ist in Ihren Augen ein möglicher Kompromiss?

Home-Office ist ein ganz wesentlicher Aspekt in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was jedoch nicht passieren darf, ist, dass mit einem Anspruch darauf das Weisungsrecht des Arbeitgebers unterlaufen wird. Denn er ist für die Arbeitsorganisation seines Betriebs verantwortlich.

Die Unternehmen sollten die verschiedenen Vorstellungen in Einklang bringen und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern und den Betriebsräten mobiles Arbeiten gestalten. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Man kann zum Beispiel vereinbaren, dass der Mitarbeiter ein oder zwei Mal in der Woche im Home-Office ist, wenn es passt. Aber daraus kann ich keine gesetzlichen Ansprüche ableiten. Das kann die Politik nicht ernsthaft wollen.

Gemäß der Bedürfnisse von Arbeitgeber und Arbeitnehmer muss man flexibel bleiben. Stellt der Arbeitgeber fest, dass Home-Office nicht zur Arbeitsorganisation seines Betriebes passt, muss ein Weg zurück möglich sein. Genauso, wenn der Mitarbeiter nach kurzer Zeit bemerkt, dass Arbeiten von zuhause aus nicht zu ihm passt.

Was können Betriebe aus der Coronazeit für die Zukunft mitnehmen?

Die Arbeitgeber sind aktuell dazu gezwungen, dass dezentral gearbeitet wird und sind froh, wenn sie so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückkehren können. Die Erfahrung, die sie aktuell mit dem Thema Home Office machen, sollte jedoch in die zukünftige Gestaltung von Arbeitsplätzen einfließen.

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