Anzeige : Blick in die Zukunft: Welche Folgen hat Corona langfristig für Wirtschaft, Bildung und den Arbeitsmarkt?

Dr. Fabian Geyer ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes.

Dr. Fabian Geyer ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Flensburg-Schleswig-Eckernförde.

Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde, im Interview über mögliche langfristige Konsequenzen der Coronakrise.

Julia Gohde klein.JPG von
02. November 2020, 00:00 Uhr

Flensburg | Ab heute heißt es für die nächsten vier Wochen wieder Lockdown: Maskenpflicht an belebten Orten, strenge Kontaktbeschränkungen und Kontrollen, geschlossene Gastronomie, Sportstätten, uvm. Die Vorsichtsmaßnahmen im ganzen Land sind angesichts der steigenden Corona-Zahlen streng. Dr. Fabian Geyer wagt einen Blick in die Zukunft. Welche Folgen hat Covid-19 aktuell und auch langfristig für Wirtschaft, Sport und Bildung sowie den Arbeitsmarkt? Der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde im Interview.

Herr Dr. Geyer, als Vertreter vieler Arbeitgeber in der Region haben Sie einen unmittelbaren Draht zu den Betrieben. Blicken wir auf die Zukunft dieser Unternehmen und des Arbeitsmarktes – mit welchen Entwicklungen rechnen Sie mittel- und langfristig?

Dr. Fabian Geyer: Die Auswirkungen der Coronakrise werfen uns wirtschaftlich in vielen Bereichen total zurück. Die meisten bisherigen staatlichen Überbrückungshilfen und Zuschüsse müssen zurückbezahlt werden. Das schränkt den Handlungsspielraum von Unternehmen für Investitionen massiv ein. Das Investitionsniveau der letzten Jahre wird sich im Mittelstand nicht halten lassen, auch wenn viel Liquidität im Markt ist: Vieles, das ein Unternehmen als nützlich und sinnvoll erachtet hat, wird zurückgestellt. Ausgaben werden auf das Notwendigste gebündelt, es wird nicht mehr jede Modernisierung stattfinden können. Das wiederum zieht einen Rattenschwanz nach sich: Denn die mittelständischen Unternehmen, die im Bereich Ausrüstung tätig sind und Investitionen umsetzen, warten vergebens auf Aufträge, die sich erst zögerlich einstellen werden. Der Schock sitzt bei Vielen tief.

Und wo Aufträge fehlen, leidet auch die Beschäftigung...

Genau. Ich gehe davon aus, dass es bis 2022 einen massiven Einbruch geben wird in der Bereitschaft Personal einzustellen, obwohl in den nächsten Jahren geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen. Das betrifft nicht unbedingt Branchen wie das Handwerk, die Pflege oder Krankenhäuser. Aber im breiten Mittelstand, insbesondere im industrienahen Bereich, dem Einzelhandel, bei den Freizeitanbietern, aber auch der Kultur werden sich viele Betriebe überlegen, ob sie nicht mit der bestehenden Mannschaft oder weniger auskommen. Personal ist ein wesentlicher Kostenfaktor, der sich tragen muss. Das wiederum hängt von der Perspektive beim Auftragseingang ab.

Ich bin sicher, dass hier auf die Bremse getreten wird und Einstellungen auf das Notwendigste beschränkt werden. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Natürlich profitieren wie immer Einige von der Krise, aber das Gros der Unternehmen, die beeinträchtigt sind in ihrem Geschäftsfeld, werden ein bis zwei Jahre durch ein nie gekanntes Tief gehen und natürlich Kosten sparen. Das geht zu Lasten des Arbeitsmarktes.

Das klingt nach schlechten Aussichten für den Nachwuchs?

Ja, die machen sich zurecht Sorgen. Nehmen wir nur die Bereiche Tourismus, Hotellerie und Gastronomie: Hier wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen, welche Arbeitgeber überhaupt noch am Markt sind und ob Ausbildungsplätze in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Das ist schwer abzuschätzen, aber ich bin eher skeptisch. Denn Ausbildungsplätze sind Kostenfaktoren, auf die die Unternehmen achten werden. Eine Normalität wie im Februar 2020 wird in den nächsten Jahren eher nicht erreicht. Es fehlt einfach Eigenkapital an allen Ecken und Enden. Dennoch muss man sich nach Kräften bemühen, dem Nachwuchs und auch den Unternehmen eine Perspektive zu geben. Ich befürchte aber, dass Viele aus Verzweiflung an die Universitäten strömen und dort sinnlos vor sich hin studieren.

Gerade bei jüngeren Menschen geht Bildung auch Hand in Hand mit Sport. Wenn nun der Mannschafts- oder Hallensport eingeschränkt werden, was kann das mit Blick auf die Zukunft bedeuten?

Zunächst einmal heißt das, dass der Bewegungsmangel bei Jugendlichen zunimmt, was gesundheitliche Spätfolgen haben wird. Man sieht zwar überall Jogger, aber gerade der Mannschaftssport fehlt, die Wettbewerbe, das gemeinsame Erlebnis. Mannschaftssport hat den Vorteil, dass man sich gegenseitig motiviert zum Training zu gehen. Ich hoffe, die Lust, sich gemeinsam nach der Schule zu treffen und draußen sportlich-aktiv zu bleiben, bleibt erhalten. Der Mensch gewöhnt sich leider auch an Faul- und Trägheit. Sich wieder zu reaktivieren ist nicht einfach. Davon sind sämtliche Altersklassen betroffen. Den Breitensport in Zukunft wieder so aufzustellen wie vorher wird schwer, da auch Sportvereine durch schwindende Mitgliedsbeiträge große finanzielle Defizite befürchten müssen. Dazu kommt der soziale Aspekt: Wer lange kein gemeinsames Erlebnis mit anderen hat, der fokussiert sich zu sehr auf sich. Ich glaube, das wird unsere Gesellschaft massiv beeinflussen.

Soziale Distanz, Misstrauen gegenüber Fremden und sich anderen nicht zu nähern, das kann sich in den Köpfen manifestieren, dadurch leidet die Solidarität. Ich halte das für brandgefährlich. Das ist eine der schlimmsten negativen Folgen der Coronakrise. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

Vor ein paar Tagen wurde bekannt, dass die Raffinerie Heide mehr als 100 Stellen abbauen möchte. Müssen wir in Zukunft vermehrt mit solchen Meldungen rechnen?

Große Teile der Industrie nehmen durch die aktuelle Wirtschaftskrise massiven Schaden. Reedereien, die Stahl-, Metall- und chemische Industrie leiden enorm. Die über 100 Arbeitsplätze, die in der Raffinerie Heide abgebaut werden sollen, sind Stellen, die schwer wieder aufzubauen sind. Dazu haben wir Industriezweige wie die Herstellung von Windkraft- und Solaranlagen in Deutschland nicht wie erhofft aufbauen können.

Deutschland war immer ein Industrie- und Exportland, ein Weltmarktführer, doch ich fürchte, dass die Entwicklung einer Deindustrialisierung kaum aufzuhalten ist. Dr. Fabian Geyer, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands Flensburg-Schleswig-Eckernförde
 

So werden wir langfristig wichtiges Know-how verlieren. Und was einmal verloren ist, gewinnt man nicht zurück. Deswegen brauchen wir eine Offensive in Richtung einer wesentlich industriefreundlicheren Politik. Wir müssen uns überlegen, welche industriellen Geschäftsfelder wir in Deutschland nicht nur behalten, sondern auch aus- und aufbauen wollen. Doch in der Politik sehe ich aktuell kaum Fachleute, die das aufgreifen und versuchen umzusetzen. Viel zu oft wird vor der mächtigen Lobby der Umweltpolitik ohne objektive Sachargumente zuzulassen kapituliert. Das macht mir große Sorgen. An der Industrie hängen sehr gut bezahlte Jobs und ganze Wertschöpfungsketten aus dem Mittelstand – auch bei uns.

Welche Bereiche der Wirtschaft werden im Gegensatz zu manchen Industriezweigen in Zukunft wachsen?

Wir sind auf dem Weg in eine digitalisierte Dienstleistungsgesellschaft, wobei das ein weiter Begriff ist von einfachen Tätigkeiten bis hin zu hoch spezialisierten Services. In der IT-Branche werden wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen noch größeren Aufschwung erleben und einen erhöhten Arbeitskräftebedarf haben, zum Beispiel im Bereich der Programmierung technischer Lösungen. Hier sind hoch spezialisierte Fähigkeiten und Ausbildungen gefragt. Darüber hinaus werden das Handwerk und die gewerbsmäßige Freizeitgestaltung an Bedeutung zunehmen. Ich hoffe, dass alle begreifen, dass wir ohne das Handwerk nichts von dem umsetzen können, was geplant wird. Nur mit theoretisch agierenden Menschen, die Konzepte schreiben oder Projekte ersinnen, werden wir nicht weiterkommen. Irgendjemand muss sie schließlich praktisch umsetzen.

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