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350 Jahre CAU : Warum das Jobwunder der Energiewende ausbleibt

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Aus der Onlineredaktion

Der Ausbau der erneuerbaren Energien schafft deutschlandweit viele Arbeitsplätze. Schleswig-Holstein profitiert davon allerdings nur wenig. Ein Gastbeitrag von Professor Johannes Bröcker.

Kiel | Die Energiewende in Deutschland soll uns von den Risiken der Kernkraft befreien und zum Klimaschutz beitragen. Ob das mit dem gegenwärtigen Regelsystem gelingt, ist aber fraglich. Noch liegt das Hauptaugenmerk auf der Stromproduktion, die neben Gebäudeheizung und -kühlung, Industrie und Kraftstoffen allerdings nur gut ein Fünftel des Endenergieverbrauches ausmacht.

Hier hat man durch eine Vermischung von zwei Regelsystemen, dem Handel mit Emissionszertifikaten für Kohlendioxid und der direkten Subvention der Erneuerbaren mittels fester Einspeisevergütung einen widersinnigen Zustand geschaffen: Jedes Gramm CO2, das bei uns eingespart wird, wird automatisch woanders emittiert, weil der Gesamt-Ausstoß, der in der EU bei der Produktion von Strom und einigen weiteren Produkten anfällt, festliegt (s. Infokasten).

Dennoch, will man wirklich von der Kohlenstoff-Ökonomie loskommen, wird man diese Konstruktionsfehler im gegenwärtigen Regelsystem irgendwann beseitigen müssen, und Wind und Sonne werden die wichtigsten Energiequellen der Stromproduktion sein; eine Industrie der Zukunft, und die Landesregierung Schleswig-Holstein will die Chance ergreifen. Ihre Pläne sind ehrgeizig: Innerhalb des nächsten Jahrzehnts soll die Stromproduktion aus Biomasse, Sonne und Wind in Schleswig-Holstein so weit ausgebaut sein, dass das Land dreimal so viel grünen Strom erzeugt, wie es selbst insgesamt an Strom verbraucht („300-Prozent-Ziel“).

Die Landesregierung hofft, mit den Ausbauplänen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: das Klima zu schützen und zugleich wirtschaftlich zu profitieren, indem Arbeitsplätze geschaffen und Wertschöpfung ins Land geholt werden. Der Beitrag zum Klimaschutz ist, wie gesagt, unter gegenwärtigen Bedingungen fraglich. Aber wie steht es mit den wirtschaftlichen Vorteilen? Das Institut für Regionalforschung (IfR) der Universität Kiel hat mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz (EKSH) nachgerechnet. Zur Frage regionalwirtschaftlicher Effekte schwirren diverse Zahlen durch den medialen und politischen Raum. Bevor man zählt, sollte man aber präzise sagen, was man eigentlich zählt. Das sind, je nach Studie, die man zur Hand nimmt, meist ganz unterschiedliche Dinge.

Die IfR-Studie fragt: Was bringt das besagte schleswig-holsteinische Ausbauprogramm zusätzlich, verglichen zum Ausgangsjahr (hier als 2012 angenommen), wenn das 300-Prozent-Ziel bis zum Jahr 2020 realisiert werden wird. Einbezogen sind Strom aus Biomasse, Photovoltaik und Wind (Onshore) sowie der erforderliche Netzausbau. Der Wind macht dabei den Löwenanteil aus, für Biomasse und Sonne gibt es kaum noch Ausbaupotenzial. Die Windproduktion auf See (Offshore) ist noch nicht berücksichtigt. Hier gibt es noch zu viele Unklarheiten, aber entsprechende Untersuchungen sind im Gang. Für die Beschäftigung findet man Folgendes: Rechnet man damit, dass die Errichtung der Anlagen sich auf acht Jahre verteilt, werden in Schleswig-Holstein circa 4000 Personen acht Jahre lang in der Errichtung der Anlagen beschäftigt. Dabei wurde nicht nur berechnet, wie viele Menschen z.B. unmittelbar die Bauarbeiten für das Fundament ausführen, sondern auch, wie viele Beschäftigte bei den schleswig-holsteinischen Firmen tätig sind, die die Vorleistungen liefern oder die Vorleistungen für die Vorleistungen und so weiter.

Nach Errichtung laufen die Anlagen über ihre Lebenszeit, für die man bei Windmühlen 20 Jahre ansetzt. Sind die abgelaufen, müssen sie ersetzt werden, wobei wieder ein ähnlicher Aufwand wie bei der Errichtung anfällt. Sind die Anlagen aufgebaut, entstehen auch für den Betrieb dauerhaft Arbeitsplätze für ungefähr 3500 Personen. Die Wertschöpfung entsteht in erster Linie während des Betriebes im Umfang von gut 600 Millionen Euro pro Jahr. Davon bleiben mindestens zwei Drittel im Land, zum größten Teil als Kapitaleinkommen der Betreiber und als Pacht an die Grundbesitzer.

Zusammen genommen ist das zwar nicht unerheblich, aber auch keine neue Ära der schleswig-holsteinischen Wirtschaftsentwicklung. Der Effekt entspricht dem einer großen Industrieansiedlung. Man erhofft sich mehr, z.B. dass auch Komponentenanbieter wegen der Nachfrage expandieren oder neu ins Land kommen. Dieser Kuchen, von dem zum Beispiel Niedersachsen mit dem Marktführer für Windenergieanlagen, Enercon, einen großen Teil abbekommen hat, ist zwar weitgehend verteilt. Aber zum Beispiel im Bereich Planung und Beratung gibt es noch Chancen. Verbraucher neuer Energien anzuziehen und einen Markt für Energiespeicherung in Gang zu bringen, steht ebenfalls auf der Wunschliste. Solange es allerdings eine deutschlandweit einheitliche Tarifzone gibt, kann man sich hier keine besonderen Chancen ausrechnen, weil man keinen Preisvorteil als Standortvorteil gegenüber anderen Regionen geltend machen kann.

Zum Autor: Johannes Bröcker ist Leiter des Instituts für Regionalforschung, sein Schwerpunkt ist Regionale Wirtschaftsentwicklung.
 

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erstellt am 29.Apr.2015 | 17:17 Uhr

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