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Demografischer Wandel in SH : Viele Alte, wenig Geburten: Wettbewerb um junge Einwohner

vom
Aus der Onlineredaktion

Zahlreiche Kommunen kämpfen gegen den demografischen Wandel, anstatt sich an die zukünftigen Bedingungen anzupassen. Denn die Zahl älterer Menschen, Alleinlebender und Personen mit Migrationshintergrund wächst.

shz.de von
erstellt am 13.Okt.2015 | 09:41 Uhr

Kiel | Seit über zehn Jahren nimmt das Thema „Demografischer Wandel“ eine zentrale Position in der politischen Debatte ein. In Schleswig-Holstein gibt es, wie im Bundesdurchschnitt, jedes Jahr weit mehr Todesfälle als Geburten.

Dennoch kann das nördlichste Bundesland im Schnitt jedes Jahr 7000 neue Einwohnerinnen und Einwohner gewinnen. Dies liegt daran, dass mehr Menschen aus dem In- und Ausland nach Schleswig-Holstein ziehen, als das Bundesland wieder verlassen.

Zwischen 2002 und 2011 waren es im Schnitt jedes Jahr ca. 13 000 Menschen. Zugleich führt allerdings der Rückgang an jungen Familien und der allgemeine Anstieg der Lebenserwartung zu einer zunehmenden „kollektiven“ Alterung der Bevölkerung, die sich nach aktuellen Prognosen in den nächsten Jahren verstärkt fortsetzen wird.

Diese Entwicklungen haben eine starke räumliche Komponente. Deutschlandweit wachsen vor allem wirtschaftlich stärkere Mittel- und Großstädte sowie regional bedeutende Ausbildungs- und Hochschulstandorte.

In Schleswig-Holstein ist dies am deutlichsten im Hamburger Umland zu beobachten: Infolge des sehr angespannten Wohnungsmarkts und der Verknappung und Verteuerung möglicher Erweiterungsflächen in der Hansestadt wuchsen die Hamburger Umlandgemeinden in den letzten Jahren erheblich.

Mehr Einwohner in SH trotz sinkender Geburtenzahlen

Viele kleine Gemeinden wie Escheburg, Borstel-Hohenraden und Delingsdorf konnten durch die Ausweisung von Neubaugebieten ihre Bevölkerungszahlen innerhalb von zehn Jahren um bis zu 30 Prozent steigern. Aber auch die größeren Städte Flensburg und Kiel verzeichnen seit der Jahrtausendwende deutliche Bevölkerungszuwächse. Auf der anderen Seite haben vor allem ländliche Kreise wie Steinburg, Dithmarschen, Rendsburg-Eckernförde und auch Teile von Schleswig-Flensburg Einwohner verloren (s. Grafik).

Diese sich langfristig vollziehenden Bevölkerungsdynamiken werden durch kurzfristige Entwicklungen überlagert. Der aktuell starke Anstieg der Flüchtlingszahlen ist ein Beispiel dafür: Allein in diesem Jahr rechnet die Landesregierung mit der Ankunft von etwa 60 000 Asylsuchenden in Schleswig-Holstein.

Unabhängig von der akuten Frage der Erstaufnahme ist der langfristige Wohnort von anerkannten Flüchtlingen sowie von anderen internationalen Migrantinnen und Migranten vor allem für die Entwicklung der größeren Städte von Bedeutung, da sich hier traditionell die internationale Zuwanderung konzentriert.

Alterung, das Nebeneinander von schrumpfenden und wachsenden Gebieten und eine zunehmende gesellschaftliche Vielfalt sind die sichtbarsten Folgen des demografischen Wandels. Aber warum werden diese Prozesse immer wieder als dermaßen zentral für die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte - auch auf kommunaler Ebene - herausgestellt?

Zu viele Schulen, zu wenig Altenheime?

Zunächst ist die Bevölkerungsentwicklung nicht die direkte Ursache für die Herausforderungen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandlungsprozesse. Vielmehr sind die bestehenden sozialen und technischen Infrastrukturen (Schulen, Kinder- und Altenbetreuung, Verkehrsinfrastrukturen usw.) sowie die Verteilungs- und Planungsmechanismen überwiegend auf eine wachsende, nicht aber auf eine schrumpfende Bevölkerung ausgelegt.

Der langfristige Rückgang der Einwohnerzahl und die Alterung der Bevölkerung ist nicht per se problematisch, sondern, dass auf diese Prozesse oft nicht adäquat reagiert wird, da beispielsweise eine Anpassung von Infrastrukturen sehr kostenintensiv sein kann.

Viele Kommunen befürchten außerdem, dass mit einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung die wirtschaftliche und politische Bedeutung und insgesamt die Attraktivität einer Gemeinde abnimmt, was weitere Bevölkerungsverluste nach sich ziehen könnte.

Diese Sorge hängt auch damit zusammen, dass die statistische Einwohnerzahl eine große Bedeutung für die Verteilung von Finanzmitteln auf kommunaler Ebene besitzt. Das wird auch an der Klagewelle der Kommunen deutlich, deren Einwohnerstatistik im Zuge der letzten Volkszählung 2011 nach unten korrigiert wurde.

Die Stadt Flensburg beispielsweise rechnet durch den Verlust von 6500 Einwohnern in der Statistik mit Mindereinnahmen von mindestens 3,5 Millionen Euro.

Kommunale Kirchturmpolitik

Da also Bevölkerungsverluste einerseits zu einer teuren Anpassung der Infrastrukturen führen können und andererseits eine Verengung des finanziellen Spielraums mit sich bringen, erscheint für viele Kommunen eine Gewinnung neuer Einwohner erfolgversprechender als eine umfassende, nachhaltige Anpassung an sich wandelnde Gegebenheiten.

Diese kommunale Kirchturmpolitik führt dazu, dass Gemeinden um die immer weniger werdenden jungen und möglichst gut ausgebildeten Einwohner werben. Auf lange Sicht kann diese steigende interkommunale Konkurrenz in Kontrast zu einer nachhaltigen Landesplanung stehen.

Gleichzeitig überschätzt eine solche einseitige Diskussion die Einwohnerentwicklung und ignoriert viele soziale und wirtschaftliche Veränderungen wie zum Beispiel die vor allem bei Frauen ansteigende Erwerbstätigenquote, die Bedeutungszunahme wissensbasierter Berufe sowie den allgemeinen Produktivitätsanstieg der Wirtschaft.

Noch stärker als bisher ist nicht die reine Bevölkerungszahl, sondern die Qualifikation der Arbeitnehmer und deren Beteiligungsmöglichkeit am Erwerbsleben für den wirtschaftlichen Erfolg einer Region entscheidend. Dass einige Teile unserer Gesellschaft durch fehlende Qualifikationen vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen sind, wird bei einer abnehmenden Bevölkerung noch weniger tragbar sein als bisher.

Folglich gibt es zwei Ansätze, um auf den demografischen Wandel zu reagieren: Einerseits können die als negativ bewerteten Entwicklungen möglichst abgemildert werden, also beispielsweise die Bevölkerungszahl stabilisiert und einer Alterung entgegenwirkt werden.

Weitaus wichtiger erscheint jedoch, dass die Kommunen sich rechtzeitig auf die neuen Strukturen, wie etwa die Zunahme älterer Menschen, Alleinlebender und Personen mit Migrationshintergrund, einstellen. Dazu müssen entsprechende Infrastrukturen, z.B. im Pflegebereich, der Wohnraumversorgung oder der Schulstandortplanung angepasst werden, aber auch eine gute Integration von Zuwanderern sowie gerechte Bildungschancen für alle Bevölkerungsteile sichergestellt werden.

Um langfristig eine demografiefeste Regional- und Landesplanung mitzutragen, werden dabei die Kommunen noch stärker als bisher auf die fachliche und finanzielle Unterstützung des Landes angewiesen sein.

 

Podiumsdiskussion:
„Demografischer Wandel - Wie bekommt Schleswig-Holstein den demografischen Wandel in den Griff?"

Donnerstag, 29. Oktober, Freie Waldorfschule Flensburg

Der demografische Wandel bringt für Flächenländer wie Schleswig-Holstein erhebliche Herausforderungen mit sich. Dazu gehören die medizinische Versorgung in der Fläche, der Erhalt und Ausbau von Infrastruktur wie dem öffentlichen Nahverkehr, schnellem Internet oder dem Straßennetz.

 

  1. Einlass: 18:00 Uhr (Beginn: 19:00 Uhr)
  2. Eintritt: 8,50 €, ermäßigt 5,00 €
    (Abonnenten, SHUG-Mitglieder, Schüler /  Studenten)

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