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Demografischer Wandel in SH : Trotz Flüchtlingen: Ländlicher Raum bleibt Sorgenkind

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Strategien für eine bessere Zukunft – wie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sich dem Wandel stellen wollen

shz.de von
erstellt am 03.Nov.2015 | 05:45 Uhr

Flensburg | Dieser Satz in einer Diskussion um den demografischen Wandel ist bemerkenswert: „Wir reden nicht mehr über eine schrumpfende Gesellschaft.“ Er stammt von Schleswig-Holsteins stellvertretendem Ministerpräsidenten Robert Habeck (Grüne).

Durch die anhaltende Zuwanderung von Flüchtlingen hätten sich die Grundannahmen geändert, so Habeck auf der vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z), der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft (SHUG) veranstalteten Podiumsdiskussion zur Frage: „Wie bekommt Schleswig-Holstein den demografischen Wandel in den Griff?“ Etwa 200 Zuhörer kamen zu der Veranstaltung in der Flensburger Waldorfschule.

Seit diesem Jahr würden demografische Studien eine vergangene Welt beschreiben. Denn unter den Zuwanderern seien viele junge Menschen, sagte Habeck. Dennoch bleibe die Herausforderung, den ländlichen Raum gegenüber den Städten im Spiel zu halten.

Denn dort werden Schulen geschlossen, machen Läden zu, und Busverbindungen können nicht mehr aufrechterhalten werden: „Wenn noch nicht einmal mehr die Dithmarscher in Dithmarschen wohnen, wie können wir erwarten, dass Syrer nach Dithmarschen ziehen.“

Den aktuellen Flüchtlingsstrom aber als Lösung für den demografischen Wandel zu sehen, davor warnte Demografie-Professor Eckart Bomsdorf. Zum einen sei nicht absehbar, ob die Zuwanderung konstant bleibe, zum anderen seien nicht alle Asylbewerber auch Erwerbspersonen.

Flüchtlinge können Überalterung nur zum Teil stoppen

„Auch die Menschen, die jetzt zu uns kommen, sind in den ganz kritischen Jahren ab 2050 im Rentenalter“, so Bomsdorf. Und bei den Renten- und Krankenversicherungssystemen sieht der Sozialwissenschaftler die wesentlichen Gefahren. „Wir haben in 30 Jahren sechs Millionen weniger Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Das wird für die Sozialversicherungssysteme zu sehr großen Problemen führen.“

Doch unabhängig davon: Schon heute sind kleinere Geburtenjahrgänge und Abwanderung in den Dörfern deutlich spürbar. Davon berichtete Jan Thormählen, Bürgermeister der Gemeinde Haselund. Das Dorf und seine drei Nachbarorte haben sich entschieden, gewisse Strukturen wie Sportvereine, Jugendtreffs und Einkaufsmöglichkeiten gemeinsam zu betreiben.

Muss man auch daran denken, Kommunen aufzugeben?, fragte Moderator und sh:z-Redakteur Martin Schulte. Dörfer, die in Schleswig-Holstein komplett vor dem Aus stehen, sind Ulrich Spitzer von der Industrie- und Handelskammer Flensburg nicht bekannt. Dennoch müsse man sich über einen strategischen Rückzug Gedanken machen. „Abwasser- und Wasserversorgung zum Beispiel – das funktioniert nur ab einer bestimmten Größe, sonst kann man solche Leitungen nicht unterhalten“.

Vorschreiben könne das die Landespolitik aber nicht, fügt Habeck hinzu: „Man kann einer Gemeinde in einem demokratischen Staat nicht verbieten, dass sie Entwicklungschancen hat.“ Eine bessere Kooperation der Bürger und Kommunen untereinander sei deshalb erforderlich.

„Ohne Breitband keine Fachkräfte“

Drei Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit dem demografischen Wandel nannte Habeck, der auch Minister für den ländlichen Raum ist: „Man benötigt eine kritische Masse, Vernetzung und Eigeninitiative.“ Einen Masterplan für alle Orte im Norden könne es nicht geben.

Als essenziell für einen wirtschaftlich starken und attraktiven ländlichen Raum hebt IHK-Mann Spitzer die Breitbandstruktur hervor. „Ohne Breitband keine Fachkräfte. Das ist eine Art Grundgesetz.“

Mindestens ebenso wichtig sei jedoch auch die ärztliche Versorgung, sagte Hanna Kaduszkiewicz. Sie ist Professorin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. „Wenn der Hausarzt aufhört, überlegen sich die Menschen, ob sie sich in einem Ort noch sicher fühlen können oder ob sie sich in diesem Ort überhaupt ansiedeln wollen.“

Auf die Frage, wo der Ort Haselund in 30 Jahren steht, wollte Bürgermeister Jan Thormählen trotz aller Initiativen, die derzeit in der Gemeinde laufen, nicht antworten. „Aber für die nächsten zehn Jahre bin ich optimistisch, dass wir in ähnlicher Form wie jetzt bestehen werden. Es ist ein fließender Prozess mit moderaten Veränderungen. Mit großen Brüchen rechne ich nicht.“

 

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