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Fleischnachfrage verdoppelt sich bis 2050 : Tierzucht: Warum Forscher auf dicke Euter achten

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor rund 100 Jahren hat die wissenschaftlich gestützte Viehzucht begonnen - und sie wird dank neuer Methoden und der Globalisierung immer effizienter.

shz.de von
erstellt am 15.Sep.2015 | 16:31 Uhr

Kiel | Ungefähr 12.000 Jahre ist es her, dass der Mensch anfing, vormals wild lebende Tiere zu halten, sie zu nähren und zu schlachten. Als Ersatz für die Jagd dienten sie zunächst vor allem für die Versorgung mit Fleisch, Knochen oder Fellen. Später wusste man auch die Arbeitskraft und tierische Produkte wie Milch für sich zu nutzen.

Dieser enorme Entwicklungsschritt sorgte gemeinsam mit dem Ackerbau und der einhergehenden Sesshaftwerdung dafür, dass die Menschen sich neue Freiräume schufen: für Handwerk, Kunst und Bildung.

Für die Auswahl von Zuchttieren waren zunächst nur äußerlich erkennbare Eigenschaften entscheidend: die Tiere sollten vor allem zahm sein und sich möglichst gut an die vom Menschen gestalteten äußeren Bedingungen anpassen können. Erst mit der Neuzeit wurden systematisch züchterische Überlegungen angestellt, indem Abstammungstafeln aufgezeichnet und Leistungseigenschaften erfasst wurden.

In diesen Zeitraum fallen auch erste gesetzliche Regelungen im Zuchtbereich, wie das Edikt von König Wilhelm I von Preußen aus dem Jahr 1713 zur Verbesserung der Pferdezucht. Darin wird die Bedeutung des Pferdes zur Arbeit und für militärische Zwecke unterstrichen.

Vom Wandel der Züchtung

Die Zielsetzungen, Prinzipien und Vorgehensweisen in der Tierzucht haben sich seither nicht grundsätzlich geändert: Die Tiere werden so ausgewählt und verpaart, dass die gezeugten Nachkommen immer ein wenig besser sind als ihre Eltern. Die Richtung der Verbesserung gibt das Zuchtziel vor. Es ist definiert als „Erstellung von vitalen Tieren, die unter den zukünftigen Produktionsbedingungen einen höchstmöglichen Gewinn sicherstellen“ und orientiert sich an den Bedürfnissen der Tierhalter, der Konsumenten tierischer Erzeugnisse, der Ernährungsindustrie und im steigenden Ausmaß den Anforderungen der Öffentlichkeit.

Die Tierzucht ist dadurch einem stetigen Wandel unterworfen, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte. Galt es zunächst einmal, die Produktion mengenmäßig auszudehnen, so wurden in der Folge immer höhere Anforderungen an die allgemeine (z.B. Fett-Fleisch-Verhältnis) oder die spezifische (z.B. intramuskulärer Fettgehalt) Produktqualität gestellt.

Geänderte Lebens- und Ernährungsgewohnheiten im Zusammenhang mit neuen Vermarktungsformen führten zu einem immer vielfältigeren Angebot. Um Ressourcen zu schonen und möglichst wenig landwirtschaftliche Flächen in Anspruch zu nehmen, werden heute Milchkühe gezüchtet, die möglichst lange möglichst viel Milch geben, und Schweine, die schnell möglichst schmackhaftes Fleisch produzieren. Immer stärker wird darauf geachtet, dass fruchtbare Tiere mit besten Eutern und gesunden Klauen in den Ställen stehen.

Beckengröße und Klauenform interessieren die Forscher

Die wissenschaftlich basierte Tierzüchtung wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts entwickelt. Dabei ist sowohl die Mendelsche Genetik als auch die genaue Messung und statistische Auswertung von Merkmalen von Bedeutung: Wie viel Milch gibt eine Kuh, wie breit ist das Becken und wie stark ist es geneigt? Wie sehen die Klauen aus? Wie hoch sind die Methanemissionen? Wie viel bewegt sich die Kuh?

Das sind nur beispielhaft einige der Merkmale, die bei der Züchtung berücksichtigt werden. Über EDV-gestützte Systeme und Herdenmanagementprogramme können eine Vielzahl individueller Kennzahlen zum Leistungsvermögen und zur Gesundheit der Tiere automatisch erfasst werden. Diese werden in Rechenzentren zentral gespeichert und zu züchterisch relevanten Größen verrechnet.

Seit kurzem werden auch DNA-unterstützte Zuchtverfahren etabliert, die eine präzisere Beschreibung der genetischen Eigenschaften von Zuchttieren und dadurch eine bessere Auswahl geeigneter Zuchttiere ermöglichen.

Doch nicht nur die modernen Informationstechnologien, auch die Biotechnologie hat die Erfolge der Tierzucht erheblich vergrößert. Die künstliche Besamung etwa, welche nach dem zweiten Weltkrieg aus seuchenhygienischen Gründen eingeführt wurde, befördert die Vermehrungsraten und hat zur weltweiten Verbreitung von Zuchttieren geführt.

Die aufgezeigten Einzelaspekte ebenso wie der Einsatz der Technologien muss koordiniert werden. Dies erfolgt durch die jeweiligen Zuchtunternehmen. Sie stellen sicher, dass Zuchtziele möglichst effizient erreicht werden und berücksichtigen dabei die genetische Variation innerhalb der Rassen.

Welternährungsorganisation FAO: Fleischbedarf verdoppelt sich bis 2050

Ebenso wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen hat die Globalisierung in der Tierzucht Einzug gehalten. International operierende Zuchtunternehmen sehen sich mit der Aufgabe konfrontiert, Tiere für die jeweils sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern zu züchten.

Die Herausforderungen an die Tierzucht von morgen sind vielfältig und können nicht einzeln betrachtet und bewertet werden. Nach wie vor ist es oberstes Ziel, die weltweite Bevölkerung ausreichend mit tierischen Erzeugnissen zu versorgen. Der Bedarf an tierischem Protein je Erdenbürger ist zwar derzeit im Durchschnitt gedeckt, jedoch sind etwa je eine Milliarde Menschen über- bzw. unterversorgt.

Die Welternährungsorganisation FAO geht davon aus, dass sich die Nachfrage an tierischen Nahrungsmitteln bis 2050 verdoppeln wird. Deren Erzeugung muss bei einer zunehmend geringeren Flächenverfügbarkeit und Ressourcenknappheit erfolgen. Ebenfalls ist nicht abzusehen, inwieweit sich der Klimawandel auf die Bedingungen zur Erzeugung tierischer Lebensmittel in den verschiedenen Ländern auswirkt. Insbesondere unter diesen Aspekten gilt es, die genetische Vielfalt so weit als möglich zu erhalten und entsprechende Konzepte zu entwickeln.

Tierschutz-Debatten sind wichtig

Seit der Domestikation lebt der Mensch vom und mit dem Tier und ist sich seit jeher seiner besonderen Verantwortung bewusst. Der Umgang mit Tieren ergab sich dabei stets aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Forderungen der jeweiligen Epoche und erfolgte immer unter Abwägung des Nutzens für den Menschen und den zumutbaren Beeinträchtigungen für das Tier.

Deren Bewertung änderte sich ebenfalls im Wandel der Zeit und wird derzeit sehr kontrovers diskutiert. Tierschutz ist ein hohes Gut, es wäre aber sehr kurzsichtig gedacht, aus einer bequemen und ohnehin nur lokalen und vermutlich temporalen Saturiertheit heraus die Nutzung von Tieren grundsätzlich in Frage zu stellen.

Eine hochentwickelte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, alle Facetten einer Problematik mit unvermeidbaren Zielkonflikten zu beleuchten und adäquat zu berücksichtigen. Dies kann im sensibilisierten Tierbereich nur gelingen, wenn konsequente und interdisziplinäre Forschungsprojekte auf den Weg gebracht werden, welche sich übergreifend mit dem skizzierten Problemkreis beschäftigen.

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