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Problem in der Landwirtschaft : Schwere Maschinen: Böden fehlt die Luft zum Atmen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Durch den Einsatz schwerer Geräte nimmt die Bodenverdichtung hierzulande weiter zu - die Folgen betreffen alle und können fatale Auswirkungen haben.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2015 | 13:32 Uhr

Kiel | Obwohl die Vereinten Nationen 2015 als „Internationales Jahr des Bodens“ proklamiert haben, schenken wir ihm dennoch kaum Beachtung. Dabei geht dem Boden langsam die Luft aus. Er hat ein Problem, das neben der Diskussion um Schadstoffe, Überdüngung oder Monokulturen, oft gar nicht wahrgenommen wird: Er sackt in sich zusammen.

Er verdichtet sich, bis er kaum noch luftführende Poren enthält und kaum mehr Wasser durchsickern lässt, weil die feste Bodensubstanz zu dicht zusammengepresst worden ist. Bodenverdichtung heißt dieses Phänomen und ist zurückzuführen auf den Einsatz immer größerer und schwererer Bearbeitungs- und Erntemaschinen in der Land- und Forstwirtschaft.

Sie heißen Hannibal oder Königstiger, sind sehr kräftig und erleichtern uns das Leben sehr. Denn Hannibal und Königstiger schaffen bei der Holzernte in wenigen Stunden das, wofür wir ohne sie vermutlich Wochen gebraucht hätten.

Doch zusammen mit den Baumgewichten bringen die Holzfäller-Maschinen es auf ein Gewicht von 35 bis 40 Tonnen. Das ist in etwa so, als würde man sieben bis acht Elefanten übereinander stapeln. Diese Last können die Böden nicht tragen und sacken gut sichtbar in Form der tiefen Fahrspuren zusammen.

Pro Jahrzehnt nimmt die Bodenverdichtung um zehn Zentimeter zu

Ähnliche Probleme sind seit langem in der Landwirtschaft bekannt und nehmen leider seit vielen Jahrzehnten ständig zu, so dass die Bodenverdichtung in immer größeren Tiefen zu finden ist. Wie Untersuchungen in den sehr fruchtbaren Lössböden der Bördelandschaften Niedersachsens zeigten, nimmt dort seit 1970 die zusätzliche Bodenverdichtung pro Jahrzehnt um ungefähr zehn Zentimeter Tiefe zu.

Heute sind als Folge der wiederholten Be- und Entlastung bereits bis in 60 Zentimetern Tiefe feste Plattenstrukturen zu finden, die eine gleichmäßige Durchlüftung und tiefer reichende Durchwurzelung nicht mehr ermöglichen. Im Schnitt, so lässt sich daraus errechnen, sind die Böden im Vergleich zu unbearbeiteten Waldstandorten in den letzten 30 bis 50 Jahren um 25 Zentimeter zusammengesackt. Das heißt Porenräume, in denen sich vormals Luft befunden hat, sind schlichtweg eingebrochen.

Gesunde Böden dagegen bestehen aus festen, flüssigen und gasförmigen Phasen und erfüllen unzählige Funktionen in unserem Naturhaushalt: In ihnen spielen sich komplizierte Reaktionen ab, die verschiedene Stoffe in einem ausgeklügelten Gleichgewicht halten: Während hier etwas verrottet, wächst dort etwas heran. Böden sind wichtige Filter und Puffer für sauberes Grund- und Trinkwasser und liefern uns Rohstoffe. Ein stark verdichteter Boden kann viele dieser Funktionen nur noch eingeschränkt ausfüllen.

Trugschluss: Breitere Reifen der Maschinen lösen das Problem

Böden aber wachsen nicht nach. Sie lassen sich nicht vermehren oder reproduzieren. Wenn wir auf den stark beanspruchten Landflächen genügend Nahrungsmittel für die wachsende Weltbevölkerung anbauen wollen, dann besteht dringender Handlungsbedarf. Wir können unsere Böden nicht „verbrauchen“, wir müssen sie nachhaltig nutzen.

Oftmals wird argumentiert, dass das größere Gewicht der forst- und landwirtschaftlichen Maschinen durch größere Kontaktflächen, also dickere Reifen o.Ä., aufgefangen werden kann. Das ist aber keineswegs der Fall. Es stimmt zwar, dass der Druck dann auf die Fläche gesehen stabil bleibt.

Allerdings wird eine sehr viel größere Fläche zusammengedrückt, und das führt schließlich dazu, dass sich der Druck nicht nur in größerer Breite, sondern auch tiefer fortpflanzt. Die weicheren Unterböden, die aufgrund unserer Klimabedingungen sehr feucht sind, werden dabei zusätzlich intensiver und vor allem unwiderruflich zusammengedrückt.

Hochwasser ist eine Folge

Es ist seit langem unstrittig, dass als Ergebnis der Bodenverformung die Wasserinfiltration, der Gasaustausch des Bodens mit der Atmosphäre, die biologische Aktivität um ein Vielfaches geringer wird und immer häufiger auch der landwirtschaftliche Ertrag stark schwankt. Darüber hinaus ändert sich auch der Wasserhaushalt erheblich.

Das lässt sich schon jetzt beobachten, wenn immer größere Flächenteile auf den Feldern und in den Wäldern zunehmend vernässen. In der Folge treten häufigere und intensivere Hochwässer auch im Sommer auf (z.B. das Elbe- und das Oderhochwasser). Denn durch die gleichsam eingestampften Plattengefüge im Boden, kann das Wasser nicht mehr so leicht und schnell in den Boden einsickern.

Entweder bilden sich dann Nassstellen oder aber das Wasser läuft vermehrt parallel zum Hang ab und transportiert viele Partikel aus der oberen fruchtbaren Bodenschicht mit. Dadurch steigen zum Beispiel in der Jungmoränenlandschaft in Schleswig Holstein die Bodenverluste um das mehr als Zehnfache an.

Die Folgen für den landwirtschaftlichen Ertrag lassen sich schon jetzt beobachten: Obwohl es bessere Sorten, ein ausgeklügelteres Düngungs- und Pflanzenschutzmanagement und etwas erhöhte Temperatur sowie eine höhere Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre gibt, stagnieren die Ernteerträge. In dem jüngst von der Böll-Stiftung herausgegebenen Bodenatlas, zeigt eine entsprechende Auswertung, dass die weltweiten Ertragszuwächse rückläufig sind.

Die Böden brauchen jahrelange Schonung

Natürlich sehen Landwirte und Maschinenbauer diese Spuren und Kennzeichen von Verknetung, Verschlämmung und Verdichtung und die damit einhergehende Zunahme der Erosion. Der Versuch, die Entwicklung durch Veränderungen der Fahrwerkskonstruktion aufzufangen, brachte allerdings nur mäßigen Erfolg.

Und so bleibt als einziger, leicht bestimmbarer und auch international anerkannter Ansatz der strikte Bezug der einwirkenden Drücke auf die Eigenfestigkeit des Bodens, die wiederum von der Bodenart, der Bewirtschaftung, der Bodenentwicklung sowie dem Klima abhängig ist. Sie kann folglich nicht mit einer einzigen Zahl für alle Flächen verbunden werden, sondern muss je nach Standort eigens errechnet werden. Erst dann lässt sich sagen, welche Maschinen ohne allzu große Schäden auf dem Boden eingesetzt werden können.

Selbst wenn weltweit die Maschinenlasten auf dem derzeitigen Niveau bleiben würden, könnte sich der Boden trotz aller Verbesserungen im Bereich der Reifen- und Maschinenkonfiguration nicht wieder regenerieren. Erholen kann er sich nur, wenn die Böden über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlich schonend bearbeitet werden.

Hierzu gibt es zahlreiche Ansätze, die umzusetzen natürlich in der Verantwortung und Einsicht der Landwirte liegt. Doch auch der Bevölkerung und der Politik kommen hier eine entscheidende Rolle zu: Höhere Preise für regionale, bodenschonend erzeugte Lebensmittel sowie eine zusätzliche Prämie für die Bauern, wenn als Folge günstiger Filter und Pufferung durch die Böden sauberes Grund- und somit auch Trinkwasser entsteht – das sind nur zwei von vielen möglichen Ansätzen. Dass etwas passieren muss, ist aus wissenschaftlicher Sicht relativ unumstritten. Denn sonst könnten wir einst ganz den Boden unter den Füßen verlieren. Zumindest den gesunden.

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