350 Jahre CAU : Schutz der Küsten in SH: Sind wir für die Zukunft gewappnet?

Sandvorspülungen oder Deichverstärkung: Die Vielfalt der Küsten in Schleswig-Holstein erfordert unterschiedliche Schutzkonzepte.

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06. Mai 2015, 14:28 Uhr

Die Nord- und Ostseeküsten Schleswig-Holsteins sind zwei sehr unterschiedliche Geschwister. Wild und grau die eine – klar und sanft die andere. So stellt es sich zumindest den Touristen oft dar. Tatsächlich bescheren die vorherrschenden Westwinde der Nordsee eine sehr viel kräftigere Brandung, als es in der zumeist eher ruhigen Ostsee der Fall ist. Der Salzgehalt liegt mit 3,5 Prozent gleich doppelt so hoch wie in der Ostsee, und während die Nordsee einen kräftigen Tidenhub von bis zu über drei Metern aufweist, begnügt sich die Schwester im Osten mit wenigen Zentimetern.

Gerade daher scheint vielen die Gefahr, die von Sturmfluten ausgeht, an der Nordsee sehr viel höher. Das hat auch historische Gründe. Denn große Sturmfluten sind an der Ostsee selten. Die letzte „Jahrhundertflut“ war 1872. Der Wasserstand betrug etwa 3,30 Meter über Normalhöhennull (NHN), was im Vergleich zur Nordsee zunächst wenig erscheint. Aber wir müssen bedenken, dass es an der Ostsee praktisch keinen Unterschied zwischen Ebbe und Flut gibt, und deshalb sind hier die 3,30 Meter der echte Sturmflutwasserstand. Zudem ist man an der Ostsee leichtsinniger. In Grömitz zum Beispiel stehen eine Reihe von Appartementhäusern außerhalb des Deiches. Diese werden bei einer erneuten Jahrhundertflut unter Wasser stehen.

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Grundsätzlich wechseln sich an der Ostsee steile und flache Küstenabschnitte in schöner Regelmäßigkeit ab. Das liegt daran, dass sie an das Jungmoränengebiet Schleswig-Holsteins grenzt, das durch einen Wechsel von Hügeln (daher „Hügelland“) und dazwischenliegenden Mulden gekennzeichnet ist. Beim Meeresspiegelanstieg wurden die Mulden von der Ostsee überflutet, die Hügel ragten über den Meeresspiegel heraus. So ergibt sich zunächst eine wellenförmige Küstenlinie: Kuppe – Bucht, Kuppe – Bucht usw. Durch den Wellenschlag und die abschleifende Wirkung des Küstenversatzes werden die Kuppen zu Kliffs abgetragen (s. Grafik). Weniger dramatisch als eine Sturmflut – dafür aber sehr stetig – ist der Küstenverlust der Kliffs. Als Faustregel kann gelten, dass ein aktives Kliff an der Ostsee langfristig rund einen halben Meter pro Jahr verliert.

Die höchste jemals an der Nordsee gemessene Flut ereignete sich am 21. Januar 1976, als in Cuxhaven ca. 5,20 Meter über NHN gemessen wurde, in Husum sogar ca. 5,60 Meter. Manche Deiche sind daher inzwischen schon über acht Meter hoch. Im Mittelalter waren es oft nicht einmal zwei Meter.

Dennoch stellt sich angesichts des Klimawandels die Frage: Sind die Deiche hoch genug? Richtungweisend ist die gegenwärtig durchgeführte Deichumgestaltung an der Westküste von Nordstrand. Die geplante Erhöhung auf 8,70 Meter über NHN sind rund 7,15 Meter über dem dortigen mittleren Hochwasser. Der Deich erhält ein modernes, so genanntes „Klimaprofil“ mit einer „Baureserve“ (s. Grafik unten). Die Außenböschung wird flacher und die Deichkrone in ihrer Breite auf fünf Meter verdoppelt. So ist es bei Bedarf möglich, dem Deich eine Kappe aufzusetzen, falls der Meeresspiegel höher als erwartet steigt.

Die Innenküste wird durchgehend durch Deiche geschützt. Aufgrund des großen Tidehubs konnte sich nach der Zerstörung zahlreicher Landflächen im Nordfriesland des Mittelalters das Wattenmeer ausbreiten. Das niedrige Marschland der Umgebung muss durch Deiche geschützt werden. Nach der Farbe der Grasnarbe der Deiche lässt sich die Innenküste auch als die „grüne“ Küste bezeichnen. Sie wird neben den Deichen von dem davor liegenden Wattenmeer geprägt und ist für den Tourismus eher zweitrangig.

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Wesentlich mehr Besucher zieht dagegen die Außenküste an, die auch „weiße Küste“ genannt wird. Hier wäscht die kräftige Brandung die feinen dunklen Bestandteile heraus, und übrig bleibt der weiße Sand, so dass hier die großen Touristenhochburgen wie Westerland und St. Peter-Ording entstanden. Deiche werden nicht benötigt, weil sie als Kliff- oder Dünenküste meist über dem Sturmflutniveau liegt. Wo die Außenküste jedoch stark durch Wind und Wellen angegriffen wird, wie zum Beispiel auf Sylt, führt man seit 1972 mit großem Erfolg Sandvorspülungen durch, die den natürlichen Verlust vollkommen kompensieren. Allerdings muss man große Sandentnahmestellen vor der Küste in Kauf nehmen.

Insgesamt sind die Küsten Schleswig-Holsteins unter der Regie des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) sehr gut gesichert. Der Meeresspiegelanstieg, der im 20. Jahrhundert noch ungefähr 25 Zentimeter betrug, wird durch den Klimawandel mit Sicherheit ansteigen. Ob es im 21. Jahrhundert aber 35 bis 45 Zentimeter oder mehr werden, kann gegenwärtig nicht vorausberechnet werden. Die Sicherheitsreserven unserer modernen Deiche dürften aber auf absehbare Zeit groß genug sein.
 

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