zur Navigation springen

Verbraucher haben die Wahl : Nahrungsmittel: Zwischen Anspruch und Realität

vom

Die Ermittlung des tatsächlichen Verbraucherwillens ist häufig eine Herausforderung für Politik und Wissenschaft.

Wir sind mittlerweile gewohnt, fast alles zu fast jeder Zeit im Supermarkt kaufen zu können. Doch zu welchem Preis? Wie wirkt sich die globale Nahrungsmittelproduktion auf unsere Umwelt und unsere Gesundheit aus? Unter welchen Bedingungen werden unsere Nahrungsmittel angebaut? Solche Fragen sind nicht nur Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte, sondern werden auch zunehmend Teil öffentlicher Diskussionen und politischer Entscheidungsprozesse.

Fragen der Nachhaltigkeit sind dabei eng mit der zunehmenden Globalisierung der Märkte für Nahrungsmittel verflochten: Zum einen führt die zunehmende Arbeitsteilung dazu, dass regional unterschiedliche, natürliche Produktionsvorteile wesentlich besser genutzt werden können, als dies ohne weltumspannenden Handel möglich wäre. Hieraus resultiert für viele (wenn auch nicht für alle) Menschen ein insgesamt verbessertes Nahrungsangebot. Hierzulande schätzt man beispielsweise die ganzjährige Verfügbarkeit exotischer Früchte, während sich im Gegenzug die Erzeugung von Weizen und Milch in tropischen Regionen als schwierig gestaltet, aber diese Produkte auch dort von einer wachsenden Zahl kaufkräftiger Verbraucher nachgefragt und durch internationalen Handel verfügbar werden.

Zum anderen führen weltumspannende Produktions- und Prozessketten in der Ernährungswirtschaft aber auch dazu, dass sich viele Menschen verunsichert fühlen: Welche Umweltauswirkungen, welche gesundheitlichen Vor- oder Nachtteile und welche ethischen Konsequenzen hängen mit einem Produkt zusammen? Diese Fragen erscheinen vielen Menschen zunehmend komplex und immer weniger transparent.

Regierungen vieler Länder führen daher zunehmend Bestimmungen ein, welche die Qualität sowie bestimmte Aspekte der ökologischen und ethischen Nachhaltigkeit von heimischen und importierten Nahrungsmitteln festlegen sollen. Ein wichtiges Forschungsfeld der Agrarökonomie ist daher, herauszufinden, welche Produktionsverfahren gesellschaftlich akzeptiert werden und welche Preisaufschläge die Verbraucher für die Einführung bestimmter Mindeststandards hinnehmen würden. Entscheidungsträger in Politik und Ernährungsindustrie können dadurch im Vorfeld ausloten, wie zukunftsfähig eine bestimmte landwirtschaftliche Technologie ist.

Einfache Befragungen sind dabei jedoch nur selten ausreichend, und die meisten Studien müssen unter hypothetischen Bedingungen durchgeführt werden: Zum einen sind manche Technologien noch gar nicht zugelassen, zum anderen handeln Verbraucher bei ihren Kaufentscheidungen nicht immer so, wie sie es im Rahmen einer Befragung angeben. Das kann verschiedene Gründe haben: Manchmal fehlt es einfach an Informationen, d.h. Verbraucher sind sich womöglich unsicher, ob es im Frühsommer besser wäre, einen regionalen Apfel zu kaufen, der monatelang gekühlt werden musste, oder zu einem frischen Apfel von der Südhalbkugel zu greifen. Einige Verbraucher misstrauen auch einer Vielzahl konkurrierender Initiativen und Labels. Dies bedeutet, dass manche Verbraucher ihr Kaufverhalten ändern würden, wenn die Information über die Nachhaltigkeit eines bestimmten Produktes leichter zugänglich oder vertrauenswürdiger wäre.

Ein weiterer Grund ist jedoch, dass manche Menschen sich im Hinblick auf teurere, aber womöglich nachhaltigere Produkte als „Trittbrettfahrer“ verhalten: Sogenanntes „Trittbrettfahren“ bezeichnet in der Ökonomie ein Verhalten, bei welchem eine Einzelperson die Möglichkeit nutzt, bestimmte Leistungen zu erhalten, ohne dafür den vollen Preis zahlen zu müssen. Dies geschieht meist in Situationen, in welchen die persönliche Kaufentscheidung aufgrund der Vielzahl beteiligter Akteure scheinbar keinen messbaren Einfluss auf die Menge einer bereitgestellten Leistung hat: Eine Straßenbahn wird ihren Betrieb nicht reduzieren, nur weil hin und wieder ein Gast keinen Fahrschein löst und „auf dem Trittbrett“ mitfährt.

Überträgt man dieses Beispiel jedoch auf die Kaufentscheidung von Lebensmitteln, so ergibt sich, dass Menschen zwar bestimmte Ansprüche an die Art und Weise hegen, wie Nahrungsmittel nachhaltig erzeugt werden sollen; diese Ansprüche werden durchaus auch in politischen Wahlen oder sonstigen Formen der gesellschaftlichen Mitbestimmung zum Ausdruck gebracht.

Sofern ein weniger nachhaltiges Nahrungsmittel dabei preiswerter ist, wird dieser Anspruch mitunter aber „vergessen“, und das nachhaltigere Produkt bleibt in der Ladentheke. In diesem Fall wird die Finanzierung eines Mindeststandards den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft überlassen.

Würde man Fragen der Nachhaltigkeit daher ausschließlich privaten Kaufentscheidungen überlassen, könnte dies Produktionsweisen begünstigen, welche womöglich hinter dem eigentlichen Wunsch der Gesellschaft zurückblieben. Zudem bedeutet dies, dass die Einführung bestimmter, gesetzlich verbindlicher Mindeststandards in der Nahrungsmittelproduktion nur dann ökonomisch sinnvoll sein kann, wenn nicht nur die heimische Produktion mit Auflagen belegt wird, sondern die entsprechenden Auflagen auch bei Importen durchgesetzt werden können. Andernfalls kann das Phänomen des Trittbrettfahrens auf kurz oder lang der heimischen Produktion schweren Schaden zufügen, während die Nachfrage aus Ländern mit weniger nachhaltigen Produktionsverfahren gedeckt wird und die dortige Produktion einen Aufschwung erfährt.

Schweinefleisch in Schweden
Schweinefleisch in Schweden Foto: Lundt
 

Die Grafik veranschaulicht diesen Effekt am Beispiel der Schweinefleischproduktion in Schweden: Zunächst haben die Verbraucher weiterhin überwiegend das teurere und unter höheren Tierschutzauflagen produzierte schwedische Schweinefleisch gekauft. Seit einigen Jahren hat es die schwedische Produktion jedoch immer schwerer, sich zu behaupten. Verbraucher, die zwar hohe Auflagen in ihrem Land weiterhin politisch befürworten, aber bisweilen importiertes Schweinefleisch kaufen, verhalten sich somit als „Trittbrettfahrer“.

Wie könnte man in diesem Zusammenhang dem Phänomen des Trittbrettfahrens begegnen? Eine Besteuerung von Importen, etwa durch Zölle, wäre für Schweden nicht möglich, ohne dass seine EU-Mitgliedschaft in Frage gestellt würde. In jedem Fall können jedoch wissenschaftlich fundierte, objektive und für Verbraucher leicht zugängliche Informationen Unsicherheit beseitigen und zu bewussteren Verbrauchsentscheidungen führen. Langfristig könnten sich hieraus eventuell gesellschaftliche Normen entwickeln, welche wiederum zur Verfestigung bestimmter Verbrauchsentscheidungen beitragen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen

Nachrichten