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Gentechnische Produkte : Die unsichtbare Gentechnik

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Angst vor gentechnisch veränderten Produkten ist nach wie vor hoch, dabei nutzen wir sie längst in unserem Alltag.

Kiel | Gentechnisch veränderte Produkte begegnen uns ständig, aber fast immer unsichtbar: Auf dem Teller, in Waschmitteln oder in Form von Medikamenten. So waren 2015 in Deutschland 179 Arzneimittel mit 137 gentechnisch hergestellten Wirkstoffen zugelassen. Etliche Millionen Tonnen gentechnisch veränderter Pflanzen werden pro Jahr in die EU für die Tiermast eingeführt. Das dabei erzeugte Fleisch, Eier und Milchprodukte müssen nicht gekennzeichnet sein. Ebenso wenig wie die zahlreichen Zusatzstoffe, Aminosäuren und Vitamine, die gentechnisch erzeugt werden, weil dies häufig kostengünstiger und umweltfreundlicher ist. Dazu gehören unter anderem Glutamat, Cystein, Aspartam, Inosinsäure, Zitronensäure und Vitamin B2 und B12, um nur einige zu nennen. Gentechnik ist also Teil unseres täglichen Lebens, was aber – auch durch eine verschleiernde Kennzeichungs-Gesetzgebung – den meisten Menschen verborgen bleibt.

Zuletzt wurden weltweit auf etwa 180 Millionen Hektar Fläche gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, insbesondere Sojabohnen, Mais, Baumwolle und Raps angebaut. Nur nicht in Deutschland, dem Land, in dem Anfang der 80er Jahre die Pflanzengentechnik entwickelt wurde. Mehr noch, ein vollständiges Verbot des Anbaus gentechnischer Pflanzen ist hierzulande in Vorbereitung. Eine überwältigende Mehrheit der Bürger lehnt gentechnische Produkte ab und befürchtet gar Gefahren für Mensch und Umwelt. Die ganz überwiegende wissenschaftliche Mehrheitsmeinung und die Erkenntnisse aus mehr als 1800 publizierten Untersuchungen zur Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen, spielen in der öffentlichen Debatte keine Rolle. Nur die wissenschaftlich (zumeist) nicht haltbaren Positionen von bestimmten Umweltorganisationen sind mehrheitsfähig. So wurde beispielsweise in der Vergangenheit behauptet, dass gentechnisch veränderter Mais Krebs auslöse und Schmetterlingspopulationen bedrohe. Der Anbau von sogenannter Bt-Baumwolle, die ein Insektizid bildet, soll zu einer höheren Selbstmordrate bei indischen Bauern führen. Alle diese Behauptungen sind nachweislich falsch, halten sich aber hartnäckig in der Diskussion.

Während die zumeist hypothetischen Risiken einen breiten Raum in der öffentlichen Diskussion einnehmen, wird über die Vorteile der Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen wenig diskutiert. So haben Bt-Pflanzen zu einer deutlichen Reduktion der Menge an ausgebrachten giftigen Insektiziden geführt. Denn dank gentechnischer Veränderung produzieren sie das natürlich vorkommende und für den Menschen harmlose Gift des Bodenbakteriums „Bacillus thuringensis“ (Bt). Bt-Mais enthält darüber hinaus nachweislich deutlich weniger Fumonisin (ein Schimmelpilzgift), und der Goldene Reis – würde er denn zum Anbau zugelassen – könnte aufgrund seines Gehaltes an Provitamin A helfen, Augenlicht und Gesundheit von Millionen Kindern zu erhalten. Mit gentechnischen Methoden wurden zum Beispiel auch neue Pflanzensorten entwickelt, die gegen bestimmte Pflanzenkrankheiten immun sind. Diese wenigen Beispiele zeigen das enorme reale Potenzial gentechnisch veränderter Pflanzen und mögen als Erklärung dienen, warum Millionen Landwirte in den Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern sich gentechnisch veränderter Pflanzen bedienen.

Eine Pflanze hat mindestens 30.000 Gene, oft sind es wesentlich mehr. Bei gentechnisch veränderten Pflanzen werden einzelne oder mehrere Gene aus anderen Organismen hinzugefügt. Es handelt sich also um begrenzte und sehr gut kontrollierbare Änderungen, durch die gezielt einzelne Eigenschaften der Pflanzen verändert werden. Hierzu gehören Resistenz gegen Insekten und Unkrautbekämpfungsmittel, aber auch veränderte Inhaltsstoffe wie zum Beispiel das Provitamin A beim Goldenen Reis. Theoretisch können Gene mit dieser Methode beliebig zwischen verschiedenen Arten, ja sogar zwischen Organismen verschiedener Reiche (Bakterien, Pilze, Pflanzen Tiere) ausgetauscht werden. Vor der Freisetzung auf Äckern und Feldern durchlaufen gentechnisch veränderte Organismen ein kompliziertes, langwieriges und teures Zulassungsverfahren, das dafür sorgt, dass nur Pflanzen für den Anbau zugelassen werden, die keine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, warum der Ruf der grünen Gentechnik dermaßen schlecht ist. So wie die Dinge liegen, wird es mit großer Sicherheit in den nächsten fünf bis zehn Jahren in Deutschland keinen nennenswerten Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen geben, zumal sich auch die großen Firmen von Deutschland abgewendet haben. Das ist aus Sicht der Pflanzenwissenschaften zu bedauern, aber meines Erachtens nicht mehr zu ändern. Die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen wird jedoch auch bei uns weitergehen, es sei denn, man wollte zum Beispiel auf die Tiermast weitgehend verzichten.

Was wird dann geschehen? Eine Rückkehr nur zur klassischen Pflanzenzüchtung wird jedenfalls nicht die Folge sein. Vor kurzem wurde eine neue Rapssorte der Firma Cibus entwickelt, die resistent gegen Unkrautbekämpfungsmittel ist, aber keine fremden Gene trägt. Möglich wurde dies durch die neuen Methoden des „Genome Editing“. Im Gegensatz zu den älteren gentechnischen Verfahren bleiben hierbei keine Spuren der gentechnischen Veränderung zurück. Eine gesetzliche Regulation dürfte sich somit erübrigen oder wäre zumindest nur stark eingeschränkt möglich. Tatsächlich sehen die USA und China „Genome Editing“ nicht als Gentechnik an, und auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat erklärt, dass der Cibus-Raps nicht gentechnisch verändert ist.

Dennoch gibt es auf Ebene der EU Diskussionen zur rechtlichen Einstufung. Die übereinstimmende Einschätzung der wissenschaftlichen Kommissionen ist, dass die meisten „Genome Editing“-Methoden nicht als gentechnische Veränderungen einzustufen sind und somit auch nicht zu regulieren wären. Die neuen „Genome Editing“-Methoden werden in Zukunft zweifellos die Pflanzenzüchtung revolutionieren und bisherige Gentechnik oft überflüssig machen.

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erstellt am 07.Sep.2015 | 10:49 Uhr

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