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Mediziner-Mangel in SH : Deshalb verschwinden die Landärzte im Norden

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es gibt erste Maßnahmen gegen den drohenden Mangel an Allgemeinmedizinern in ländlichen Regionen – aber sie reichen unserer Gastautorin nicht aus.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Kiel | Fast täglich wird in den Medien der drohende Hausarztmangel auf dem Lande thematisiert. Menschen, die in ländlichen Regionen leben und aufgrund chronischer Erkrankungen in Behandlung sind, erleben die Bedrohung persönlich, wenn sie sich fragen, ob ihr alternder Hausarzt (s. Grafik) eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger findet.

Aber auch auf der großen politischen Bühne ist das Problem präsent. So hat der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen in seinem Gutachten 2014 die „Bedarfsgerechte Versorgung aus der Perspektive ländlicher Regionen“ zum Hauptthema gemacht.

Der Strauß von Maßnahmen gegen die drohende Unterversorgung in ländlichen Regionen ist groß und bunt, einiges ist schon in der Umsetzung. In diesem Beitrag sollen erfolgversprechende Maßnahmen skizziert und blinde Flecken benannt werden.

Bessere Ausbildung ist nötig

Etwa die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte arbeitet im ambulanten Sektor, d.h. außerhalb von Krankenhäusern und anderen Einrichtungen. Kennzeichnend für den ambulanten Bereich ist, dass viele verschiedene, aber selten gefährliche Erkrankungen behandelt werden müssen und es vor allem um die langjährige Therapie und Begleitung von Menschen mit chronischen Leiden sowie um Prävention von Krankheiten geht.

Und doch findet das Medizinstudium vorwiegend an Universitätskliniken statt, die auf die spezialärztliche Behandlung von akuten, eher seltenen und schweren Erkrankungen spezialisiert sind. So lernen die Studierenden die spezialisierte Medizin kennen und lieben – die hausärztliche Versorgung wird zweite Wahl.

Um hier gegenzusteuern wurden in den letzten Jahren Institute für Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten gegründet bzw. ausgebaut. In Kiel und Lübeck wurden im Jahre 2014 Professuren für Allgemeinmedizin besetzt.

Auch wurde die Lehre in der Allgemeinmedizin intensiviert und insgesamt stärker praktisch ausgerichtet. Ausreichend sind diese Maßnahmen allerdings nicht. Notwendig sind intensivere Veranstaltungen im Fach Allgemeinmedizin, aber auch Lehrveranstaltungen zur ambulanten Versorgung insgesamt, z.B. bei niedergelassenen Neurologen oder Kinderärzten.

Diese Veranstaltungen sollten vorwiegend in ländlichen Praxen durchgeführt werden. So genannte „Landarzttracks“ oder „Spezialcurricula ambulante Versorgung“ müssen Teil des regulären Lehrangebots werden, momentan sind es „lediglich“ Pilotprojekte.

Bessere Weiterbildung ist nötig

Wer sich nach dem sechsjährigen Medizinstudium auf dem Land als Hausarzt niederlassen will, muss eine mindestens fünfjährige Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin durchlaufen – und das heißt vor allem: arbeiten. Mindestens zwei Jahre müssen in der Inneren Medizin eines Krankenhauses absolviert werden, ein halbes Jahr in der Chirurgie, 18 Monate in einer allgemeinärztlichen Praxis.

Zur Weiterbildung gehören also mehrere Stellenwechsel, die zum Teil als Einzelkämpfertum erlebt werden. Auch findet keine strukturierte theoretische Begleitung der Weiterbildung statt – und die Bezahlung in der Praxis ist meist deutlich schlechter als in der Klinik.

Wer dennoch Hausarzt werden möchte, braucht in Wirklichkeit viel länger als die vorgeschriebenen fünf Jahre, und zwar im Schnitt 9,5 Jahre. Kein Wunder also, dass nur zehn Prozent der jährlichen Facharztanerkennungen für das Fach Allgemeinmedizin erfolgen.

Will man den Status quo an Hausärztinnen und Hausärzten auch nur halten, müssten es dreimal so viele sein. Diesen Problemen soll durch so genannte „Kompetenzzentren Allgemeinmedizin“ begegnet werden, die Inhalt und Ablauf der Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin sowohl strukturell als auch fachlich verbessern. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, die konkrete Etablierung der Zentren beginnt aber erst jetzt.

Landpraxen attraktiver gestalten

Die nachwachsende Ärzte-Generation unterscheidet sich von den früheren. Sie ist mehrheitlich weiblich, legt größeren Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance, auf eine angemessene Vergütung der Arbeit und tendiert dazu, betriebswirtschaftliche Verantwortung als Freiberufler eher zu scheuen.

 

Mehrere Maßnahmen versuchen diesen Vorstellungen entgegenzukommen. Dazu gehört die Errichtung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die Ärztinnen und Ärzte als Angestellte beschäftigen, die Gewährung finanzieller Hilfen bei der Niederlassung durch die Kassenärztliche Vereinigung oder die Neustrukturierung des Notdienstes – weg von umfangreichen Rufbereitschaften.

Weitere Vorschläge des Sachverständigenrates Gesundheit zielen auf eine bessere Verteilung von Arztsitzen zwischen Stadt und Land durch den Ankauf von Praxen in Gebieten, die als überversorgt gelten – Vorschläge also, die großes Konfliktpotenzial bergen.
 

Blinde Flecken

Endgültig lösen werden die genannten Maßnahmen die Probleme nicht. Denn es gibt viele weitere Faktoren, die die Niederlassung als Landarzt bremsen.

Hierzu zwei Beispiele: Aufgrund des technologischen Fortschritts werden immer mehr Spezialisten und Superspezialisten produziert. So gibt es Ärzte, die kaum etwas anderes machen als Augenlasern, Darmspiegelungen oder Dialysen. Diese Entwicklung bewirkt, dass die Zahl der im ambulanten und stationären Bereich beschäftigten Ärztinnen und Ärzte zunimmt – bei gleichbleibender Medizin-Absolventenzahl.

Das führt zu einer Konkurrenz zwischen den Fächern, bei denen neben der Allgemeinmedizin auch andere, breit angelegte Fächer wie die Arbeitsmedizin, Unfallchirurgie, Orthopädie oder Psychiatrie das Nachsehen haben. Wären in den letzten Jahren nicht so viele Ärztinnen und Ärzte aus anderen Ländern zugewandert, hätten viele, vor allem ländlich gelegene Kliniken und Praxen längst geschlossen.

Mehr Medizinstudienplätze könnten dieses Problem lösen. Davon wollen jedoch der Staat und die Krankenkassen nichts wissen, weil jeder Medizinstudienplatz mindestens 200.000 Euro kostet und mit jedem Arzt die Ausgaben der Kassen steigen.

Eine andere Möglichkeit, den Nachwuchs in Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin, Unfallchirurgie etc. zu generieren, wäre eine an den Bedarf angepasste Festlegung von Weiterbildungsquoten. Die in Deutschland gelebte vollkommen freie Wahl der Facharztweiterbildung führt dazu, dass nicht genügend Fachärzte für Allgemeinmedizin ausgebildet werden, dafür zu viele in anderen Fachdisziplinen.

In Großbritannien, den Niederlanden oder Frankreich gibt es klar definierte Weiterbildungskontingente in den Städten und auf dem Lande, für die sich die Ärztinnen und Ärzte bewerben müssen. Aus meiner Sicht müsste der Gesetzgeber zum Zwecke der Sicherstellung der Versorgung solche Kontingente einführen.

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Hausärztinnen und Hausärzte als Garanten der Grundversorgung und Spezialisten für den ganzen Menschen werden aufgrund der demografischen Entwicklung künftig auch vermehrt in Städten gebraucht. Das Landarztproblem ist nur der Vorbote. Der Hausarzt kann nicht durch Kliniken und Fachspezialisten ersetzt werden. 


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