Klimawandel : Der Gipfel der Kurzsichtigkeit

Der weltweite CO2-Ausstoß steigt immer weiter an.
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Der weltweite CO2-Ausstoß steigt immer weiter an.

Dürre, Stürme und Überschwemmungen – die Folgen des Klimawandels betreffen uns alle. Und dennoch steigt der weltweite CO2-Ausstoß immer weiter an. Daran wird auch das nächste Klimaabkommen in Paris nichts ändern.

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05. Juni 2015, 09:34 Uhr

Kiel | „Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar.“ So lautet der wichtigste Satz aus dem letzten Synthesebericht des so genannten Weltklimarats, dem IPCC, vom Oktober 2014. Neu ist diese Erkenntnis nicht, die Hunderte von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Ländern zu Papier gebracht haben. In allen Berichten des IPCC – der erste erschien 1990 – findet man ähnliche Sätze. Die Belege für die anthropogene, also die durch den Menschen verursachte Klimaänderung sind in der Tat überwältigend.

Der Gehalt des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) ist heute so hoch wie seit fast einer Million Jahre nicht. Die Ursache ist die Art der Energiegewinnung, die weltweit zu circa 90 Prozent auf der Verbrennung der fossilen Brennstoffe (Kohle, Erdöl und Erdgas) basiert. Die Erde hat sich seit Beginn der Industrialisierung um etwa ein Grad Celsius erwärmt. Das klingt nach wenig. Wenn man bedenkt, dass der globale Temperaturanstieg zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit ca. 5°C beträgt, erscheint das Grad Erderwärmung schon in einem ganz anderen Licht. In der Arktis zieht sich das Meereis mit einer Rate zurück, die selbst die Wissenschaftler überrascht. Der Eispanzer Grönlands zeigt erschreckende Massenverluste so wie auch die Eismassen der Westantarktis. Die Meeresspiegel steigen. Seit 1900 sind es im weltweiten Durchschnitt 20 Zentimeter. Inseln drohen zu versinken. Jetzt endlich will die Politik handeln. Im Dezember soll in Paris ein neues Klimaabkommen verabschiedet werden.

Im Jahr 1992 fand der Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro statt. Er sollte der Aufbruch in eine nachhaltige Entwicklung sein. Die Kehrtwende in eine Zukunft ohne Raubbau an der Natur. Gewissermaßen eine Antwort auf die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahr 1972. In Rio hat sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt „…die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird.“

Zwanzig Jahre später, als man sich 2012 auf der Nachfolgekonferenz Rio+20 wiedertraf, war die Ernüchterung groß. Seit Beginn der 1990er Jahre sind die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen förmlich explodiert: der CO2-Ausstoß ist um ca. 60 Prozent gestiegen. Das CO2 lässt obendrein die Weltmeere messbar versauern, weil sie ein Viertel des CO2 aufnehmen, dass die Menschen in die Luft blasen. Die Folgen einer übermäßigen Versauerung der Ozeane sind unabsehbar, nicht zuletzt auch für die Ernährungssituation auf der Welt.

Einen Mangel an Wissen über die Ursachen des Klimawandels und seine Folgen gibt es in keiner Weise. Und trotzdem ist genau das Gegenteil von dem passiert, was eigentlich hätte passieren müssen. Was können wir also von Paris erwarten? Das Ergebnis wird, wie schon in den Jahren zuvor, bescheiden ausfallen. Das steht anhand der bereits formulierten Kompromisslinien der Amerikaner und Chinesen und einiger andere Länder fest. Natürlich wird man am Ende der Konferenz einen Durchbruch verkünden.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die internationale Klimaschutzpolitik steckt in der Sackgasse. Es gibt bestenfalls so etwas wie einen „gefühlten“ Klimaschutz. Wir alle versagen. Die Politik, die Wirtschaft, aber auch zum Beispiel die Gewerkschaften und wir Bürger. Allen Beteiligten ist nur eines gemein: die kurzfristige Sicht auf die Dinge. Die nächsten Wahlen, Shareholder Value oder das Festhalten an althergebrachter Technologie wie der Kohleverstromung wiegen schwerer. Und wir als Bürger wollen nicht begreifen, dass wir uns nur zu oft Scheinwerten hingeben. Ein Geländewagen ist kein Wert an sich! Familie schon.

Die Welt steht heute vor ganz neuen Herausforderungen. Wir leben in einer Zeit beschleunigter technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung sowie einer zunehmenden globalen Vernetzung in Wirtschaft, Kommunikation, Politik und Kultur. Einfache Ursache-Wirkung-Prinzipien gelten nicht mehr. Ein Beispiel ist die letzte Finanzkrise, die, ausgelöst durch die Immobilienblase in den USA, zu einer weltweiten Rezession geführt hat. Vorherzusehen war das nicht ohne Weiteres. Genauso wenig, wie die Wissenschaft die Folgen eines ungebremsten Klimawandels genau berechnen kann. Sind die zunehmenden Flüchtlingsströme vielleicht schon ein Anzeichen dafür, dass der Klimawandel für mehr Ungerechtigkeit auf der Welt sorgt? Heutige Risiken sind durch ein hohes Maß an Komplexität, Ungewissheit und Ambiguität gekennzeichnet. Überraschungen sind programmiert.

In so einer Situation kommt dem Vorsorgeprinzip eine große Bedeutung zu. Und es gilt dieses in praktische Maßnahmen umzusetzen. Die Energiewende ist so eine. Und noch eines: Das Wohlergehen der Menschen hängt nicht zuletzt von der Lösung der Energiefrage ab. Der deutsche Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853 - 1932) warnte schon vor über 100 Jahren: „Wir sind gerade dabei, von einem unverhofften Erbe zu leben, das wir in Form fossiler Brennmaterialien unter der Erde gefunden haben. Dieses Material wird sich aufbrauchen. Dauerndes Wirtschaften ist allein über die laufende Energiezufuhr der Sonne möglich.“

Die beste Strategie zur Lösung des Klimaproblems besteht darin, das Übel an der Wurzel zu packen. Wenn wir ein Problem mit dem CO2 haben, sollten wir es gar nicht entstehen lassen. Noch ist es nicht zu spät. Wir können das Blatt wenden. Die Alternativen existieren. Die Lösungen sind da. Die Energiewende schützt nicht nur das Klima, sondern sorgt dafür, dass sich Deutschland zukunftsfest macht. In diesem Zusammenhang ist die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Besteuerung der umweltschädlichen Kohle ein Schritt in die richtige Richtung. Die Diskussion darüber ist ziemlich entlarvend, weil sich auf einmal viele sich sonst als fortschrittlich darstellende Kräfte vehement gegen die Abgabe stemmen. Und schließlich: Die zentralistische Energieversorgung hat ausgedient. Der dezentralen Energieversorgung gehört die Zukunft, denn nur so können die erneuerbaren Energien ihre Stärken voll ausspielen. Das garantiert ein hohes Maß an Bürgerbeteiligung und Akzeptanz.

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