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Gastbeitrag : Bioenergie in SH: Die gefühlte Vermaisung

vom
Aus der Onlineredaktion

Friedhelm Taube von der Agrarfakultät in Kiel zu Bioenergie vom Acker: Zukunft oder Sackgasse?

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2015 | 15:39 Uhr

In Schleswig-Holstein scheint die Energiewende schon gelungen. Rein rechnerisch kann sich unser Bundesland mit Strom nahezu ausschließlich mit den Erneuerbaren versorgen. Allerdings hat das auch seinen Preis, den jeder Stromkunde an seiner Abrechnung ablesen kann. Entsprechend ist inzwischen eine gewisse Ernüchterung eingekehrt.

Insbesondere die Bioenergie vom Acker, die in Schleswig-Holstein in Form der Biogas- und der Biodieselerzeugung zusammen etwa gut zehn Prozent der Erneuerbaren ausmacht, ist ins Gerede gekommen und hat in der Politik Bremsmanöver ausgelöst. Mit der Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) ab dem Jahr 2014 sind die Anreize, Biogas aus Ackerkulturen zu produzieren, so weit herunter geschraubt worden, dass kaum noch neue Biogasanlagen gebaut werden. Dabei sind leider viele Vorurteile Leitschnur für die Politik gewesen und weniger die wissenschaftlichen Fakten, die zum Beispiel an der Agrarfakultät in Kiel im Forschungsprojekt Biogas-Expert umfänglich zusammengetragen wurden. Am augenscheinlichsten ist dies an der Kulturpflanze Mais festzumachen, denn die „Vermaisung“ der Landschaft hat es sogar bis in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung geschafft. Mit Mais für Biogasanlagen wurden folgende Behauptungen in Verbindung gebracht: Biogas aus Mais spart keine fossile Energie ein, hagert den Boden aus, braucht viele „Pestizide“ und viel Dünger, und „Maiswüsten“ schaden der Biodiversität.

Die wissenschaftlichen Fakten sprechen jedoch eine ganz andere Sprache: Biogaserzeugung aus Mais spart mehr als 60 Prozent Treibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen ein und erfüllt somit auch die Vorgaben der EU zur Nachhaltigkeit der Bioenergieerzeugung. So kann etwa aus einem Hektar Mais so viel Energie erzeugt werden, dass ein Pkw damit fast zwei Mal die Welt umrunden könnte. Keine andere Kulturpflanze neben der Zuckerrübe weist bei der Bioenergie vergleichbare Leistungen auf.

Zudem braucht Mais für den Höchstertrag ein Drittel weniger Stickstoffdünger als Getreide und in der Regel nur einen einmaligen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, während die meisten anderen Kulturpflanzen dreimal so viel benötigen. Und natürlich hagert Mais auch nicht den Boden aus und schadet der natürlichen Biodiversität nicht mehr als andere landwirtschaftliche Intensivkulturen. Und die „Vermaisung“? Es handelt sich in der Wahrnehmung der Bevölkerung um eine gefühlte Vermaisung, denn nach wie vor haben wir es in Schleswig-Holstein eher mit einer „Verweizung“ zu tun, also mehr Weizen als Mais auf den Ackerflächen.

Es bleibt die ethische Diskussion um „Tank oder Teller“: Ist es vertretbar, bei weltweit knappen Nahrungsmitteln Ackerflächen für die Bioenergie zu nutzen? Auch hier hilft es zunächst, einige Fakten aufzuführen: Das bisherige Ausmaß der Bioenergieerzeugung vom Acker in Deutschland und in Europa hat zu keinen messbaren Preisaufschlägen für Nahrungsmittel geführt, das zeigen mehrere ökonomische Analysen. Es ist aber auf mittlere Sicht auch richtig, dass der weltweite Nahrungsmittelbedarf bis zum erwarteten Maximum der Weltbevölkerung zwischen 2050 und 2080 weiter deutlich steigen wird. Doch ist die Bioenergieerzeugung auf Ackerflächen daher ethisch nicht vertretbar? Auch das ist nicht so einfach mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten, denn wenn die Steigerung des Nahrungsmittelbedarfs genauer analysiert wird, dann handelt es sich vor allem um Fleisch und andere Produkte tierischer Herkunft, die extrem viel Fläche je Produkteinheit verschlingen.

In der EU werden weniger als fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen für Bioenergie genutzt, aber 70 Prozent (!) für die Futtererzeugung, also Fleisch- und Milchproduktion. Weltweit betrachtet ist das ähnlich. Dazu verzehrt jeder Bundesbürger im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Fleisch, als es aus gesundheitlichen Gründen empfohlen wird – mit enormen volkswirtschaftlichen Gesundheitskosten in Höhe mehrerer Milliarden Euro pro Jahr. Und wenn man sich dann schließlich noch vor Augen führt, dass rein rechnerisch die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche Hessens und Baden-Württembergs notwendig ist, um den Bedarf für Hunde- und Katzenfutter in Deutschland zu befriedigen, dann muss schon die Frage erlaubt sein, ob wir nicht eine „Teller oder Trog“-Diskussion zu führen haben statt der Diskussion um „einige Hektar nachwachsender Rohstoffe“, die dafür sorgen, dass der Technologiestandort Deutschland auf dieser Basis Innovationen entwickelt, die Arbeitsplätze durch Technologievorsprung sichern.

Was ist daraus zu lernen? Fossile Energieträger sind ein endliches Gut und müssen mittelfristig durch alternative Energieträger ersetzt werden. Das bedeutet auch, dass sich die Kulturlandschaft ändern wird, so wie sie sich in allen Epochen verändert hat. Denn ein gewisser Anteil an Bioenergie vom Acker ist sinnvoll, weil diese Energie im Gegensatz zu Sonnen- und Windenergie immer verfügbar ist. Was in Zukunft besser gelingen muss, ist der Wissenstransfer des Erkenntnisfortschritts an die Bevölkerung und der sachliche Diskurs mit den gesellschaftlichen Gruppen, um einvernehmliche Lösungen zu finden, die auf Fakten beruhen.

Der Autor Friedhelm Taube ist Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der CAU Kiel, sein Schwerpunkt ist der ökologische Landbau.

Leserveranstaltung:
"Chancen und Grenzen der Energiewende"

Mittwoch, 29. April, Kaiser-Karl-Schule, Itzehoe

Was in Zukunft besser gelingen muss, und wo die Chancen, aber auch Grenzen der Energiewende liegen. Ein Vortrag von Friedhelm Taube, Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung.

  1. Einlass: 18:30 Uhr (Beginn: 19:00 Uhr)
  2. Eintritt: 8,50 €, ermäßigt 5,00 € (Abonnenten, SHUG-Mitglieder, Schüler /  Studenten)

Tickets erhalten Sie in den Kundencentern Ihrer Tageszeitung, hier online bei www.reservix.de und an der Tickethotline unter 0800 / 2050 2706.

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