Wohnen : Wenn nichts mehr geht: Streit bei der Eigentümerversammlung

Die Fassade braucht einen neuen Anstrich. Da kann es schon mal zu einem Streit über die Farbe kommen.
Die Fassade braucht einen neuen Anstrich. Da kann es schon mal zu einem Streit über die Farbe kommen.

Scheinbar geht es nur um die neue Farbe für die Fassade. Doch hinter Streitereien auf der Eigentümerversammlung verbergen sich oft ganz andere Konflikte. Einfache Lösungen gibt es dann nicht. Entgegenkommen zu zeigen, kann aber nicht verkehrt sein.

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18. November 2013, 14:16 Uhr

Eigentümerversammlungen haben oft ihre ganz eigene Dynamik. Diskussionen etwa über die Frage, ob im Garten Hortensien gepflanzt werden sollen oder ob die Fassade neue Farbe braucht, arten schnell in Streit aus und enden in Kleinkrieg. Manchmal kommen die zerstrittenen Nachbarn aus ihrer Rolle dann nicht mehr heraus, sagt der Konfliktcoach Werner Schienle aus Stuttgart im Interview:

Was ist so besonders heikel an Eigentümergemeinschaften?

Schienle: Nachbarschaftliche Beziehungen sind grundsätzlich besonders heikel, und sie können sogar richtig höllisch werden. Da schaltet sich das Großhirn aus, das Kleinhirn ein, und daher kommen dann die vielen Emotionen. Bei anderen Konflikten etwa am Arbeitsplatz kann man zumindest den Ort des Geschehens wechseln. Das geht in diesem Fall nicht ohne weiteres. Auch deshalb entsteht leicht der Eindruck, den anderen ausgeliefert zu sein. Das hat schon eine hohe Brisanz.

Und warum knallt es bei Eigentümerversammlungen so schnell?

Schienle: Wohnen hat eine existenzielle Dimension. Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich mein Wohneigentum als mein Territorium empfinde. Und dann haben die Konflikte viel mit Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Der Klassiker ist der Streit darüber, wie gemeinsame Kosten umgelegt werden, also zum Beispiel, ob bestimmte Ausgaben nach der Zahl der Parteien oder der Köpfe abgerechnet werden sollen.

Kann man sich darüber nicht vernünftig einigen?

Schienle: Sich einigen geht, solange ein gewisser Goodwill vorhanden ist. Ist das Verhältnis der Wohnungseigentümer aber erstmal in eine Schieflage geraten, kann es sein, dass man wegen 20 Euro einen Aufstand macht, der von der Sache her überhaupt nicht gerechtfertigt ist. Und wenn man erst einmal einsteigt in diese Art von Kleinkrieg, verlieren am Ende alle Beteiligten. Es gibt dann Situationen, in denen man gar nicht mehr weiterkommt.

Warum ist es so schwer, vernünftig zu bleiben?

Schienle: Es gibt diese Asymmetrie in der Wahrnehmung: Die Dinge, die ich erleide, wiegen immer viel schwerer als die, die ich anderen zufüge. Wenn ich einen Nachteil von einer Entscheidung habe, empfinde ich das als besonders stark. Dann können bei solchen Auseinandersetzungen auch Rangkämpfe eine Rolle spielen. Scheinbar geht es um den neuen Anstrich für die Fassade, aber eigentlich darum, dem anderen zu signalisieren «Du hast mir gar nichts zu sagen!».

Die Konflikte sind also manchmal Scheingefechte?

Schienle: Auf der Beziehungsebene kann es zwischen Nachbarn leicht Verwerfungen geben. Da hat der eine vielleicht ein großes Auto und der andere nur ein kleines. Und wenn der zweite dann nicht das entsprechende Selbstbewusstsein hat, versucht er das bei der nächsten Eigentümerversammlung wettzumachen.

Kann nicht der Verwalter oder ein neutraler Eigentümer die Konflikte moderieren?

Schienle: Der Verwalter ist jedenfalls in einer schwierigen Situation und muss aufpassen, nicht selbst in die Schusslinie zu geraten. Das kann leicht passieren. Eine neutrale Person, die moderiert, kann aber durchaus hilfreich sein. Es muss dann jemand sein, der sehr ruhig ist und ausgleichend wirkt. Dann kann das vielleicht klappen.

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