"Lieferung zur Zeit nicht möglich" : Babymilch wird im Norden knapp

Hamsterkäufe von Kleinimporteuren aus China führen nun auch in Schleswig-Holstein zu Lieferengpässen und Rationierung, doch eine Flensburger Kinderärztin beruhigt ratlose Eltern.

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18. März 2013, 08:10 Uhr

Kiel | Sonnabendmorgen in einem Kieler Drogeriemarkt: Drei ratlose Mütter vor dem Regal für Babynahrung, das große Lücken aufweist. "Ich war schon in vier Geschäften und habe kein Milchpulver für meinen Lütten bekommen", berichtet einen junge Frau. Ihr kleiner Sohn wurde sechs Monate gestillt, seit einigen Wochen erhält er jetzt Aptamil - eine Fertignahrung für Säuglinge von der Firma Milupa. "Es wird immer schwerer, noch eine Packung zu ergattern", berichten die Mütter übereinstimmend. Auch in den Internetshops ist die Fertignahrung derzeit Mangelware. "Lieferung zur Zeit nicht möglich", steht unter der Produktbeschreibung.

Der Grund: Die Nachfrage nach den Trockenmilch-Produkten - zum Beispiel Milumil und Aptamil von der Danone -Tochter Milupa - ist in den vergangenen Monaten sprunghaft angestiegen, weil chinesische Mütter die Packungen im großen Stil aufkaufen. Seitdem in dort produzierter Milch 2008 die Industriechemikalie Melamin entdeckt worden war, schwören viele Chinesen auf Trockenmilch aus Europa. Fast 300.000 Neugeborene erkrankten damals im Land der Mitte, sechs von ihnen starben. Das Misstrauen erhielt in jüngster Zeit zusätzlich Auftrieb, nachdem Pekinger Behörden Quecksilber in chinesischem Milchpulver nachwiesen.

Produktion läuft auf Hochtouren

Weil die Milupa GmbH nach eigenen Angaben ihre Produkte nicht nach Asien exportiert, ließen sich die chinesischen Mütter das Pulver von Bekannten und Verwandten aus Europa schicken. Dieses Geschäft übernehmen inzwischen aber im größeren Stil Klein-Exporteure und bringen Babynahrung verschiedener Hersteller über Taobao - das chinesische Pendant von Ebay - in den Handel. Dort wird das Milchpulver zu horrenden Preisen versteigert: Eine Dose aus deutscher Herstellung kostet umgerechnet bis zu hundert Euro. In Deutschland ist eine 800-Gramm-Dose Aptamil Pre für rund 15 Euro erhältlich.

Das Milupa-Werk im hessischen Fulda arbeitet nach Angaben des Firmensprechers Stefan Stohl an der obersten Auslastungsgrenze im 24-Stunden-Betrieb. 680.000 Dosen Babymilchpulver verlassen hier pro Monat das Werk. Aber die Produktion kommt nicht hinterher - die Nachfrage sei um 30 Prozent gestiegen, so Stohl.

Engpässe erreichen den Norden

Anfangs war die Babynahrung nur in Ballungsgebieten wie Berlin, Rhein-Main oder in NRW knapp - nun auch in Schleswig-Holstein. Betroffen ist nicht nur Milupa, sondern auch Produkte anderer Hersteller. Inzwischen rationiert der hiesige Handel die Abgabe von Milchpackungen: Mehr als zwei Pakete werden - sofern überhaupt vorhanden- nicht abgegeben, um Hamsterkäufe zu vermeiden.

Teilweise hatten Mütter bis zu zehn Packungen gekauft, wenn eine Lieferung kam. In ihren Internetshops entschuldigen sich die Hersteller für die Schwierigkeiten. Auch in der Kieler Rossmann-Filiale in der Elisabethstraße wirbt man bei den Eltern um Verständnis. Dort, wo das Babymilchregal große Lücken hat, weist ein Info-Zettel auf die Ursache des Engpasses hin.

Produktwechsel ist kein Problem

Den Eltern bleibt nicht anderes übrig, als zu anderen Marken zu greifen, um den hungrigen Nachwuchs zu füttern. "Der Wechsel zur Babymilch eines anderen Herstellers ist grundsätzlich kein Beinbruch", beruhigt die Flensburger Kinderärztin Eva Schafmeister. Auch in ihrer Kinderarztpraxis sind ratlose Eltern vorstellig geworden, weil ihre Vorräte von Aptamil oder Milumil zur Neige gehen. "Wichtig ist, dass die Kategorie der Babynahung beibehalten wird." Wer also Pre-Aptamil gefüttert hat, sollte, wenn nötig, auf ein anderes "Pre"-Produkt ausweichen und wer Milumil 1 nicht rechtzeitig bekommt, sollte andere Anfangsnahrung mit der Nummer 1 kaufen.

Ende März wird sich die Lage angeblich entspannen, erklären die Firmensprecher. Doch Experten bezweifeln das. So hat Hongkong - wo sich die Festlandschinesen zuletzt im großen Stil mit ausländischer Nahrung eingedeckt haben - jetzt verboten, die Sonderverwaltungszone mit mehr als zwei Dosen Säuglingsmilchnahrung zu verlassen. Bei Zuwiderhandlungen droht eine Geldstrafe von 500.000 Hongkong-Dollar (49.000 Euro) und bis zu zwei Jahren Gefängnis. Allein in der ersten März-Woche soll es 45 Festnahmen durch den Zoll gegeben haben.

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