Selfies auf Schienen : Wie sich Bahnreisende selbst in Gefahr bringen

Zugreisende laufen am Bahnsteig am Hauptbahnhof. Hinter der weißen Linie kann es durch einfahrende Züge zu Luftverwirbelungen kommen, die Gegenstände und Personen zum Zug ziehen können. F. /dpa
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Zugreisende laufen am Bahnsteig am Hauptbahnhof. Hinter der weißen Linie kann es durch einfahrende Züge zu Luftverwirbelungen kommen, die Gegenstände und Personen zum Zug ziehen können. F. /dpa

Bundespolizei und Bahn schlagen Alarm: Die Gefahren des Zugverkehrs werden zunehmend unterschätzt, sagen Polizisten, die entlang der Schiene auf Streife sind. Es kommt zu Unglücken und Zwischenfällen. Über Leben und Tod entscheiden kann schon ein Wind- oder Stromstoß.

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18. November 2019, 15:41 Uhr

Der Blick ist nach unten auf das Smartphonegerichtet, in den Ohren stecken Kopfhörer. Die weiße Linie im Bodenan der Bahnsteigkante ignoriert der Mann, der derart abgelenkt amHauptbahnhof auf dem Bahnsteig läuft. Den herannahenden Zug bemerkter nicht.

Ein Polizist macht ihn darauf aufmerksam. Mit erhöhterPräsenz und Aufklärungskampagnen will die für den Bahnverkehrzuständige Bundespolizei für das Thema sensibilisieren. Es bestehtHandlungsbedarf, sagen die Beamten. Ziel ist es, Unfälle zuvermeiden.

Gefährliche Sorglosigkeit

«Wir haben zunehmend den Eindruck, dass die Gefahren des Bahnverkehrsunterschätzt werden», sagt Friedrich Blaschke. Der Beamte derBundespolizei ist in Freiburg mit seinem Kollegen Fabian Morath aufStreife. Im Gedränge des morgendlichen Berufsverkehrs am Hauptbahnhofkönnen sie das Phänomen gut beobachten: Bahnreisende stehen dicht ander Bahnsteigkante, als ein ICE mit hohem Tempo einfährt. Sie strömenzum Zug, als dieser noch gar nicht steht. Auf einem anderen Gleisfährt ein Güterzug durch. Abstand zum Gleis hält kaum jemand.

Mehr Sicherheit durch Informationskampagnen

Die Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel ist die Hauptroute inNord-Süd-Richtung in Baden-Württemberg und eine der meistbefahrenenBahnstrecken Europas. Hier ist das Problem aufgrund der hohen Anzahlan Zügen und Fahrgästen besonders groß, sagen die Beamten. Doch auchandernorts müssten Bahn und Bundespolizei zunehmend aktiv werden.Betroffen seien alle Bahnstrecken: Routen des Fernverkehrs ebenso wieRegionalbahnlinien und Güterbahnstrecken. Immer wieder komme es zuUnglücken und Zwischenfällen.

Die Bundespolizei erhöht nun die Präsenz an Bahnsteigen, um so fürmehr Sicherheit zu sorgen. Zudem erweitern Bahn und Bundespolizei ihre Informationskampagnen, wie eine Sprecherin der Bahn sagt.

Riskante Sogwirkung

«Es ist eine trügerische Sicherheit», sagt Polizist Blaschke undnennt die Gefahren: «Ein Zug, der im Bahnhof ein- oder durchfährt,entwickelt eine große Sogwirkung.» Es wirbeln Winde auf. Diese könnenMenschen, Kinderwagen oder Gepäckstücke mitreißen: «Die weiße Linieauf dem Bahnsteig, die sichtbar in den Boden integriert ist undMenschen auf Abstand zu den Schienen halten soll, sollte daher zureigenen Sicherheit beachtet und erst überschritten werden, wenn derZug steht.» Die Gefahr, auf die Schienen zu stürzen, sei sonst groß.

Doch beachtet würden die Sicherheitshinweise immer seltener, sagtMorath: «Menschen sind - so unsere Beobachtung - immer mehr unterZeitdruck, Eigeninteressen stehen im Vordergrund.» Die Bereitschaft,Regeln zu akzeptieren und einzuhalten, nehme ab.

Als Beispiel nennt der Polizeikommissar Bahnübergänge. Nur an ihnendürfen Schienen überquert werden. «Es gibt aber viele Menschen, diekeinen Umweg auf sich nehmen wollen. Statt zum nächsten Bahnübergangzu gehen, laufen sie direkt über die Gleise.» Sie gehen damit lautBundespolizei ein lebensgefährliches Risiko ein. Denn durch ständigeFahrplan- und Gleisänderungen, durch Verspätungen und Zugverkehraußerhalb des Fahrplans wie Güter- und Sonderzüge könne niemandsicher sagen, ob und wann und aus welcher Richtung ein Zug komme.

Zudem seien Züge deutlich schneller und leiser als früher. Würden siegesehen oder gehört, sei es meist zu spät. «Schnell stoppen kann einZug nicht», warnt Morath. Der Bremsweg eines Zuges, der mit 100 bis160 Kilometern pro Stunde unterwegs, betrage bis zu einen Kilometer.Auf freier Strecke seien die Geschwindigkeiten noch höher und dieBremswege noch länger. Ausweichen könne ein Zug auch nicht.

Tödliche Trends

Hinzu kommen Leichtsinnigkeit und Abenteuerlust sowie Mutproben. Eingefährlicher und vor allem bei Jugendlichen beliebter Trend: Selfiesim Gleis: ein Selbstporträt, mit dem Handy aufgenommen auf Schienen,mit einem heranrasenden Zug im Hintergrund. Auch entsprechende Videoswerden immer häufiger gepostet, beobachtet die Bundespolizei. EineEntwicklung, die den Beamten Sorge macht.

Immer wieder komme es auch vor, dass Menschen auf Züge klettern odersich an Brücken den über den Zugstrecken verlaufenden und 15 000 Voltstarken Oberleitungen nähern. Das sei lebensgefährlich. Einen Kontaktüberlebe selten jemand. «Aber schon eine Annäherung kann tödlichenden», warnt die Deutsche Bahn. Der Strom könne bis zu 1,50 Meterweit überspringen und sei so eine tödliche Gefahr. Mit mehr als 1000Amper sei er 65 Mal stärker als Strom aus der Steckdose. Ein weitereslebensgefährliches Phänomen sei das sogenannte S-Bahn-Surfen .

Aufklärende Präventionsarbeit

Die Beamten reagieren auf diese Entwicklungen. «Wir versuchengegenzusteuern», sagt der Freiburger Bundespolizist ThomasSchlageter. Er ist in der polizeilichen Prävention tätig und macht inSeminaren und mit Aktionen auf die Gefahren des Schienenverkehrsaufmerksam. So geht er beispielsweise in Schulklassen und erklärtSchülern, wieso das Spielen an Schienen keine gute Idee ist. Die Bahnist ebenfalls aktiv. «Riskiere dein Leben nicht für ein Selfie»,heißt ein von ihr initiiertes Präventionsvideo für Jugendliche.

«Wir appellieren, sich an Regeln zu halten - im eigenen Interesse»,sagt Schlageter: «In den meisten Fällen stoßen wir damit aufVerständnis und Einsicht.» Zudem drohen Bußgelder.

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