Surfen, bis es kracht

Nur kurz abgelenkt durch das Smartphone, und schon ist der Unfall passiert
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Nur kurz abgelenkt durch das Smartphone, und schon ist der Unfall passiert

Ablenkung ist häufig Unfallursache / Sicher durch den Norden – eine Gemeinschaftsaktion unserer Zeitung mit den Itzehoer Versicherungen

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15. Juli 2015, 16:50 Uhr

Schnell eine SMS verschickt, ein Blick auf die neuesten Nachrichten, mal kurz zurückgeschrieben, eine andere Musik programmiert – das Smartphone gehört für viele Menschen inzwischen zum Alltag, auch wenn sie am Steuer sitzen. Das Risiko werde allerdings massiv unterschätzt, warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Die Folgen sind katastrophal: Bei jedem zehnten Verkehrsunfall, so schätzt der ADAC, spiele Ablenkung inzwischen eine entscheidende Rolle.

Man könne immer wieder erleben, dass Autofahrer Schlangenlinien fahren und sich offenbar für alles interessieren – nur nicht für den sicheren Umgang mit dem Fahrzeug, sagt der ADAC-Vizepräsident für Verkehr, Ulrich Klaus Becker. Sie seien damit eine Gefahr für sich selbst und für andere. „Wer mit Tempo 100 auf der Landstraße unterwegs ist und nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück – lange genug, um gegen einen Baum zu fahren oder in den Gegenverkehr zu geraten.“

Belastbare Unfallzahlen gibt es für Deutschland zwar nicht, weil die Polizei die Kategorie „Ablenkung“ bei der Unfallaufnahme nicht erfasst. US-Studien lassen allerdings den Schluss zu, dass das Schreiben oder Lesen von Textnachrichten beim Autofahren das Unfallrisiko um mehr als das 20-Fache erhöht, Telefonieren „nur“ um das Sechsfache. Fahrfehler durch Ablenkung, so beklagt der ADAC, haben aber auch hierzulande inzwischen „eine neue Dimension“ erreicht.

Das Telefonieren per Handy ist hierzulande – auf Empfehlung des Verkehrsgerichtstages – seit langem verboten. Es wird mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in der Verkehrssünderdatei geahndet. „Das Handyverbot wurde erlassen, als das mobile Telefonieren noch in den Kinderschuhen steckte“, sagt der aus Flensburg stammende Verkehrsgerichtstag-Präsident Kay Nehm. Durch das Smartphone sei das Problem der Ablenkung jedoch noch viel größer geworden, sagt Nehm. Gefährdet sind vor allem junge Fahrer, die es gewohnt sind, über Netzwerke wie Whats App, Twitter oder Facebook zu kommunizieren, stellt der Verkehrssicherheitsrat fest. So habe rund ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen bei einer Befragung eingeräumt, auch während der Fahrt zu tippen.

Dass die Rechtslage eindeutig ist, spielt für die jungen User offenbar keine Rolle: Ein Mobiltelefon darf während der Fahrt nicht benutzt werden. Der Gesetzgeber verstehe darunter nicht nur das Telefonieren, sondern auch das Schreiben von SMS oder das Einwählen in Internetdienste, stellt der Verkehrssicherheitsrat klar.

Dabei kommen die Autohersteller zunehmend einer DVR-Forderung nach: Die neue Generation der Autoradios unterstützt die Kopplung mit dem Smartphone via Apple Carplay, Android Auto oder Mirrorlink. Ausgewählte Apps können dann über den Touchscreen des Autoradios gesteuert werden. Die Hersteller blenden dabei alle Anwendungen aus, die den Fahrer ablenken könnten.

Im europäischen Ausland ist es übrigens fast immer deutlich teurer als hierzulande, mit dem Handy am Steuer erwischt zu werden. Spitzenreiter mit 230 Euro sind die Niederlande, unsere dänischen Nachbarn zahlen 200 Euro, die Franzosen mindestens 135 Euro, geht aus einer Bitkom-Übersicht hervor. Lediglich in Österreich und Polen beträgt die Mindeststrafe 50 Euro.

Dabei gehen die Franzosen seit wenigen Tagen noch einen Schritt weiter: Verboten sind nun auch die weit verbreiteten Bluetooth-Headsets. Eine neue Verordnung stellt die Nutzung von Kopfhörern – ob drahtlos oder schnurgebunden – unter 135 Euro Strafe. Selbst Radfahrern droht das gleiche Bußgeld. Ausnahmen gelten lediglich für Hörgeräte. Nur das Telefonieren über fest eingebaute Freisprecheinrichtungen ist bei unseren Nachbarn im Westen noch erlaubt.

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