zur Navigation springen

Statistik, Prävention und Jagd : Mehr Tiere, mehr Wildwechsel, mehr Unfälle in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jagdverband und ADAC mahnen Autofahrer jetzt im Herbst zu besonderer Vorsicht. Die Jagd auf die Tiere ist Teil der Prävention.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2015 | 10:22 Uhr

Kiel/Flintbek | Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Wildtieren nimmt in Schleswig-Holstein deutlich zu. Dies belegen Daten des Landespolizeiamts (LPA). Demnach gab es 2014 insgesamt 13.641 derartige Unfälle, 2013 waren es 13.247 und 12.599 im Jahr 2012 – ein Anstieg um mehr als 1000 Fälle im Norden innerhalb von nur zwei Jahren. Auch die Zahl der Verletzten stieg von 170 im Jahr 2013 auf 179 im vergangenen Jahr, es gab jeweils einen Toten.

Mit dieser Entwicklung einher geht ein kontinuierliches Wachsen der Wildtierbestände im Norden. Die Gesamtpopulation sei aber nicht erfassbar, so Marcus Börner, Sprecher des Landesjagdverbands. „Lediglich die jährliche Jagdstrecke lässt sich hier als eine Art Indikator nehmen.“

Laut Statistik des Jagd- und Artenschutzberichts wuchs etwa die Anzahl des erlegten Schwarzwilds (Wildschweine) im Zehnjahreszeitraum zwischen 2002 und 2012 von 7802 Tieren auf 14.743. Auch beim Damwild (Damhirsche) stieg diese Zahl von 7334 auf 10.901 an, ebenso deutlich die Zunahme beim Rotwild (Rothirsche) (801/1044) oder beim Rehwild (50.097/56.392). Beim Sikawild (Sikahirsch) gab es sogar einen Anstieg um mehr als das Doppelte von 110 auf 290 erlegte Tiere.

Präventionsmaßnahmen

 

Einen Grund für diese Entwicklung sieht Börner in der zunehmenden Zahl von Naturschutzflächen. Auch die ausbleibenden harten Winter seien mitverantwortlich, ebenso eine veränderte Bodennutzung durch die Bauern, wodurch sich dem Wild mehr Schutzräume böten. Gegen unliebsame Begegnungen zwischen Autofahrern und Wildtieren versucht man unter anderem präventiv vorzugehen. „Zur Abschreckung dienen die blauen Reflektoren an Straßenbegrenzungspfählen, spezielle Duftzäune oder Granulat.“ Man habe die Strategie angepasst und die Jagd an viel befahrenen Straßen verstärkt. „Wir jagen im Rahmen des zeitlich Möglichen und versuchen die Bestände herunter zu fahren, aber das ist schwierig.“

Börner warnt die Verkehrsteilnehmer: „Besonders in diesen Tagen und mit der Zeitumstellung in zwei Wochen fallen die Hauptverkehrszeiten mit der Dämmerung zusammen – jene Phase, in der Wildtiere besonders aktiv auf Futtersuche sind.“ Zudem sei aktuell beim Damwild Paarungszeit, was zu zusätzlichem unberechenbaren Wildwechsel führe.

Der ADAC rät Autofahrern ebenfalls dringend zur Vorsicht. „Es ist jetzt besonders wichtig, aufmerksam zu fahren und die entsprechenden Warnschilder ernst zu nehmen.“ An Wildunfall-Schwerpunkten würden zusätzlich viereckige Warnschilder mit einem Wild-Symbol aufgestellt. Wenn ein Zusammenstoß nicht zu vermeiden sei, solle man das Lenkrad beim Bremsen gerade lassen. „Das ist besser, als in den Gegenverkehr oder gegen einen Baum zu fahren. Nach einer Kollision ist in jedem Fall sofort die Polizei zu informieren.“

Warum die Jäger jetzt zur großen Jagd blasen

 

Ein lautes „Halali“ schallt durch die Wälder, Hunde brechen wild bellend durch dichtes Gestrüpp, Schüsse hallen über nackte Felder – in Schleswig-Holstein hat die „Hauptjagdsaison“ begonnen. Die Jäger haben es vor allem auf Rehe, Wildschweine und Rotwild abgesehen. Sie erfüllen im Winterhalbjahr einen großen Teil der staatlichen Abschusspläne, denn eine Bejagung ist in unserer Kulturlandschaft wichtig, sagte Landesjagdverbands-Präsident Klaus-Hinnerk Baasch. Ohne Jagd würden Wildschwein, Reh und andere Wildtiere sich massiv vermehren und große Schäden in unserer Kulturlandschaft anrichten. Das Fleisch der erlegten Tiere sei zudem ein hochwertiges Nahrungsmittel aus nachhaltiger Nutzung. Jagd ist auch ein Geschäft: Nach Angaben von Verbandssprecher Marcus Börner produzierten Schleswig-Holsteins Jäger im vergangenen Jahr Wildbret im Wert von über sechs Millionen Euro.

Die Jagd im Herbst und Winter hat lange Tradition. Ursprünglich diente sie der Versorgung mit Fleisch in der kalten Jahreszeit, sagte Baasch: Das findet sich noch heute in vielen Gaststätten wieder mit Angeboten wie Wildwochen. Mittlerweile stünden jedoch wildbiologische und rechtliche Aspekte im Vordergrund der Jagd. „Jetzt haben die Tiere ihre Jungen groß gezogen, und man nimmt vor allem die schwachen und kranken Tiere aus den Beständen heraus, von denen man annimmt, dass sie den Winter nicht überstehen.“ Dazu komme der rechtliche Aspekt, da in diesen Monaten für die meisten Wildtiere keine Schonzeit existiert.

Manche Tierschützer wie der Verein „Wildtierschutz Deutschland“ fordern ein generelles Verbot der „Hobby-Jagd“. Der Naturschutzbund (NABU) fordert eine Vereinheitlichung der Jagdzeiten auf die Monate September bis Dezember und eine Überarbeitung der derzeit üblichen Jagdmethoden. Aus Sicht des NABU sind in einem zukunftsfähigen Jagdgesetz nur noch Ansitz- und Bewegungsjagden zuzulassen, während Beiz-, Fallen- und Baujagden abgeschafft werden sollten. Die Jagd sollte ferner mit bleifreier Munition erfolgen, um Tiere, Umwelt und Verbraucher nicht weiter mit Blei zu belasten. Auf die Fütterung von Wild sollte grundsätzlich verzichtet werden. Zudem darf die Jagd in Schutzgebieten des Naturschutzrechts ausschließlich dem Schutzzweck dienen, Kernzonen von Großschutzgebieten sind als Wildruhezonen auszuweisen.

Der NABU fordert darüber hinaus, dass künftig deutlich zwischen der Jagd als eine Form der Landnutzung und dem Wildtiermanagement als geeignetes Instrument für Konfliktlösungen im Bereich von wirtschaftlichen Schäden sowie bei Artenschutzmaßnahmen unterschieden wird. Sogenannte Neozoen wie Marderhund, Mink und Waschbär sind aus NABU-Sicht aufgrund der nicht vorhandenen Verwertung keine jagdbaren Arten. „Für diese Tiere ist unter Umständen ein Wildtiermanagement zum Schutz anderer gefährdeter Arten erforderlich. Auch wenn dabei jagdliche Methoden zur gezielten Regulierung von Beständen angewendet werden können, soll das Wildtiermanagement dem Naturschutzrecht unterliegen“, so NABU-Jagdexperte Stefan Adler.

Unmöglich, sagen die Jäger: Man könne die Natur nicht einfach Natur sein lassen. „Wir leben nicht mehr in der Steinzeit, sondern in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft“, sagte Baasch. Die hat nach Angaben des Jagdverbands in den vergangenen 25 Jahren tiefgreifende Veränderungen erlebt, von denen besonders Wildschweine profitieren. Unter anderem der Wandel in der Energiepolitik habe dazu geführt, dass auf mittlerweile zehn Prozent der Bundesfläche Mais und Raps angebaut werden – das bedeute 26 Mal mehr Nahrungsquellen und Lebensraum für Wildschweine als in den 1990er Jahren.

„Die Jäger bekommen Ärger mit dem Landwirt, wenn Wildschweine in seinen Gemüse-Acker einfallen, aber auch mit dem Rosenzüchter, wenn Tiere an seine wertvollen Blumen gehen, oder mit dem Schrebergärtner, wenn dessen Rasen ‚umgepflügt‘ wird.“ Ohne Jäger würde sich laut Verband auch Pflanzenfresser wie Reh- oder Rotwild in unserer Kulturlandschaft stark vermehren und Bäume im Wald schädigen. Aber auch anpassungsfähige Räuber wie Fuchs, Marderhund und Waschbär könnten ohne Jagd die sowieso stark bedrohten Kleinsäuger und bodenbrütende Vogelarten regional stark dezimieren.

In Schleswig-Holstein besitzen den Angaben zufolge derzeit mehr als 21.500 Menschen einen Jagdschein, darunter rund 2300 Frauen. Bundesweit haben rund 370.000 Menschen eine Lizenz zum Jagen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen