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Deutscher Verkehrsgerichtstag : Kein Führerscheinentzug, aber verbindliche Testfahrten: Ältere Autofahrer im Fokus

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Unfallrisiko bei deutschen Autofahrern, die älter als 75 Jahre sind, ist sehr hoch. Experten fordern auf dem Deutschen Verkehrsgerichtstag nun die Einführung verbindlicher Testfahrten.

shz.de von
erstellt am 27.Jan.2016 | 12:58 Uhr

Die Zahl spricht für sich: Drei von vier Unfällen, in die mindestens 75 Jahre alte Autofahrer verwickelt sind, wurde auch von ihnen verursacht. Erst am Dienstag starb ein Fußgänger in Ahrensburg, nachdem er von einem 75-jährigen Autofahrer angefahren wurde - er hatte Gas- und Bremspedal verwechselt.

Tags zuvor verlor ein 86-jähriger Fahrer in einer Kurve in Hörup die Kontrolle über seinen Wagen und prallte gegen einen Baum. Bei dem Unfall starb seine Beifahrerin. Die bundesweite Unfallquote der Senioren ab 75 Jahren liegt damit höher als bei der Hochrisikogruppe der 18- bis 24-Jährigen, sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

ADAC begrüßt Vorstoß zu Fahreignungs-Tests

Daher fordert die UDV, dass ältere Autofahrer mittelfristig dazu verpflichtet werden sollen, Testfahrten mit geschulten Beobachtern durchzuführen, um herauszufinden, ob von ihnen eine erhöhte Unfallgefahr ausgeht. Das Thema steht auch auf der Agenda des 54. Deutschen Verkehrsgerichtstages, der heute im niedersächsischen Goslar beginnt.

Der Verkehrsgerichtstag hatte sich zuletzt vor einigen Jahren mit dem Thema Senioren im Straßenverkehr befasst. Das Gremium forderte ältere Autofahrer damals dazu auf, ihre Fahreignung freiwillig überprüfen zu lassen. Der ADAC unterstütze das Freiwilligkeits-Prinzip und biete deshalb schon seit einigen Jahren entsprechende Fahreignungs-Test für Senioren an, sagte die Sprecherin des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, Christine Rettig.

Zuspruch bekommt der Vorschlag auch vom verkehrspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Stephan Kühn. „Diese Fahrten sollten verpflichtend sein, da bei Fahrern ab 75 Jahren die Unfallhäufigkeit signifikant zunimmt“, sagte er den Ruhr-Nachrichten.  „Am Ende der Testfahrt soll also nicht der Entzug der Fahrerlaubnis stehen, sondern vielmehr, dass die Menschen mit Tipps von Fachleuten länger mobil bleiben können." Eine pauschale altersbezogene Kontrolle der Fahreignung hält er für unangemessen. Erfolgversprechender seien „individuelle Beratung und Training für ältere Autofahrer".

Politiker aus SH sind unterschiedlicher Meinung

Aus Schleswig-Holstein gibt es ein geteiltes Echo zu dem Thema: „Der Gedanke an verpflichtende Fahrtests für Senioren darf kein Tabu sein“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Kai Vogel. Einen Schritt weiter geht die Junge Union (JU). Sie verlangt regelmäßige Untersuchungen schon ab dem 70. Lebensjahr. „Seh-, Hör- und Reaktionsfähigkeit nähmen mit steigendem Alter deutlich ab“, sagt JU-Landeschef Tobias Loose.

Das Kieler Verkehrsministerium sieht das Thema skeptisch. Allein schon wegen des bürokratischen Aufwands setzt Verkehrsstaatssekretär Frank Nägele auf Information und Einsicht der älteren Autofahrer. An die Kommunen appelliert Nägele, über ihre Verkehrsbetriebe Anreize zu schaffen, das Auto stehen zu lassen. Indirekte Unterstützung erhielt er seitens der Bundesregierung, die zu Wochenbeginn Pflichttests für Senioren erneut ablehnte.

Die ehemalige Vizechefin im Landes-Seniorenrat, Jutta Kock, hält gar nichts von den Überlegungen, die sie als „diskriminierend“ einstuft. „Selbstüberschätzung gibt es in jedem Alter.“

Demografischer Wandel kann für steigende Unfallgefahr sorgen

Die Unfallforscher sehen dagegen Handlungsbedarf. Die Zahl der Kraftfahrer in hohem Alter wird nach Angaben der UDV wegen der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren stark zunehmen. Damit wachse auch die Unfallgefahr, sagt Brockmann. Dennoch hielten sich die meisten Senioren für gute Fahrer und ließen sich nur schwer auf Fehler ansprechen. Freiwillige Maßnahmen würden deshalb kaum angenommen.

Auch medizinische Labortests seien kaum geeignet, um „gefährliche Senioren“ zuverlässig zu erkennen, sagte Brockmann. Das belege die Auswertung zahlreicher internationaler Studien. Deshalb sei es auch nicht sinnvoll, den Erhalt des Führerscheins von solchen Tests abhängig zu machen.

Verbindliche Testfahrten dagegen halte die UDV für eine mögliche Lösung. Ziel sei es dabei nicht unbedingt, dass Senioren den Führerschein abgeben. „Deshalb sollten auch nicht die Führerscheinbehörden, sondern nur die getesteten Personen selbst eine detaillierte Rückmeldung bekommen“, sagte Brockmann. „Ansonsten bleibt das Ergebnis geheim.“

Testfahrten sollen Senioren helfen und sie nicht vorführen

Die Betroffenen könnten nach den Testfahrten jedoch ihre Fähigkeiten besser einschätzen. Sollten Defizite festgestellt werden, könnte es vielfach schon helfen, wenn Senioren anschließend ihre Fahrweise darauf einstellen und zum Beispiel nur in bekannten Gebieten fahren oder das Auto bei Dunkelheit in der Garage stehen lassen.

„Ich kann den Vorschlag verstehen“, sagt der Präsident des Verkehrsgerichtstages Kay Nehm. Mit dem Alter steige das Unfall-Risiko. „Und mancher, der sich für einen guten Fahrer hält, würde bei der Wiederholung der Fahrprüfung durchfallen.“

Verkehrsjuristen geht die Forderung der Unfallforscher denn auch nicht weit genug. „Verbindliche Testfahrten wären in Ordnung. Und es wäre gut, wenn sich zum Fahren ungeeignete Senioren auf Basis der Selbsterkenntnis einschränken oder den Führerschein abgeben“, sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins, Jörg Elsner.

Doch viele ältere Autofahrer seien uneinsichtig. Deshalb sollten ab dem 75. oder 80. Lebensjahr verbindliche Gesundheitstest durchgeführt werden. „Solche Untersuchungen mutet man Lkw-Fahrern schließlich schon ab 50 zu, und keiner regt sich darüber auf.“

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